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Kinder auf dem Weg in die digitale Demenz?

Die Thesen von Hirnforscher Spitzer sind manchen hiesigen Pädagogen und Psychologen zu plakativ - 10.02. 09:00 Uhr

FÜRTH  - Professor Manfred Spitzer ist Hirnforscher, Leiter der Klinik für Psychiatrie an der Uni Ulm und eine Art Bildungspessimist. Seine These: Kinder und Jugendliche verbringen zu viel Zeit vor Fernseher und Computer, das führe zu „digitaler Demenz“. Die Bildung sinke, bald würden Westeuropäer T-Shirts für China nähen, orakelt Spitzer und warnt: „Wenn Sie Schulprobleme verschenken wollen, verschenken Sie eine Playstation.“ Wie dement ist der Nachwuchs bereits?

Dass Schüler am PC arbeiten (Bild) ist heutzutage normal. Hirnforscher Spitzer meint, Bücher und gute Lehrer wären genug.
Dass Schüler am PC arbeiten (Bild) ist heutzutage normal. Hirnforscher Spitzer meint, Bücher und gute Lehrer wären genug.
Foto: dapd
Dass Schüler am PC arbeiten (Bild) ist heutzutage normal. Hirnforscher Spitzer meint, Bücher und gute Lehrer wären genug.
Dass Schüler am PC arbeiten (Bild) ist heutzutage normal. Hirnforscher Spitzer meint, Bücher und gute Lehrer wären genug.
Foto: dapd

Klaus Ströhlein ist seit 35 Jahren Lehrer, ein alter Hase im Schulbetrieb. Der 63-Jährige unterrichtet Mathematik und Physik am Helene-Lange-Gymnasium, und ihm fällt auf, dass sich Schüler zunehmend schwer tun, wichtige Informationen aus Texten herauszufiltern. Eine Aufgabe, die er Fünftklässlern schon mal zum Spaß stellt: Hans braucht für seinen Schulweg eine halbe Stunde. Nun sind in der Nachbarschaft drei Kinder zugezogen. Wie lange brauchen alle vier für den Weg? Ströhlein: „Viele Kinder, viel mehr als früher, fangen da an wie wild zu rechnen.“

Mehr noch: Heutzutage rechnen die Kinder nach Beobachtung des HLG-Lehrers „eher stur und schematisch“. Selbst unsinnige Ergebnisse würden kaum hinterfragt. „Wenn rauskommt, dass einer hundert Meter in 0,2 Sekunden rennt, dann ist das halt so.“



Klar, Ströhlein kann nicht beweisen, dass es einen Zusammenhang mit dem Medienkonsum der Schüler gibt. Er nimmt es an. Denn fast alle wüssten, welche Kandidaten bei aktuellen Castingshows rausgeflogen sind und wer gerade Dschungelkönig wurde. Genau diese Fernsehsendungen aber zeigten ein und dieselbe Szene wieder und wieder und wieder. „Man muss sich heute nicht mehr konzentrieren“, sagt Ströhlein. Da sei es kein Wunder, dass Lehrer ihren Schülern „alles x-mal“ erklären müssten. Auf die spontane Frage, was sie mittags daheim als Erstes tun, hört Ströhlein von Fünftklässlern Antworten wie „Zocken“ (am Computer spielen) oder „Essen, fernsehen, Hausi machen“.

So lief das bis vor kurzem auch bei Astrid (19) und Sonja (18) (Namen geändert). Astrid ging erst mal online: mit Freunden chatten, das Wochenende planen. Sonja schaltete den Fernseher ein. Bei Soaps und Serien verflog die Zeit „wie nichts“. Ihre Hausaufgaben machte sie nebenbei oder abends im Bett. Wie sie, sagen beide, machten das heute wohl alle Jugendlichen. Astrid und Sonja haben ein „solides Abi“ geschafft. Ohne TV & Co. wäre ihr Notenschnitt vielleicht noch besser ausgefallen. Sonja weiß noch, dass ihr die Hausaufgaben leichter fielen, wenn sie sie ausnahmsweise gleich gemacht hat. Ihr Gefühl bestätigt, was Professor Gunther Moll, Leiter der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit am Uni-Klinikum in Erlangen, so ausdrückt: „Das Gehirn braucht Ruhe, um neu aufgenommenes Wissen zu ordnen.“ Gegen Computer hat Moll, anders als Hirnforscher Spitzer, an sich nichts einzuwenden, sofern das Kind im realen Leben Freunde hat, ihm in der echten Welt Werte und Moralvorstellungen vermittelt werden und sein Gehirn lesen kann. Medienkonsum nach dem Unterricht aber führe leicht dazu, dass die Informationen des Vormittags im Kopf gelöscht würden.

Claus Binder, in Fürth Chef des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands BLLV und Konrektor der Mittelschule Soldnerstraße, hat einmal erlebt, wie Moll einen Vortrag mit Folien gestaltete. Er staunte: „Das waren 150 Folien, das ging ,zackzack‘.“ Hirnforscher Spitzer hätte die altmodische Methode wohl begrüßt. Er findet Computer schädlich, Powerpoint-Präsentationen daher unnötig.

Binder ist das „zu populistisch“. Die Schule habe die Aufgabe, Kinder aufs Leben vorzubereiten, meint er, und Computer gehörten dazu. Das Schreiben mit zehn Fingern am PC „ist ja fast schon eine Kulturtechnik“. Dass manche Jugendliche nach dem „Medienflash am Wochenende“ montags müde und unkonzentriert zum Unterricht erscheinen, betrachtet Binder dennoch mit Sorge. Er plädiert deshalb für einen „kontrollierten, vernünftigen Umgang“ mit Medien.

Nur: Wie krieg’ ich mein Kind weg vom PC? Immer öfter wenden sich Eltern mit dieser Frage an Erziehungsberatungsstellen wie die der Stadt Fürth. Sozialpädagogin Mine Shayesteh rät, „nicht als Polizei aufzutreten und keine Zeiten vorzugeben, die man nicht kontrollieren kann“. Besser sei es, sich Zeit zu nehmen und, alternativ, gemeinsam am Tisch ein Spiel zu spielen oder rauszugehen.

Susi Grüner, staatliche Schulpsychologin an zehn Fürther Grund- und Mittelschulen, schätzt Spitzer als renommierten Forscher. Sein Playstation-Spruch aber ist ihr zu plakativ: Schulprobleme hätten für gewöhnlich mehrere Ursachen. Grüner ist für einen bewussten und altersgerechten Umgang mit Medien. „Warum muss ein Zehnjähriger in Facebook sein?“, fragt sie. Man lasse ja auch keinen Sechsjährigen auf der Straße radeln. Eltern sollten Regeln aufstellen, Grenzen setzen, aber mit ihren Kindern in Kontakt bleiben — und darauf achten, dass diese viel Zeit damit verbringen, sich im richtigen Leben zu behaupten. 



Birgit Heidingsfelder

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