Sonntag, 18.11.2018

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Prämierte Bäuerin beackert Nischenfeld

Jutta Horneber von der Kernmühle, dem Bildungshof bei Roßtal, ist «Unternehmerin des Jahres 2008» - 28.11.2008

Jutta Horneber und ihr «starkes Team», wie sie es nennt: Viki Meißner kümmert sich ums Büro, Uta Hahn hält das Seminarhaus in Schuss und Gatte Martin Horneber füllt wie seine Frau das Haus mit Seminarteilnehmern und Gästen. © Esterl


Als Jutta Horneber 1985 in das im Bibertgrund zwischen Weinzierlein, Ammerndorf und Roßtal gelegenen Einzelgehöft der Kernmühle eingeheiratet hat, ist sie in einer Familie gelandet, von der sie sagt, «dass hier noch nie mit Scheuklappen gearbeitet wurde». Der Betrieb ist seit über 100 Jahren in Familienbesitz und hat sich ständig verändert. Und mit der Hofübergabe sollte es erneut eine Zäsur geben.

Für das junge Paar Birgit und Martin Horneber war es unvorstellbar, «mit der Spritzmaschine auf die Äcker zu fahren, wenn wir selbst Kinder haben würden. Wir wollten die Natur erhalten und die Schöpfung bewahren». Also stellten sie vom konventionellen auf den Ökoanbau und die Direktvermarktung um. Dieses Frühjahr, als sie begannen, ihrer Kundschaft «übel zu nehmen, dass sie nicht mehr kam» - die aus dem Kraut geschossenen Bio-Theken der Discounter lagen näher - sperrten sie den Hofladen nach 20 Jahren zu.

Heute konzentriert sich das Geschäft auf dem 5000 Quadratmeter großen Hof mit der zu Mietwohnungen umgebauten Mühle, zwei Ställen und diversen Scheunen auf das Seminarhaus. Die Kernmühle ist Bildungshof geworden. «Für uns war immer wichtig, darauf zu reagieren, was gerade dran ist, das aber immer vor dem Hintergrund, dass es uns auch Spaß macht», sagt Jutta Horneber.

Die bessere Wahl

Im Rückblick findet sie, sie habe die bessere Wahl getroffen. Ursprünglich wollte sie, die der Landwirtschaft so nah nicht stand, allein schon weil sie Allergien plagten, Hauswirtschaftslehrerin werden. Doch die didaktische Ausbildung hat die hauswirtschaftliche Betriebsleiterin nicht mehr absolviert. Beides - den Hof auf ökologischen Landbau und Direktvermarktung mitumzustellen und die Ausbildung - «das wäre zu viel gewesen». Bildungsarbeit macht sie heute trotzdem. Im Gegensatz zur Schule allerdings mit Menschen, «die sich interessieren und die ganz freiwillig zu uns kommen». Den Anfang machten Ende der 90er Jahre Angebote für Schulklassen. Heute kommen jedes Jahr 700 Schüler auf dem Horneber-Hof und erleben, wie aus Korn Brot wird, oder erfahren, was in Gemüse alles steckt.

Die beiden Kinder der Hornebers, ebenfalls Allergiker, veranlassten die Mutter, sich intensiv mit gesunder Ernährung zu befassen. Ihre Fortbildungsschmiede wurde der Verein für unabhängige Gesundheitsbildung mit Sitz in Gießen (www.ugb.de), wo sie sich zur Gesundheitstrainerin mit Schwerpunkt Ernährung und Persönlichkeitsbildung schulte.

Ihre ersten Kurse gab die Ernährungsfachfrau in der privaten Küche. «Auf Dauer kein Zustand», wie sich Jutta Horneber erinnert. Und weil sich Gatte Martin parallel ebenfalls fortbildete im Fach Unternehmungsberatung, einer Tätigkeit, der eine Tagungsstätte nicht schaden konnte, beschloss das Paar, den Einkommenszweig zu professionalisieren.

So schraubten sie den Hühnerbestand von 1500 auf 700 herunter. Und in dem Stall, in dem bis vor drei Jahren die Hennen scharrten, ist ein lichter, in warmen Tönen gehaltener Seminarraum mit Büros und einer geräumigen Küche entstanden. Seitdem konzentriert sich das Geschäft am Hof auf «fit & gesund Workshops», auf Firmenseminare und Kochevents. Auch Familien feiern hier. Die Hornebers haben ihre Nische gefunden.

Der Kurs «Ich koch’ meiner Liebsten was» ist der Renner. Da stellen sich lauter Männer unter Anleitung von Jutta Horneber in die Seminarküche. Drei Stunden später kommen die Lebensgefährtinnen nach und lassen sich beim Fünf-Gänge-Menü aus ökologisch angebauten Produkten stilvoll verwöhnen. «Toll ist das, zu erleben, welch kumpelhafte Atmosphäre herrscht, wenn bis zu 16 Männer miteinander kochen, und wie sich ihr Verhalten ändert, wenn die Partnerin auftaucht», berichtet Jutta Horneber schmunzelnd. Und in den Firmengruppen erlebt sie immer wieder, wie am Herd jeder auftaut und es völlig gleichgültig wird, wer Chef ist oder Azubi: «Da sind die Hierarchien im Betrieb plötzlich völlig nebensächlich, da ist jeder nur Mensch.»

Im Kern geht es Jutta Horneber um die Gesundung von Körper und Seele: «Bei meiner Arbeit steht für mich der Mensch im Mittelpunkt. Ich hole die Menschen gern zu mir und habe Spaß daran, neue Menschen kennen zu lernen.» Dass sie Spaß an ihrer Arbeit und an ihrem Leben in der Abgeschiedenheit eines Weilers hat, glaubt man der Bäuerin aufs Wort. Einer Frau, die so gar nichts mit dem landläufigen Klischee der Landwirtin, deren Aufgabengebiet sich auf Kinder und Haushalt beschränken würde, gemein hat.

Blick über den Tellerrand

Jutta Horneber lebt den Blick über den Tellerrand, sei es in ihrer Reiselust, in ihren immer neuen Ideen, die nicht nur Ideen bleiben oder in dem Bewusstsein, dass sie «nicht dauerfunktionieren kann. Das hatte ich auch schon. Aber wie will ich den Menschen als Gesundheitstrainerin vermitteln, dass sie auf sich selbst horchen müssen, wenn ich es selbst nicht tue». Also muss auch Luft sein, um zum Pilates-Kurs zu gehen, Klavierstunden zu nehmen, zu joggen oder mit Hofhund Momo täglich zwei Runden zu drehen.

Dass das Konzept vom Bildungshof trägt, bestätigen Jutta Horneber die Kommentare der Gäste. «Tolle Atmosphäre, man fühlt sich bei euch wohl.» Das hört sie immer wieder. Die Kombination von Tagungsort, der Raum bietet zur intensiven Schulung und gleichzeitig Entspannung in idyllischer Natur verheißt, kommt an.

Eine Aussicht, die auch Landrat Matthias Dießl ins Grübeln geraten lässt bei dem Empfang im kleinen Kreis, zu dem die Hornebers anlässlich der Preisverleihung geladen haben und bei dem Jutta Horneber ganz unprätentiös davon spricht, wie sehr sie die Auszeichnung freue und motiviere. Ob er nicht einmal mit den Bürgermeistern zu einem Kochevent vorbeikommen sollte, zieht Dießl in Erwägung, damit man sich auf ungezwungener Ebene in der Seminarküche näher kommt. «Damit werden wir uns näher befassen», verspricht er. 

Sabine Dietz

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