Dienstag, 23.10.2018

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Oberschildbürger auf Weltraumkurs

Fürth vor 25 Jahren: ein Rechenproblem im Stadtrat, gnadenloser Frohsinn und Waldsterben hautnah - 24.01.2009

Aber jetzt gilt‘s: Fritz Engel (links) geht als Bürgermeister mit der kürzesten Amtszeit in die Geschichte ein. Leonhard Abraham übernimmt die noch originalverpackten Siegernelken. © Meyer


Also, bitteschön, einmal ausgelassenes Treiben: Im Stadtrat reißen sich zwei gesetzte Senioren um den Job des ehrenamtlichen Bürgermeisters. Heinrich Stranka, der bisherige Amtsinhaber, ist kurz vorher gestorben. Die Art und Weise, wie seine Nachfolge geregelt wird, dürfte ihn in seinem Grabe regelrecht rotieren lassen – auch ohne Dschingderassabumm.

Der hohe Rat drängt auf eine Entscheidung, obschon im März die nächste Kommunalwahl ansteht und dann sowieso wieder das große Stühlerücken einsetzt. Es kandidieren: Fritz Engel (SPD) und Leonhard Abraham (CSU). Knisternde Spannung im Sitzungssaal, dann das sensationelle Ergebnis. The winner is: der Engels Fritz. Tusch, Applaus und rote Nelken für den Neuen. Trauer bei den Schwarzen und den Gelben.

Aber dann kommt’s. Der Wahlleiter hat offenbar eine Rechenschwäche. Alternativ könnte man sagen, es hat sich ein Fehler eingeschlichen. Doch Fehler sind nun mal keine Indianer, sie schleichen nicht, nicht einmal im Fasching. Neue Wahl, neuer Tusch, Nelken zurück. Nun tritt Leonhard Abraham das Erbe von Stranka an.

Immerhin: Fritz Engel geht als der Bürgermeister mit der kürzesten Amtszeit in die Geschichte ein. «Schilda im Stadtrat» empören sich am folgenden Tag die Fürther Nachrichten.

Derweil bringt sich Sozialreferent Uwe Lichtenberg (SPD) an oberster Stelle als Oberschildbürgerkandidat in Erinnerung. Wegen der gewünschten, aber offenbar in den Mühlen der Bürokratie hängenden Sanierung des Stadtkrankenhauses, schreibt Lichtenberg ein paar forsche Zeilen an Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU). «Schaut auf diese Stadt!», oder so ähnlich. Es ist ja nicht nur Fasching, sondern auch Wahlkampf. Da hat der Strauß in seiner Staatskanzlei bestimmt die Hacken zusammengeschlagen.

Ein Bittbrief des Kleeblatts könnte dagegen nur an den Fußballgott adressiert sein. «Adler, der Held von Ampfing», jubelt der leidgeprüfte FN-Sportredakteur, nachdem sich ein 18-jähriger Torjäger im aktuell etwas weniger glanzvollen Abschnitt der Vereinsgeschichte verewigt hat. Ampfing - wer will schon der Held von Ampfing sein?

Immerhin ist es von diesem seltsamen Ort bestimmt nicht weit zu einem beliebten Ausflugsziel von Naturschützern. «Waldsterben hautnah», so wirbt unsere Zeitung für eine Reise ins Erzgebirge. «Kein Vogel singt mehr . . . nichts wächst mehr.» Der zuständige Redakteur ist ernstlich betroffen. «Man kann nur hoffen, dass unser deutscher Wald, der ein sehr wichtiges Element in unserem Raumschiff Erde ist, nicht ein ähnliches Schicksal erleidet.»

Und wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Slogan her. Trotz Waldsterben und Fasching wirft der Verkehrsverein im Raumschiff Fürth ein obamamäßiges Werbeplakat auf den Markt. «Das neutrale Poster soll bei verschiedenen Anlässen für Sympathie werben.» Aha. Und was steht drauf? «Fürth, die liebenswerte Stadt in Franken.» Yes, we can. 

Kurt Heidingsfelder

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