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Millionenpleite: Fürther Sparer erleiden Schiffbruch

Containerfrachtschiff MS Fürth wurde zu Euro-Grab — droht eine Prozesswelle? - 16.06.2015 08:22 Uhr

Seit dem Fürther Jubiläumsjahr 2007 fährt die MS Fürth meist vollbeladen über die Meere. Trotzdem ist der Schiffsfonds der Sparkasse Fürth pleite. Anleger sind erbost und fühlen sich falsch beraten, die Sparkasse weist die Schuld von sich. Längst kümmert sich ein Insolvenzverwalter um das Containerschiff. © Mario Greßler


Daheim im Flur, da fährt die MS Fürth noch immer. Mein Schiff, sagt Margit Knauer, wenn sie über den Frachter spricht, dessen Foto eingerahmt in ihrem Haus hängt. Die 68-Jährige wundert sich selbst darüber, dass sie das Bild nicht längst zerrissen und weggeworfen hat. Glück hat das Schiff ihr jedenfalls nicht gebracht, 10 000 Euro sind futsch. Geld, das sich eigentlich vermehren und der Rentnerin im Alter zusätzliche Sicherheit geben sollte.

Margit Knauer ist nicht ihr richtiger Name. Den will sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Sie wohnt in einem Ort im Landkreis Fürth, in dem fast jeder jeden kennt. Dass sie so viel Geld verloren hat, müsse nicht zum Stadtgespräch werden. Dabei ist Knauer keinesfalls allein.

Da wäre der Mittvierziger aus Oberasbach, der die 10 000 Euro für die Ausbildung seines kleinen Sohnes anlegen wollte. Er sagt: „Klar hieß es, es könne mal geringere Ausschüttungen geben, wenn es nicht so gut läuft. Aber von einem möglichen Totalausfall war nie die Rede.“

Da wäre auch der frühere Bäckermeister aus dem Landkreis, über 80 Jahre alt und seit mehr als sechs Jahrzehnten Sparkassenkunde. „Die haben uns das Blaue vom Himmel versprochen“, klagt er, meint damit die Berater und fügt hinzu: „Das war doch alles seriös und sicher, die Stadt Fürth stand dahinter, der Oberbürgermeister . . .“

Zocker oder Spekulanten, das betonen alle, seien sie jedenfalls nicht.

Rückblick: 2007 feiert die Stadt Fürth mit viel Tamtam ihr tausendjähriges Bestehen. Ein Höhepunkt jagt den nächsten. Die Sparkasse Fürth bringt zu diesem Anlass eine Schiffsbeteiligung auf den Markt, ein „Exklusivfonds“, wirbt sie. Wer hier einsteigt, wird Miteigentümer eines Containerfrachtschiffs.

Fürth feiert – feiern Sie mit!, heißt es in einem Werbeprospekt, auf dem nicht nur das Sparkassenlogo prangt, sondern auch das städtische Jubiläumslogo „1000 Jahre Fürth“. Rathauschef Thomas Jung schreibt in seinem Grußwort von einem „sicherlich lukrativen Vorhaben“. Der damalige Vorstand Rainer Heller erklärt, warum die Sparkasse Fürth ihren Kunden einen Schiffsfonds nahelegt: Die Heilquellen, der Main-Donau-Kanal, die drei Flüsse – das Geschäftsgebiet der Sparkasse sei stark von Wasser geprägt. Heller wirbt: „Wir bieten allen weltoffenen und unternehmerisch denkenden Anlegern die Chance, am seit Jahrzehnten wachsenden Welthandel mitzuverdienen.“

Damals hatten alle Grund zum Strahlen: Die damalige Fürther Landrätin Gabriele Pauli tauft die MS Fürth in der Türkei. © privat


Im April 2007 tauft die Fürther Landrätin Gabriele Pauli – in ihrer damaligen Funktion als Verwaltungsratschefin der Sparkasse – nahe Istanbul ein Containerschiff aus türkischer Produktion auf den Namen MS Fürth. Es ist 149 Meter lang, hat Platz für 1155 Standardcontainer (TEU) und offenbar enorme Anziehungskraft auf Fürther Anleger. Für den Fonds der Sparkasse gibt es schon bald eine Warteliste. Nicht jeder, der will, darf sein Geld am Ende investieren.

