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Das kreative Dreiländer-Eck

Impressionen vom trinationalen Künstlertreffen in Stein — Schau im Rathaus - 09.09.2014 14:30 Uhr

Kreative Völkerverständigung: Die polnische Künstlerin Kama Kuik porträtiert den 97-jährigen Georg Birzer. © Foto: Thomas Scherer


Ein intensiver Geruch nach Ölfarbe und Terpentin erfüllt das Atelier in der Mühlstraße. In dem riesigen Raum, der zur Akademie Faber-Castell gehört, werkeln die Maler an ihren Staffeleien. Nur eine Künstlerin hat sich auf Portraits spezialisiert: Kama Kuik aus dem polnischen Puck (sprich: Puzk) skizziert mit kühnen Strichen das Konterfei ihres Gegenübers: Georg Birzer ist fast 98 Jahre alt, hält sich aber aufrecht auf seinem Stuhl und strahlt unendlich viel Geduld aus.

Birzer ist der Vater des Malers und Veranstalters Edgar Birzer (61). Jedes Jahr organisiert er ein Treffen von rund zehn bildenden Künstlern aus Deutschland, Frankreich und Polen. „Wir veranstalten das immer abwechselnd in Stein und in Puck“, erläutert Edgar Birzer, „bloß in Frankreich hat es noch nie geklappt.“ Warum? „Das liegt vielleicht an der Mentalität“, mutmaßt er, „die westeuropäischen Künstler sind immer sehr auf sich bedacht und lassen sich nicht in die Karten schauen, wogegen in Osteuropa Künstlertreffen eine jahrzehntelange Tradition aufweisen. Schließlich boten sie früher einen höchst willkommenen Anlass, auf Reisen zu gehen. Und dann ist da noch ein zweites Element, was mich reizt: In Osteuropa besteht eine handwerklich ganz tolle Ausbildung.“

Drei Maler kommen aus Deutschland, zwei aus Frankreich, der Rest ist aus Polen angereist. Die älteste Malerin ist 73, die jüngste 39, die allerjüngste erst 14. Dina Carstensen ist nämlich die Tochter des Dolmetschers und darf im Kreise der Profis ihr Maltalent ausprobieren. Für die Gäste bestehen keine thematischen oder technischen Vorgaben, jeder ist frei, zu malen, was er will. Während Kama Kuik bereits Steins Oberbürgermeister Kurt Krömer mit grimmig-entschlossenem Blick ins Portrait gebannt hat, finden die anderen Maler offenbar Gefallen am fränkischen Fachwerk; eine Menge geometrischer Strukturen wuchern auf den Leinwänden. Jean-Claude Vincent legt sogar ein Brett auf die Leinwand und gebraucht es als Brücke, um seine Malhand darauf abzustützen und gerade Linien zu ziehen. Krystyna Buczkowska geht gar noch tiefer ins Gehölz, sie modelliert in Ölfarbe schrundige Baumstämme und komplex verzweigtes Wurzelwerk.

Beim Malen im Atelier allein soll es nicht bleiben, in den nächsten Tagen naht ein Ausflug nach Kelheim, um sich angesichts der Befreiungshalle, des Donaudurchbruchs und des Klosters Weltenburg mit Inspiration vollzusaugen. Pathos und Historie, Urgewalt der Natur, entfesselter Barock und himmlische Biergärten — das schreit nach künstlerischer Verarbeitung.

Drei Bilder pro Nase während des zehntägigen Aufenthalts in Stein sind Pflicht, es dürften aber weit mehr werden, obwohl die Acrylmaler gegenüber ihren Kollegen im Öl die Nase vorn haben, denn Öl trocknet nur langsam. Zur Not greift Dina Carstensen eben zum Fön. Die Früchte der Arbeit sind vom 12. September bis 10. Oktober im Steiner Rathaus zu bewundern. Jeder Künstler lässt danach ein Gemälde zur Versteigerung zurück. Der Erlös kommt der Bürgerstiftung Stein für soziale Zwecke zugute.

Doch was für ein Gemälde entsteht dort drüben? „Ja, sehen Sie das nicht?! Das ist ein Busen", klärt Malerin Christa John auf. Übrigens: Als Modell muss man nicht unbedingt Traummaße, ein Gesicht wie Mona Lisa oder einen Wuchs wie Schwarzenegger aufweisen. „Künstler finden eher Gefallen am Nichtvollkommenen, am ganz Normalen", erklärt John. „Auch und gerade an Bierbäuchen, eckigen Hüften und kantigen Schultern.“ In allen drei Ländern. 

REINHARD KALB

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