Samstag, 17.11.2018

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Rote Karte für modernen Neubau

Stadtheimatpfleger sammelt Unterschriften gegen «Sargdeckel-Bunker-Baukunst“ - 01.11.2006

Betont kontrastreich soll sich der Neubau in die historische Umgebung der Ludwig-Erhard-Straße einfügen. Nach dem Abbruch zweier Gebäude, die nicht unter Denkmalschutz standen, ist Platz für die neue Lebenshilfe-Zentrale entstanden. Der Bau wird jetzt in Angriff genommen und soll Ende nächsten Jahres fertig sein. Fotomontage: Dürschinger, Foto: Günter B. Kögler


Dass er nicht vorher schon protestiert hat, erklärt Mayer mit nachträglichen Planänderungen. Doch sowohl OB Thomas Jung (zugleich Lebenshilfe-Vorsitzender) als auch der Fürther Architekt Peter Dürschinger (ehemals Vorsitzender des Baukunstbeirates) versichern, der Plan sei keineswegs verändert worden. Unqualifiziert ist für Dürschinger der Vergleich seines Entwurfs mit Sargdeckel und Bunker, denn er wolle gerade die Lebhaftigkeit der Straße unterstreichen.

Das versucht der Architekt, indem er Gänge im Gebäude verglast, um sie so von außen einsehbar zu machen. Belebendes Element sind auch die Geschäftsräume im Erdgeschoss. Der 928 000 Euro teure Neubau für Verwaltung und Familienhilfe der Fürther Lebenshilfe greift laut Dürschinger die Strukturen seiner Umgebung auf, entwickelt mit reduzierter Formensprache eigenen Charakter.

Für Mayer, der die Planung seit Anfang 2005 verfolgt hat, ohne dagegen zu protestieren, handelt es sich jedoch nur um einen Abklatsch längst überwunden geglaubter 70er-Jahre-Architektur. Mit der Unterschriftenaktion will der Stadtheimatpfleger ein Stoppsignal für künftige Eingriffe in das historische Umfeld setzen. «In Fürth zeigt sich immer wieder, dass es nicht gelingt, mit moderner Architektur qualitätsvolle Kontraste zur denkmalgeschützten Bausubstanz zu schaffen“, klagt Mayer und kritisiert das Saturn-Projekt am Kulturforum als «Schuhschachtel-Architektur“.

Der Vorstoß des bislang nicht gerade streitlustigen Heimatpflegers trifft den OB empfindlich. Entsprechend schweres Geschütz fährt Jung im Gegenzug auf. Mayer, sagt er, komme wegen häufiger Abwesenheit in Baukunstbeirats- und Bauausschuss-Sitzungen seinen Pflichten als Heimatpfleger nicht nach. «Man muss bereit sein, über neue Entwicklungen zu diskutieren, aber im Laufe der Planung und nicht hinterher“, skizziert der OB seine Vorstellung von einer fruchtbaren Auseinandersetzung.

Dass Mayer so lange kein Veto gegen das Lebenshilfe-Projekt eingelegt hat, erklärt sich Jung mit den Hoffnungen, die sich der Heimatpfleger auf die Archivleiterstelle gemacht habe. Dadurch, so Jung, mache er sich unglaubwürdig. Wie berichtet, hatte der Stadtrat bei nur einer Gegenstimme die 30-jährige Düsseldorfer Germanistin Sabine Brenner-Wilczek dem langjährigen Fürther Altstadtvereinschef vorgezogen.

Vehement wehrt sich der OB gegen Mayers Rede von «fortdauernder Zerstörung der Denkmalstadt Fürth“. Während der Heimatpfleger Abrisse (wie «Fischhäusla“, «Blaue Glocke“ und «Café Fürst“) ins Feld führt, verweist Jung auf Sanierungserfolge (wie Lochnersches Gartenhaus, Königstraße 90 und Kronprinzenhof). Die vom Stadtheimatpfleger beklagten Beeinträchtigungen der Geschäfte in der Ludwig-Erhard-Straße durch die Baustelle sind nach Jungs Worten nur von kurzer Dauer. In acht Wochen sei das Gröbste überstanden, beruhigt auch Architekt Dürschinger.

Wenn die neue Lebenshilfe-Zentrale erst bezogen ist, können die Geschäfte in der Umgebung von der höheren Publikumsfrequenz sogar profitieren, meint Jung. Vor allem aber müsse in Erwägung gezogen werden, dass mit dem Bauprojekt auch ein alter städtebaulicher Schandfleck verschwindet. 

VOLKER DITTMAR

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