Das Schiff nimmt Fahrt auf, bringt Fracht über das Mittelmeer und sogar über den Atlantik. Im ersten Jahr dürfen sich die Beteiligten über die versprochene Ausschüttung freuen. Dann platzt die Immobilienblase in den USA. Im September 2008 geht die Großbank Lehman Brothers pleite. Die Finanzkrise wächst sich zur Weltwirtschaftskrise aus. Der globale Handel bricht ein.

Sie fährt und fährt

Und die MS Fürth? Sie fährt und fährt und fährt. Trotzdem nimmt das Unheil seinen Lauf. Es gibt viele Schiffe auf den Meeren, aber nur wenig Fracht. Die Charterraten für Handelsschiffe brechen massiv ein, also jene Mietpreise, die Reeder dafür zahlen, ein fremdes Frachtschiff wie die MS Fürth nutzen zu dürfen. Für die Fondsgesellschaft wird somit die einzige Einnahmequelle zu einem dünnen Rinnsal.

Sprung in die Gegenwart, ein Büro in der Fürther Flößaustraße: Ralph Heller verliert nicht viele Worte. „Das ist eine Katastrophe, machen wir uns nichts vor“, sagt er und meint den Totalverlust der Anleger. Hellers Firma HW HanseInvest berät Banken, Sparkassen und Investoren, spezialisiert ist er auf Investments in Immobilien, Flugzeuge und: Schiffe.

Bei der Vermarktung der MS Fürth arbeitete die Sparkasse 2007 mit HW HanseInvest zusammen. „Wir prüfen“, sagt Heller, „ob das, was im Prospekt steht, aufgehen kann.“ Das Konzept der MS Fürth war ihm zufolge „eigentlich brillant“, trotzdem platzte es. Warum? „Eine Weltwirtschaftskrise, wegen der die gesamte Schifffahrt jetzt schon für sieben Jahre in die Grütze fährt“, klagt er, „ist einzigartig in der modernen Seefahrt und nicht vorhersehbar gewesen.“

Tatsächlich haben die Charterraten bis heute nicht annähernd Vorkrisenniveau erreicht. In der Spitze lagen sie laut Heller bei 18 000 Dollar pro Tag, im langjährigen Durchschnitt bei 10 500 Dollar. Nach 4300 Dollar im Jahr 2009 bewegen sie sich gegenwärtig bei rund 8000 Dollar. Tendenz steigend – für den Fonds kommt das zu spät. Dabei war mit dem Charterer Turkon Line, also jenem Unternehmen, das die MS Fürth gegen ein Entgelt betreiben sollte, eine feste Rate über fast die gesamte Beteiligungsdauer vereinbart worden.

Das Problem: Wegen der Krise konnte der Charterer sie sehr schnell nicht mehr bezahlen. Und das, obwohl mit der Turkon Gruppe ein Firmenimperium hinter der Reederei steht, das knapp 50 Prozent am Fonds der MS Fürth gehalten hat.

Anleger wittern Betrug

Notgedrungen beschloss eine Anlegerversammlung im Jahr 2009, der angeschlagenen Reederei die Zahlungen zu stunden – in der guten Hoffnung, dass sich der Markt rasch wieder erholt. Heute fragen sich die Anleger, warum man Turkon damals nicht auf den Betrag festgenagelt hat – manche wittern sogar Betrug. Der kleine Fürther Sparer hat alles verloren, während sich „der Türke“ möglicherweise bereichert hat?

