Sonntag, 16.12.2018

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Unterwegs auf Wurzeln und Flügeln

Die Malerin Birgit Maria Weiss lotet in der Fürther Innenstadt mit subtilem Strich Grenzbereiche aus - 20.11.2017 20:00 Uhr

Die Malerin vor einer ihrer Arbeiten. Virtuos arbeitet sie mit kleinen Spannungen und Kontrasten. © Foto: Hans-Joachim Winckler


Betrachtet man die Arbeiten von Birgit Maria Weiss, ziehen einen auf den ersten Blick Farbwirbel an. Sind es Menschen, zerlegt in die Energien, die in ihnen fließen? Oder handelt es sich um Strudel, die überall in der Natur vorkommen, ob durch Wind oder durch Wasser? Der Eindruck von etwas Beweglichem, fast Rohem, jedenfalls Organischem entsteht. Abfallende Linien holen neuen Schwung, werden aufgegriffen und zu einem Zentrum zurückgeführt.

Konsequent gestaltet Weiss das Eigene, gerne in hellen, pastosen Farben, mit sanften Schattierungen dazwischen. Ihre Leidenschaft sind Formen, die die Grenzen überschreiten, mit Wegen der Abstraktion experimentieren. Freigeistig erschließt sich die Künstlerin die ganze Palette bildnerischen Ausdrucks. Ihre Kraft bezieht sie nicht aus großen Dimensionen der Fläche, sondern aus den oft bewusst kleinen Spannungen und Kontrasten zwischen hell und dunkel, kantig und weich, warm und kalt.

Bei Weiss ist die Farbe das raumdefinierende Medium. Dabei mixt sie Leonardo da Vincis "Sfumato", die berühmte Malweise, die Räumlichkeit und Bildtiefe durch weicher werdende Umrisse, gedämpftere Farbigkeit, mit dem Verblassen nach hinten erzeugt, locker mit tiefen, dunkleren Farben im Vordergrund, und hellen, warmen Tönen dahinter. So erzeugt sie einen expressiven Ausdruck, als ob sie seelische Prozesse verdichtet auf die Leinwand bringt.

Zentrale Themen

Gefühle und Emotionen verarbeitet Birgit Maria Weiss in jedem Ihrer Werke, sie interessiert sich für längerfristige Entwicklungen und Erkenntnisse. Darauf verweisen auch so manche Bildtitel. Um Durchbrüche, Wurzeln und Flügel, Stille und freies Fluten geht es da, um Dinge, über die jeder Mensch immer wieder stolpert. Deshalb sind auch Pigmente eingearbeitet, die neben aller Zartheit bezeugen, wie rau es manchmal im Leben zugehen kann.

Ist es ein spezifisch weiblicher Blick, mit dem Weiss die Welt betrachten und in Pinselstriche überträgt? Unübersehbar ist, dass sie sich von tradierten Motiven befreit, das Prozesshafte und Unfertige aufwertet, so, wie es einst die Expressionistinnen Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès und Marie Bracquemond taten. Sie sind in Vergessenheit geraten, die heutige Malerin macht weiter, schreibt vorgegebene Bildformeln um, kämpft mit der Frage, wie sie als Frau nicht nur als Blickobjekt, sondern auch Subjekt ihrer Geschichte sein kann. Die eigenen Erfahrungen festzuhalten, das ist ihr Weg.

"Wurzeln und Flügel", Bilder von Birgit Maria Weiss, zu sehen bei "Wein und Meer", Königswarterstraße 18, bis 18. Februar 2018. 

CLAUDIA SCHULLER

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