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Donnerstags gibt’s immer Schlachtschüssel

Das Rangau-Stüberl in Retzelfembach pflegt dem Wirtshaussterben zum Trotz gute fränkische Wirtshauskultur - 03.05.2017 13:00 Uhr

Wirtin Traudel Distler serviert ihrem Gast Alfred Strunz einen echten Klassiker: Blut- und Leberwurst, Bratwurst und Kesselfleisch auf Kraut. © Foto: Peter Budig


Die Liste der leerstehenden Wirtshäuser in Veitsbronn und seinen Nachbargemeinden kann Alfred Strunz auswendig herunterbeten. In Bernbach das Wirtshaus "Zum grünen Tal, "Das Wirtsgut zu Bernbach", "Die grüne Au", in Siegelsdorf die "Eisenbahn", die "Linde", oder in Veitsbronn selbst das "Schwarze Ross", das sogar renoviert und fertig eingerichtet leer steht und nur einen Pächter bräuchte, der sich der Sache kompetent annimmt. Es sind nur ein paar Beispiele, die der Gemeindeheimatpfleger da zusammengetragen hat. "Die fränkische Wirtschaft stirbt aus", sagt er seufzend und trinkt einen Schluck.

Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen. Doch die "Wärrdschaft" ist weit mehr: Ein Begegnungsort, wo Bauern und Ratsleute, Sportler und Schafkopfspieler jahrhundertelang zusammenkamen. Wo das Gemeindeleben besprochen wurde und der Gang der Weltgeschichte, so wie man sie wahrnahm.

Doch wer will heut’ noch Wirt sein? Hohe Abgaben und Nebenkosten, zahlreiche Vorschriften und Arbeitszeiten, die das Wort Freizeit zum Fabelbegriff schrumpfen lassen – das ist die Realität. Der Wirt und seine Frau müssen sich ihrem Beruf ganz und gar widmen, anders geht’s wohl nicht. Das wollen immer weniger Menschen auf sich nehmen. "Früher waren oft Metzgerei, Bauernhof und Gasthof eins", erinnert sich Strunz.

Und Baggers für Veganer

Das kann auch Traudel Distler nicht mehr bieten. Aber ihre fränkische Küche ist berühmt. Mit der Hand verfasst sie die Wochenkarte, die dann draußen im Schaukasten vom Rangau-Stüberl hängt und in die gedruckte Getränkekarte als Kopie eingefügt ist: Das Schäufele kostet 7,50 Euro, das Schnitzel Wiener Art 8,80, drei große fränkische Bratwürste mit Kraut und Brot 6,20, die halbe Bier 2,40. Und eine halbe Bier sind hier natürlich 0,5 Liter Kaiser Bier aus Veldenstein.

Sogar an die Veganer ist gedacht, in gut fränkischer Variante: Baggers mit Apfelmus bietet Traudel Distler an. Fleischesser dagegen kommen vor allem donnerstags auf ihre Kosten, wenn es Schlachtschüssel gibt: Bauchfleisch, Leber- und Blutwürste mit Kraut und Schwarzbrot, wer die große Portion für 6,80 Euro schafft, braucht schon einen gewöhnten Magen. Gerne wird der Rest eingepackt.

"Wo gibt es schon noch so eine Wirtschaft am Land, wo man unter der Woche ein Mittagessen bekommt", murmelt Stammgast Peter Greller über seiner kleinen Schlachtplatte. Den Berufsschullehrer im Ruhestand, er hat Bäcker- und Konditorenlehrlinge unterrichtet, wurmt der Trend zu Billigessen: "Die Geiz-ist-geil-Mentalität macht alles platt, die Bäckerbetriebe, die Metzger", beobachtet er seit Jahren. Alle, die in aufwendiger Handarbeit ihre Spezialitäten herstellen, leiden unter der Preispolitik der großen Discounter. "Die Folge: Die Jobs sind auch weg. Die Leute am Land, die früher eine Arbeitsstelle im Handwerksbetrieb hatten, müssen zum Arbeiten in die Stadt fahren."

Das kommt für Traudel Distler nicht mehr in Frage: Noch drei Jahre, bis 2020 will sie das Rangau-Stüberl selbst führen. "Dann sind 50 Berufsjahre in der Gastronomie voll und es reicht", sagt sie.

Für Alfred Strunz ist fast schon ausgemacht, dass auch hier niemand nachfolgen wird. Wird bald einmal die Wirtschaft, wie wir sie noch kennen und schätzen, ein Fall für eine Museumsstube? Der Heimatverein hat bereits ein kleines Museum eingerichtet, einen "Heimatraum" mit alten Haushaltsgeräten und Bauernwerkzeugen. Demnächst wird ein alter Erdbunker, der im Weltkrieg Schutz vor Fliegerangriffen bot, wie ein museales Sichtfenster hergerichtet.

Wenn man sich in der Rangau-Stube umsieht, mit den Fußballerpokalen, den ausgestopften Fasanen, Wieseln, Enten an der Wand, den Bildern von verstorbenen Stammgästen und lebendigen Stammtischen, dann sorgt man sich, dass solche Begegnungsstätten bald auch nur noch als Museumsstuben überbleiben. Und von der alten Gemütlichkeit bleibt nichts als eine wehmütige Erinnerung.

Wer Appetit auf einen Braten oder eine Schlachtschüssel bekommen hat: Bei Traudel Distler im Rangau-Stüberl (Retzelfembacher Hauptstraße 20) sollte man besser vorab reservieren und zwar unter Telefon (09 11) 75 37 10. Montag und Mittwoch sind Ruhetage. 

PETER BUDIG

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