Ralph Heller, den die Anleger gleich zu Beginn in den Beirat – ein Kontrollgremium des Fonds – gewählt hatten, schüttelt den Kopf. „In dieser ganzen Angelegenheit“, sagt er, „gibt es definitiv keine Gewinner.“ Auch nicht Turkon Line, laut Heller einst die größte türkische Reederei und eine gesunde Gruppe: „Wir kannten ja die Bilanzen.“ Die Krise habe die Eigentümerfamilie Kalkavan, die in der Türkei einen sehr guten Namen habe, schwer gebeutelt. Um Löcher im Reedereigeschäft zu stopfen, musste die Turkon-Gruppe Reserven auflösen, weiß Heller, darunter Beteiligungen an einer Mineralwasserfabrik und in Branchen wie Energie und Tourismus.

Heller, übrigens nicht verwandt mit Sparkassen-Mann Rainer Heller, beharrt: Hätte die Fondsgesellschaft auf der Festcharter bestanden, hätte das die Gruppe, die heute ohnehin völlig überschuldet sei, in die Insolvenz getrieben. Turkon habe mit der MS Fürth ebenso viel Geld verloren wie die Fürther Anleger.

Und Heller selbst? HW HanseInvest sei natürlich für die Konzeptbegleitung entlohnt worden, räumt er ein. Der Schaden, auch am Image, sei aber deutlich größer. „Es ist nie ein Geschäft, wenn etwas nicht läuft.“ Hinzu kommt: Überzeugt vom Anlagekonzept, habe er als Privatmann ebenfalls eine große Summe durch den Fonds verloren. „Ich kann den Unmut der Leute also gut nachvollziehen.“

Von der Chefetage des Fürther Sparkassenhochhauses schweift der Blick zwar nicht bis zum Mittelmeer, aber weit über die Dächer von Fürth. Der Ärger der Anleger dringt hoch hinauf bis in den achten Stock. „Das ist dramatisch, ärgert uns und tut natürlich weh“, sagt Hans Wölfel, der den Vorstandsvorsitz im Oktober 2007 von Rainer Heller übernommen hat.

Beim Gespräch mit den FN stellt Wölfel schnell klar: Sein Haus habe sich nichts zuschulden kommen lassen. Wie Partner HanseInvest sehen die Banker die Ursache für das Debakel in der großen Krise. 2007 brummte die Weltwirtschaft, der Warenverkehr – auch zur See – nahm stetig zu. Natürlich plane man Schwankungen ein, sagt Vorstandsmitglied Lothar Mayer. „Aber ein solcher Zusammenbruch der Märkte entzieht sich jeder Kalkulation.“ Der Schiffsmarkt sei heute noch im Krisenmodus.

Dass manche Anleger der Sparkasse vorwerfen, sie habe sie falsch beraten, stößt der Führungsspitze sauer auf. „Es gibt vierseitige Beratungsprotokolle, die über alle Risiken aufklären, die eine solche Anlage birgt“, sagt Stefan Hertel, der Leiter des Bereichs Banking und Wertpapiergeschäft. „Dabei hört der Kunde so oft das Wort Risiko, dass er sehr wohl weiß, was er mit seiner Unterschrift tut.“ Auch von einem möglichen Totalverlust sei die Rede gewesen.

„Ich lege die Hand ins Feuer“

Neben dem Schiffsfonds gab die Sparkasse Fürth 2007 auch einen sicheren „Jubiläumssparbrief“ mit einer Rendite von rund vier Prozent heraus. Über 7000 Kunden griffen zu. „Manchen reichte das aber nicht aus“, sagt Hans Wölfel mit Blick auf den lukrativeren, aber riskanteren Fonds, der nichts anderes war als eine Unternehmensbeteiligung.

Kann die Sparkasse denn behaupten, dass die Berater die Protokolle mit jedem einzelnen Kunden sorgfältig durchgegangen sind? „Ja, für meine Mitarbeiter lege ich die Hand ins Feuer“, sagt Hans Wölfel mit Überzeugung das, was ein Vorstand wohl auf diese Frage antworten muss.

