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Montag, 24.09.2018

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"Eine ganz heiße Nummer" auf Pfofelder Bühnenboden

"Vorhangreißer" unterhalten ihr Publikum großartig mit frech-frivolem Lustspiel - 26.03.2018 17:30 Uhr

Da bleibt kein Auge trocken: Lena, Maria und Waltraud (von links: Nicole Heinlein, Helga Fischer, Waltraud Bayerlein) nehmen ihren allerersten Anruf entgegen, Jesus (hinten) schaut nicht zu. © Foto: Kristy Husz


Soweit die Parallele zum "Besuch der alten Dame" im vergangenen Jahr. Diesmal unterwandert die Unruhestifterin den Ort jedoch nicht von außen, sondern betreibt in Gestalt eines pfiffigen Damentrios den lokalen Tante-Emma-Laden. Die Vorgeschichte dazu ist so ernst wie real und wird von Regisseurin Monika Guckenberger, die nach Art einer Bänkelsängerin durch die Szenen führt, in schönster Mundart umrissen: In der – erzkatholischen – bayerischen Provinz ist die Wirtschaftskrise am Werk und bald schon bangen nicht bloß die Entlassenen einer dichtgemachten Glashütte um ihre Existenz. Mangels Kaufkraft droht außerdem das kleine Lebensmittelgeschäft von Maria (Helga Fischer) und deren Angestellten Waltraud (Waltraud Bayerlein) und Lena (Nicole Heinlein) vor die Hunde zu gehen.

Durch den genussvoll zelebrierten Dialekt und den Einbezug des Publikums wird klar, dass der sich nun anschließende Schwank eigentlich überall auf dem Land, mithin genauso gut im Fränkischen Seenland, angesiedelt sein könnte. Warenhändlerin Maria erinnert sich (ähnlich wie die strippenden Stahlarbeiter in der Sozialkomödie "Ladies Night") in ihrer Not nämlich an einen verlässlichen Grundsatz: "Sex sells". Und richtet eine entsprechende – und flugs sehr ertragreiche – Hotline mit "Liebesgeflüster aus der Heimat" ein.

Der Skandal in der gottesfürchtigen Kommune kommt wenig überraschend, die gelungene Attacke aufs Zwerchfell der Zuschauer natürlich ebenso, zumal sich manch ein tiefreligiöser Mitbürger als ziemlich scheinheilig entpuppt. Vergnügen bereitet in diesem Zusammenhang aber auch die Reifung des von Nicole Heinlein mit ausgekosteter Naivität verkörperten Blondchens Lena: Das fromme Küken der Gemeinde mausert sich unter den Fittichen der beiden mütterlichen Freundinnen und dank des Zweitjobs endlich zur selbstbewussten Persönlichkeit.

Gnadenlose Goschen

Nicht minder großen Spaß macht es, Helga Fischer und Waltraud Bayerlein zuzusehen. Ihre lebenserfahrenen, ergebnisorientierten und nicht auf den Mund gefallenen Verkäuferinnen haben keine Scheu, alte Hülsenfrüchte aus Holland als "junge Erbsen aus der Region" zu bewerben (ansonsten wird, die Zeiten sind schlecht, fast nur ein Alkoholika-Sortiment vertickt), bieten allzu traditionellen Kräften in der Pfarrei wacker Paroli und dürfen – das Privileg langjähriger Verbundenheit – einander beim Gedankenaustausch gnadenlos über die Goschen fahren. Wenn sie sich zur Feldforschung im Großstadt-Sexshop umgucken, Dirty Talk einbläuen, Mut antrinken und erstmals ein ganz bestimmtes Telefon klingelt, bleibt kein Auge trocken.

Ökolandwirt mit Herz und Verstand

In den Nebenrollen stellt der Rest des Ensembles genretypisch überzeichnete, doch immer noch glaubhafte Charaktere dar, vom tapsigen Geistlichen (Hermann Schmoll) über das fies-konservative Bürgermeistergattinbiest (Carmen Vogel) bis hin zum rustikalen Ökolandwirt (Helmut Pratzer) voller Herz und Verstand. Jürgen Hofmann als Sexshop-Besitzer mit neckischem Pornobart sorgt im Saal gleichermaßen für Wiehern wie Wolfgang Wagler, der Kicherakzente als Marias Vater und greiser Erotomane setzt.

Trotz des manchmal albernen Humors, der expliziten Wortwahl und der gewiss nicht von Genanten ausgewählten Requisiten – der Geschichte haftet stets ein Quäntchen Melancholie und Verzweiflung an, und nie werden ihre Figuren der Lächerlichkeit preisgegeben. Besonders gilt das für Waltrauds Mann Heinz (Werner Loch).

Schmerz ertränken

Der arbeitslose Glasmacher ertränkt den Schmerz, dass er seine Familie nicht mehr ernähren kann, im Wein, um sodann unter dem nahenden Licht am Horizont rührend aufzublühen. Und so findet jeder in diesem Lustspiel sein Glück, teils auf unerwartete Weise, aber immer gemäß Marias Motto: "Wennst ganz unten bist, steht dir die Welt offen."

1998 erschien "Eine ganz heiße Nummer" als Roman, Autorin Andrea Sixt schrieb selbst das Drehbuch zur Verfilmung aus dem Jahr 2011 und adaptierte die Story schließlich für die Bühne. 1998 gingen allerdings auch die "Pfofelder Vorhangreißer" an den Start. Seitdem ist unter der Leitung von Elke Korb regelmäßig beinahe das ganze Dorf in Aufruhr, um als Mimen, Techniker, Maskenbildner, Kulissenbauer, Caterer, Kassierer oder Regie-Assistenten zu unvergesslichen Abenden beizutragen.

Dass Kolb sich nach 20 turbulenten Jahren eine Pause gönnen wollte und heuer ihre Vereinskollegin Monika Guckenberger in ihre Fußstapfen treten ließ, hat der Aufführungsqualität kein bisschen geschadet. Wer nun also Lust auf tolles Theater verspürt, kann "Eine ganz heiße Nummer" noch am Freitag, 6. und Samstag, 7. April sowie am 27. und 28. April erleben. Achtung: Die Karten sind begehrt! 

Kristy Husz

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