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Heißmann und Rassau legen herrlich dämlich los

"Charleys Tante" kommt zum Saisonstart in die Fürther Comödie - 10.09.2017 02:00 Uhr

„Wer hat die Kokosnuss geklaut?“ Auf dem Probenfoto ist es eindeutig Martin Rassau. Seine Inszenierung kommt als musikalisches Lustspiel mit Evergreens aus den sechziger Jahren daher. © Horst Linke


Im Museum der fast vergessenen Wörter müsste es eigentlich in der Vitrine liegen, dort, wo auch Fundstücke wie "Blümchenkaffee", "Fräuleinwunder" und "Schäferstündchen" ruhen und mit nachsichtigem Lächeln bestaunt werden. Junge Leser müssen jetzt ganz stark sein oder fragen am besten gleich die Oma, was denn bitte das hier ist: eine Anstandsdame. Siehe auch: Gouvernante.

Ja, es gab Zeiten, da ein Date noch ein Stelldichein war und moralische Integrität wichtiger als die Telefonnummer. Ältere Damen passten mit Mundwinkeln, die selten nach oben zeigten, auf, dass ihr Schützling — weiblich, jung, unverheiratet — nur ja nicht vom Pfad der Tugend abwich. Nicht auszudenken, falls doch. Zum Ausstattungs-Extra der Anstandsdame zählte selbstverständlich jene Fallhöhe, die Komik erst möglich macht.

Brandon Thomas wusste, wie das funktioniert. 115 Jahre ist es her, dass der englische Autor eine Anstandsdame auf die Theaterbretter schickte, die, nun ja, bei Licht besehen überhaupt keine Dame ist. Und vielleicht auch gar nicht so anständig wie vermutet. Das Publikum wieherte vor Vergnügen, "Charleys Tante" avancierte zum Kassenknüller weltweit. Der Stoff über die beiden Kumpels Charley und Jack, die fürs Poussieren mit ihren Freundinnen eine Anstandsdame benötigen, ist in 100 Sprachen übersetzt worden, natürlich auch ins Deutsche. Zu Wilhelm-Zwo-Zeiten in allen Theaterstatistiken ganz weit vorn: "Charleys Tante".

Haken dran, lange her. Doch es irrt, wer glaubt, die sehr, sehr alte Tante komme nur noch im Rollator voran. Ein Mann in Frauenkleidern, zu Beginn des 20. Jahrhunderts Spießeralptraum und frivole Phantasie gleichermaßen, so etwas geht anno 2017, wo kein CSD-Day mehr für Schnappatmung sorgt, tatsächlich immer noch. Oder nicht?

"Das Stück ist eigentlich nicht mehr aufführbar", sagt Volker Heißmann, ein wuchtiger Satz zum Einstieg. Martin Rassau sekundiert sogleich: "Wenn man die Handlung liest, da stellen sich einem wirklich sämtliche Nackenhaare auf." Das erstaunt zumindest ein klein wenig, denn interessanterweise spielen Rassau und Heißmann ab Dienstag: "Charleys Tante." Aus guten Gründen. Einer ist: Nach zahlreichen nostalgischen Schwänken — die "Tante" wird die 19. BR-Aufzeichnung in der Comödie — ist die Repertoirelage langsam übersichtlich geworden, "und uns haben", sagt Heißmann, "immer wieder Leute angesprochen, wir sollen das doch mal machen".

Nun soll es aber Leute geben, die die Hausherren der Comödie durchaus bereits in Damenkleidern erlebt haben. Dass sich die mutwillige Verlängerung der Waltraud-und-Mariechen-Idee auf der Bühne rasch totlaufen könnte, weiß niemand besser als Heißmann und Rassau. Dann aber kam die Sternstunde namens "Ein Käfig voller Narren", Travestie im Vollwaschgang, 94 wild bejubelte Vorstellungen. "Der ,Käfig’ hat uns die Angst genommen, auch Frauen jenseits von Waltraud und Mariechen zu spielen." Womit die Bahn frei wurde für "Charleys Tante". Rassau spielt sie/ihn, als schussliger Butler Gottfried wird Heißmann im Einsatz sein.

Vieles, wenn nicht gar alles ist anders an dieser Fürther "Tante". Vom heutzutage nicht mehr vermittelbaren Plot des Originals bleibt in Stephanie Schimmers Fassung — sie hat das Stück völlig neu übersetzt und mit fränkischem Drive versehen — lediglich die Grundidee. Ein Freund hilft zwei testosterongesteuerten Jungs, indem er eine Frauenrolle spielt. Dieser Gabriel Lehmann ist auch nicht, Peter-Alexander-Fans erinnern sich, Diplomat mit Dienstsitz Brasilien, sondern ein Schauspieler, der am Stadttheater Fürth vorspricht und dort sein Glück versucht.

Apropos Peter Alexander: So unerträglich es auch ist, dem knallchargierenden Österreicher im 1963 gedrehten "Charleys Tante"-Spielfilm 54 Jahre später beim Kleiderwechsel zuzuschauen (Heißmann: "Ich hab’ auch den mit Rühmann nicht angeschaut, sonst hast du eine Schraube im Kopf"), den Zeitgeist jener Jahre wollen sie in der Comödie gleichwohl mit Kusshand auf die Bühne holen. Mit 13 Schlagertiteln aus den Sechzigern wird die Fürther Produktion — Rassau führt Regie, Benjamin Beckmann choreographiert — zum musikalischen Lustspiel, dessen Heuler unter anderem "Tipitipitipso", "Das alte Haus von Rocky Docky" und "Wer hat die Kokosnuss geklaut?" heißen.

Wolfs Arrangements

Wie schon im "Käfig voller Narren", so stammen sämtliche Arrangements von Thilo Wolf und Posaunist (und Fürther Musikschuldozent) Christoph Müller. Wolfs Big Band und das acht Damen und Herren starke Ensemble waren dieser Tage im Studio, die CD soll in der nächsten Woche erscheinen. Auch das Bühnenbild von Franz Schwarz: sechziger Jahre in Reinkultur. Die Sechziger in Fürth, wohlgemerkt.

Zu den bekannten Gesichtern im Ensemble, wie etwa Bernhard Ottinger und die "Gspusis" Christin Deuker und Sabrina Anderlik, gesellt sich ein neues. Kerstin Ibald zählt zu den bekanntesten Künstlerinnen der deutschsprachigen Musicalszene. Zu Beginn des Jahres war sie im Stadttheater die Herzogin Barbara in "Luther — Rebell Gottes", und am 18. September wird sie erfahren, ob sie den Deutschen Musical Preis als beste Nebendarstellerin entgegennehmen darf.

Und wer vom mit Sixties-Patina versehenen Verwechslungsschwank nach dem Comödien-Besuch noch immer nicht genug hat: Ende November schaut die Kammeroper München für vier Tage im Stadttheater vorbei. Genau, mit "Charleys Tante" in einer Operettenversion. Und die Moral von der Steinaltgeschicht’: Anstandsdamen sind wieder schwer gefragt.

"Charleys Tante": Premiere am 12. September, 19.30 Uhr, Comödie (Comödien-Platz 1). Bis 7. Oktober und 28. November bis 31. Dezember täglich (19.30 Uhr) außer montags, sowie sonntags 15 Uhr. Karten-Tel. 74 93 40. 

MATTHIAS BOLL

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