Das Ende der MS Fürth im Zeitraffer: Wegen der geringen Charterraten konnte der Fürther Fonds Zins und Tilgung bei der HSH Nordbank nicht mehr vertragsgemäß bedienen – obwohl das Schiff zuverlässig fuhr. „Das ist wie bei einem Handwerker, der fleißig arbeitet, aber dessen Umsatz nicht die Kosten deckt“, sagt Sparkassen-Mann Lothar Mayer. „Der ist auch irgendwann am Ende.“

Die seit der Krise selbst schwer angeschlagene HSH Nordbank machte Druck. Bei einer Versammlung 2014 forderte sie die Anleger auf, frisches Geld zuzuschießen, um den Fonds zu retten – in der Hoffnung, dass sich die Containerschifffahrt weiter erholt. Doch enttäuscht vom bisherigen Investment, verweigerte sich die Mehrheit. Das Aus für den Fonds. Totalverlust. Hätte die Sparkasse an diesem Punkt für ihre Anleger in die Bresche springen müssen, in dem sie den Betrag vorschießt, den die HSH Nordbank forderte? „Nein, denn dafür gibt es keine rechtliche Grundlage“, sagt Vorstand Hans Wölfel. Und ohne diese dürfe er Sparkassenvermögen keinesfalls in einer solchen Risikosituation einsetzen.

Seit Sommer 2014 kümmert sich nun der Hamburger Insolvenzverwalter Burckhardt Reimer um die MS Fürth. Sie fährt immer noch. Um Zins- und Tilgungsdienst zu leisten, reicht es aber immer noch nicht. Reimer will das Schiff bis Jahresende auf dem freien Markt verkaufen, ihm zufolge hat es einen Wert von rund sechs Millionen US-Dollar.

Allerdings: Der Erlös wird an den Gläubiger HSH Nordbank gehen, der den Fonds mit viel Fremdkapital finanziert hatte: „Es ist auszuschließen, dass die Anleger Geld sehen“, sagt Reimer. Denn: Die Forderungen der Bank an den Fonds übersteigen den erhofften Erlös um mehr als das Doppelte. Das bedeutet: Auch für die HSH Nordbank wird die MS Fürth zum Millionengrab.

Auf dem Weg nach Georgien

Einige Anleger versuchen bereits, auf juristischem Weg ihr Geld zurückzufordern. Sparkassenchef Wölfel betont, dass Vorwürfe, die auf falsche Beratung abzielten, vor Gericht abgewiesen wurden. In mindestens einem Fall muss die Sparkasse das Geld aber tatsächlich teilweise zurückzahlen. Der Kläger konnte nachweisen, dass die Bank nicht offengelegt hatte, für den Abschluss der Anlage eine Provision genommen zu haben.

Für Wölfel ist das ein ungeheurer Vorgang. „Das ist ja so, als müsste ein Autohaus extra noch betonen, dass nicht nur der Hersteller, sondern auch der Händler am Verkauf eines Wagens verdient.“ Ganz anders betrachtet das Christian Fiehl, Nürnberger Anwalt des erfolgreichen Klägers. Er ermuntert alle Teilhaber der MS Fürth, zu klagen. Zwar müsse das Gericht jeden Einzelfall prüfen. Grundsätzlich aber, sagt er, gelten die Rechtsgrundlagen des Urteils für jeden Anleger.

Es sieht also so aus, als werde das Schiff alle Beteiligten noch länger beschäftigen – womöglich auch die Juristen der Sparkasse.

Gegenwärtig durchquert die MS Fürth das Schwarze Meer Richtung Georgien. Beobachten lässt sich das dank Seiten wie www.marinetraffic.com. Nach dem Eigentümerwechsel wird sie ihre Fahrten wohl unter neuem Namen fortsetzen. Eine Umbenennung, sagt Insolvenzverwalter Reimer, ist nach dem Kauf die Regel.

In einem Ort im Landkreis Fürth, im Flur von Margit Knauer, wird die MS Fürth die MS Fürth bleiben – falls ihre Fahrt eines Tages nicht doch noch im Papierkorb endet.

  

Johannes Alles

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