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Visionen mit viktorianischem Grusel

Die polnische Fotografin Katarzyna Niwinska inszeniert in ihren Bildern Dorian Gray - 10.06.2013 18:00 Uhr

Mitten ins düstere Herz: Katarzyna Niwinska. © Thomas Scherer


Was die Räusche betrifft, so kann die Destillarta mit diversen Schnäpsen aufwarten, wie etwa dem „Hühnertod“, dessen Grundstoff — vergorene Pflaumen — das liebe Federvieh einst in den Himmel beförderten. Doch Kunst stellt die in einem Seitental hinter Buchschwabach gelegene Destillarta ebenfalls aus. In diesem Fall „Dorian“, 19 Fotografien nach dem Roman von Oscar Wilde, inspiriert von viktorianischen Fotografien, Daguerreotypen und der Malerei des 19. Jahrhunderts.

Dorian Gray? Das war ein bildschöner Jüngling aus gutem Hause, der einem Maler Modell stand. Doch welch Jammer: Sollte auch der Jüngling alt und hässlich werden? Und das Bild soll von besseren Tagen künden? Dorians Wunsch wird erhört: Während er über Jahrzehnte jung und unschuldig wirkt, altert das Portrait an seiner statt. Da sich nach viktorianischen Vorstellungen gerade sittliches Verhalten unmittelbar im Äußeren kundtut, altert der gemalte Dorian nicht nur, er verfällt und erhält abstoßende und grausame Gesichtszüge. Erst ein Dolchstoß ins Gemälde rückt die Verhältnisse wieder zurecht: das Bild ist wieder jung und schön, der echte Dorian dafür tot und hässlich wie die Nacht.

So ein Stoff schreit nach Verbilderung. Nach zahlreichen Filmen wartet nun die polnische Fotografin Katarzyna Niwinska mit einer Fotoserie auf. Auf 19 Bildern erzählt die zierliche Frau aus Krakau die Geschichte nach. Es handelt sich um Charakterporträts der Handelnden: Dorian, ein Ephebe im lockigen Haar; sein Mentor Henry, ein Gentleman mit verdächtigen Neigungen; zwei unschuldige Maiden in glühend erotischer Unschuld. Dazu einzelne Szenen: eine Malsitzung, ein Mord, Gespenstervisionen, Opiumräusche, Verzweiflung und Verfall.

Jede Fotografie ist perfekt ausgeleuchtet und ganz auf die Farb- und Schatteneffekte der alten Meister wie auch der viktorianischen Salonmalerei ausgerichtet. Die Farben glühen wie schottischer Whisky, der Gestus der Figuren orientiert sich an der Porträtmalerei, und selbst die Gespenstervisionen greifen die gruselige Praxis der viktorianischen Totenfotografie auf, die Verstorbene in Gestelle zwängte und aufrecht auf dem Sofa sitzend ablichtete.

Was es dazu braucht? Viel Geduld und Findigkeit. Für die Figuren posierten sowohl Models wie auch Freunde der Künstlerin. Kostüme und Accessoires erwarb sie auf Flohmärkten und im Internet. Das Trimmen auf Alt ist zwar dank Fotoshop keine so große Kunst mehr, dennoch griff Katarszyna Niwinska dem Handwerk zuliebe auf ein sechs Jahre altes Fotoshop-System zurück.

Wer in der Kunstgeschichte etwas bewandert ist, wird mit Geduld und Findigkeit die Vorlagen von Dante Gabriel Rossetti, Leonardo da Vinci und seinen Jacques-Louis David wiedererkennen. Schon seltsam: eine perfekte Inszenierung mit exquisiter Beleuchtung, langer Belichtungszeit und Nachbearbeitung, um nicht nur eine vergangene Zeit nachzuinszenieren, sondern auch ein Lebensgefühl, das seinen Inhalt in einer extremen Stilisierung fand.

Und die Künstlerin, erst 27 Jahre jung, beklagt sich, dass gestandene Fotografen sie für eine 17-jährige Anfängerin halten und entsprechend herablassend behandeln. Das letzte Bild beeindruckt denn mit brachialer Gewalt: Es zeigt den Jüngling mit einem Messer in der Brust. Vorsicht vor Doriana aus Krakau!

Bis 14. Juli in der Galerie Destillarta, Mühlbachweg 12, Buchschwabach. Sa, So 10 bis 17 Uhr und nach Absprache unter mail@destillarta.de

  

Reinhard Kalb

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