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Samstag, 16.02.2019

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«Erhobenen Blicks erst sieht man das Licht«

Ovationen im voll besetzten Stadttheater: «Die Menschen von Primondo und Quelle« rührten und rüttelten auf - 02.02.2010

Ein Zitat von Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff neben dem Konterfei von Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg: Bitter-zynische Momente servierte das Ensemble nicht zu knapp. © Hans-Joachim Winckler


500 Quelle-Kataloge, geschichtet unter Hockern und unter einem Klangschalen-Tisch, bildeten das Bühnenbild, das nach hinten eine Leinwand abschloss. Ein kurzer Film mit Ausschnitten aus BR-Beiträgen zur Quelle-Krise im vergangenen Jahr eröffnete einen Abend, der poetisch war, knallhart, tieftraurig, bitter-zynisch und mitunter erfrischend komisch.

Josef Bößl gehörte zu den drei ehemaligen Quelle-Beschäftigten, die ihre Texte von Schauspielern vortragen ließen; ein solidarisches Gedicht einer obdachlosen Schriftstellerin, eigens für den Fürther Abend verfasst, las Jutta Czurda. Bößl, der die Katastrophe des Jobverlusts mit dem Orkan «Wiebke« verglich, sorgte für Momente erschütterter Stille - er hatte sich als musikalisches Geleit den inniglich schwebenden Choral «A Claire Benediction« auserwählt.

Winfried Lernet konterkarierte Jubel-Bilanzzahlen aus den siebziger Jahren mit einer Klangschalen-Performance, die sich wie ein Eintritt ins Totenreich anließ. «Ich bin nicht tot, ich werd’ nicht aufgeben, denn ich bin nicht kleinzukriegen«, sang das Trio Bach3Barden1Band alias Armin Bachhuber, Stefan Kugler und Marcus Waloschik zu groovendem Gitarrensound - rasch klatschte der Saal mit.

Hohngelächter und hämische Kommentare, als auf der Projektionswand die Konterfeis von Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz und Ex-Konzernboss Thomas Middelhoff auftauchten. Sibylle Mantau machte sich in einem bejubelten Schlagermedley («Schuld war nur die Wirtschaftskrise«) über die «Großkopferten« lustig.

Kenntnisreich blickte Lisa Hallmeier, die ehedem das Katalog-Design besorgte, in die Zeiten, da immer mehr Betriebswirte und Controller das Ruder übernahmen. Außendienstler Andreas Wieland sagte «Danke für ’ne super Zeit«, Monika Follmer rührte die Zuhörer mit einem (allzu wahren) Märchen, Callcenter-Mitarbeiterin Beatrix Zensner erschütterte mit dem Bericht ihres psychischen Zusammenbruchs nach der Pleite. Wie ein Chor aus der griechischen Tragödie trug das Ensemble zum Finale einen Text von Schriftsteller Ewald Arenz vor. Darin heißt es: «Nicht mit gesenktem Kopf kann man leben. Erhobenen Blicks erst sieht man das Licht.«

Für Stadttheater-Verhältnisse beispiellos war das Medieninteresse. Kamerateams unter anderem von ARD und 3sat waren dabei; der Kulturkanal erwägt, die Aufzeichnung des kompletten Abends bald zu zeigen.

Nicht minder stark war der Publikumsandrang. Bereits 40 Minuten vor Beginn der Aufführung gab es nur noch zwei Dutzend Karten. MATTHIAS BOLL 

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