Samstag, 16.02.2019

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„Zensursula“ und die Fürther Piraten

Der Kreisverband hat schon 150 Mitglieder — „Jahrelang haben sie nur über uns gelacht“ - 18.05.2012 10:00 Uhr

Sie wittern die Chance, dass alles anders werden kann (v. li.): Corinna und Florens Dölschner (hinten), Friederike und Alexander Wunschik, Raphael Rosenberg und Martin Schmidt vom Fürther Kreisverband der Piraten. © Thomas Scherer


Die Verabredung per E-Mail hat einwandfrei geklappt. An diesem Abend sitzen sechs junge Menschen zwischen 26 und 32 Jahren in der Kofferfabrik. Florens Dölschner hat seinen Hund mitgebracht. Und einen Laptop. Den wird er später brauchen, um Mails zu checken und um für die Presse den Altersdurchschnitt der Piraten zu googlen.

Doch zunächst soll es um etwas anderes gehen: die Anfänge. Dölschner wurde 2009, im Vorfeld der Europawahl, aufmerksam auf die Partei. Das Programm fand er interessant, die Piraten bekamen sein Kreuzchen. Heute gehört der 26-Jährige, der als Software-Entwickler arbeitet, zu den engagiertesten Mitgliedern. Hunderte von Mails bekommt er jeden Tag. Er hat gelernt, auszusortieren, was ihn nicht interessiert.

Jüngst sorgte er dafür, dass der Bundesparteitag in Neumünster reibungslos über die Bühne ging. Tagelang sah sie ihn nur noch kurz beim Essen, erzählt Ehefrau Corinna Dölschner (29), selbst Piratin. In Neumünster war sie dabei: „Ein Wahnsinnserlebnis!“ Toll sei es gewesen, Leute zu treffen, die man nur aus dem Internet kannte.

Das Jahr 2009 war entscheidend für die Piraten in Deutschland, sagt Alexander Wunschik (32), der schon viel länger dazugehört: „Damals war Zensursula, da ist das alles explodiert.“ Zensursula: Mit diesem Spitznamen wurde die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen bedacht, die Internetseiten sperren lassen wollte. Was als Maßnahme gegen Kinderpornografie gedacht war, rief den Protest der Netzgemeinde hervor, die Bürgerrechte in Gefahr sah. Danach, erzählt Wunschik, kamen immer mehr Menschen aus dem Großraum zum Stammtisch, den er mit zwei Bekannten ins Leben gerufen hatte. Wenig später wurde der Bezirksverband gegründet, 2010 der Kreisverband Fürth.

Wunschik, der sein Geld als IT-Berater verdient, dürfte einer der ersten Piraten in Bayern gewesen sein: Sein Mitgliedsausweis trägt die Nummer 412 — mehr als 30000 sind mittlerweile bundesweit ausgestellt. Er hatte nie vor, Politik zu machen, sagt er: „Ich konnte aber keine der anderen Parteien mit gutem Gewissen wählen.“ Die neue Partei sprach ihn an: „Ich finde den Gedanken gut, dass unsere Generation theoretisch alles ändern könnte.“

Wunschik wurde Bezirksvorsitzender und Kandidat für die Bundestagswahl. In Fürth bekam er 2,8 Prozent. Viel hat sich seitdem geändert. „Jahrelang haben sie nur über uns gelacht“, sagt Wunschik und meint: Politiker, Journalisten und Wähler, die heute über die Erfolge und den Zulauf der Piraten staunen. „Da ist echt viel Energie. Leute, die sich nie für Politik interessiert haben oder gefrustet waren, sehen jetzt ’ne Chance.“

„Losgekoppelt von Herkunft und Aussehen wird man für seine Ideen wertgeschätzt“, das gefällt Friederike Wunschik (30), die Kulturwissenschaften studiert hat. Spannend sei es, sich in Themen einzuarbeiten — und zu merken, „dass das Mitmachen, das Mündiger-Bürger-Sein Arbeit bedeutet“.

Wie viel Zeit für die Piraten drauf geht? So genau, sagen alle, könne man das nicht beantworten. Der regelmäßige Blick ins Internet gehöre zu ihrem Leben. „Der Rechner ist immer an“, sagt Corinna Dölschner. Kleine Pausen am Tag werden genutzt, um E-Mails oder Artikel zu lesen. „Eine halbe bis eine Stunde“ am Tag opfert Alexander Wunschik zurzeit der Partei — als er noch zum Bezirksvorstand gehörte, sei es deutlich mehr gewesen.

Das Internet, sagt er, sei „die größte Chance der Menschheit seit Hunderten von Jahren“. Bald könnten alle Menschen Zugriff auf Bildung haben. Man spürt, dass ihn die Vision antreibt.

Visionen für Fürth werden gerade entwickelt. Kommunalpolitisch stehe der Kreisverband noch am Anfang, gesteht die Gruppe. Man sei dabei, Themen zu finden. Über die Internetplattform http://piratenfuerth.adhocracy.de könne sich jeder — egal ob Pirat oder nicht — daran beteiligen. Auch beim Stammtisch in der Kofferfabrik werden Ideen ausgetauscht.

In Zukunft könnte es so aussehen, sagt Corinna Dölschner: Unter den Müttern, die etwa auf einem Kinderspielplatz stehen und ins Diskutieren kommen, könnte eine Piratin sein, die, „während die Kinder buddeln, die Vorschläge ins iPhone tippt“. Apropos Internet: „Ich werfe mal kurz ein Update ein“, sagt Florens Dölschner. „Der Altersdurchschnitt der Piraten liegt zurzeit bei 40.“ 

CLAUDIA ZIOB

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