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Wie die Folterkammer in die Burgkapelle kam

Schon um das Jahr 1900 wollten sich die Cadolzburg-Besucher dank Nachbauten diverser Werkzeuge gruseln - 05.06.2017 06:00 Uhr

In der Burgkapelle war einst eine Folterkammer eingerichtet. © Fotos: BSV


Nach einer langen Zeit als Verwaltungssitz drang die Cadolzburg erst um 1900 wieder in das Bewusstsein der Bevölkerung. Auslöser dürfte vor allem die allerorten verbreitete Burgenromantik gewesen sein. So zeigte sich der berühmte Burgenforscher Bodo Ebhardt ganz begeistert von der Veste: "Möge dieses Denkmal stets die ehrfurchtsvolle Pflege finden, die es verdient, so dass es noch lange eine machtvolle Sprache spreche zu unseren und den kommenden Geschlechtern."

Der Folterstuhl ist in der Ausstellung zu sehen. © Foto: BSV


Tatsächlich war die Cadolzburg ja bis zum Brand am 17. April 1945 in ihrer langen Geschichte niemals zerstört worden. Auch wenn die verschiedenen Nutzungen und einige Umbauten ihr Aussehen durchaus verändert hatten – der historische Kern der Burg war stets sichtbar geblieben.

Dies sollte Ende des 19. Jahrhunderts auch touristisch genutzt werden. 1894 wurde ausgerechnet in der ehemaligen Burgkapelle eine "Folterkammer" eingerichtet. Tatsächlich ist durch Archivalien eine Folterkammer in der Burg bekannt, aber erst seit der Frühen Neuzeit, also deutlich nach dem Mittelalter. Nichtsdestoweniger wurde hier ausgestellt, was man für "typisch mittelalterlich" hielt. Ein Nürnberger Geschäftsmann ließ die originalen, frühneuzeitlichen Folterwerkzeuge der Cadolzburg, die schon im 19. Jahrhundert an das Germanische Nationalmuseum (GNM) gegeben wurden, nachbauen. Da es sich bei diesem historisch dokumentierten Bestand vor allem um vermeintlich schnöde Arm- und Beinschellen handelte, sollten für den richtigen Gruselfaktor weitere Gerätschaften angeschafft werden: Ein Folterstuhl musste her. Da auch dieser nach dem Krieg in die Obhut des GNM kam, ist es heute wieder möglich, einen Blick auf die kuriose Mittelalterbegeisterung jener Zeit zu werfen: Der Folterstuhl als Original des Historismus wird wieder in der Cadolzburg zu sehen sein.

Natürlich pflegte die im späten 19. Jahrhundert durchaus weit verbreitete und vorgeblich authentische Möblierung von Burgen in Wahrheit nur Klischees. Deswegen steht der Folterstuhl in der Cadolzburg auch keineswegs als Stellvertreter für die frühe Rechtspraxis der "peinlichen Befragung" oder Folter, sondern viel eher für das romantisch-schaurige Bild des Mittelalters in der Moderne.

Die Ausstellung in der Cadolzburg soll nämlich nicht nur unterhalten, sondern auch wissenschaftlich fundiert auf solch verzerrte Burgenbilder hinweisen. Dass spätmittelalterliche Geschichte auch differenziert erzählt werden und zugleich Spaß machen kann, soll die Ausstellung in der Cadolzburg zeigen. Denn nichts ist spannender als die wirkliche Geschichte. 

SEBASTIAN KARNATZ

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