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Angstglocke muss weg

Seniorenbeiräte sollen sich in den Heimen einmischen - 04.02.2010

Menschlichkeit in der Pflege: Die Seniorenbeiräte sehen sich als ideale Kontrollinstanz. © colourbox


Das Fazit seines Referats vor dem Seniorenbeirat: «So, wie mit alten und kranken Menschen in einem Land wie unserem umgegangen wird, dürfte es einfach nicht sein.»

Aktuell haben ihn zwei Fälle aus dem Landkreis aufgewühlt, in denen es jeweils um alte Damen ging, die während eines Urlaubs ihrer sie pflegenden Familien zur Kurzzeitpflege in ein Heim gezogen waren. Als der Urlaub vorbei war, waren die Angehörigen jeweils erschüttert vom Zustand der – dementen – Patientinnen.

Im ersten Fall war die Frau, die sich selbst nicht helfen konnte, stundenlang in vollen Windeln gesessen, im Schrank lagen vollgekotete Kleidungsstücke und Schuhe inmitten der sauberen Wäsche.

Im zweiten Fall wurde die Mutter ihrer Familie in einem verwahrlosten und ungewaschenen Zustand übergeben – angeblich habe sie aggressiv auf jegliche Pflegeangebote reagiert. Eine große, offene und eitrige Wunde war nicht behandelt worden, ihr Büstenhalter war über einen längeren Zeitraum blutverschmiert, ihre Hosen trug sie verkehrt herum.

Und was beide Fälle verbindet und Münck besonders bestürzt: Erst nach Intervention der Angehörigen wurde die Heimaufsicht informiert, die jeweils lapidar Stellung nahmen, dass man zwar Verbindung mit den Verwandten aufnehmen werde, aber letztlich seien die betroffenen Damen «ja schon wieder raus aus dem Heim».

Solche Instinktlosigkeiten hält Münck in den beiden Herzogenauracher Heimen, in denen der Seniorenbeirat den Vorsitz der jeweiligen Heimbeiräte inne hat, für nahezu ausgeschlossen: «Wir sind nahe dran an den Patienten und erfahren Missstände meist sogar vor der Heimleitung.»

Etwa seit Anfang des Jahrtausends gibt es diese Praxis in der Aurachstadt, und Münck legt sie anderen Kommunen ebenfalls ans Herz. Die Seniorenbeiräte seien als Außenstehende eine neutrale Instanz, während viele Heimbewohner sich nicht trauten, Probleme offen anzusprechen aus Angst davor, ihnen könnten daraus Nachteile entstehen: «Die schlimmste Bestrafung im Heim ist für einen ohnehin schon oft einsamen Menschen die Nichtbeachtung durch das Personal.»

Münck, selbst seit 2004 Vorsitzender des Heimbeirats in «Haus Martin», und Edith Roppel, in gleicher Funktion im Liebfrauenhaus tätig, betonen unisono, wie viel das Wirken der externen Heimbeiräte den Bewohnern schon gebracht habe.

Beide appellierten an den Herzogenauracher Seniorenbeiratsvorsitzenden Michael Baltz, diese Praxis auch im Kreisseniorenbeirat zu empfehlen. Außerdem soll an das Gesundheitsamt – das bisher eine eher defensive Haltung zu diesen Themen eingenommen habe – als zuständige Behörde der Antrag gestellt werden, dass die örtlichen Seniorenbeiräte in der Heimaufsicht vertreten sein sollen und auch an den Abschlusssitzungen des MDK teilnehmen dürfen.

Dieser «Medizinische Dienst der Krankenversicherung» ist unter anderem zuständig für die Überprüfung von Pflegeeinrichtungen. Gerade dessen Pflege-Tüv bringt Münck auf die Palme: «Dafür würde ich Ulla Schmidt am liebsten noch heute ans Kreuz nageln, auch wenn ich als ,Roter‘ geboren wurde und immer einer bleiben werde.»

Der Prüfungskatalog mit 82 Kriterien habe nämlich zur Folge, «dass es künftig keine schlechten Heime mehr gibt», so Münck. Wer Defizite in der Pflege oder beim Umgang mit dementen Menschen aufweise, könne dies mit gute Noten bei hauswirtschaftlichen Leistungen oder der Dokumentation der hausinternen Abläufe wettmachen. «Das kann doch nicht sein, dass das alles gleich bewertet wird.» In «Haus Martin» war Münck bei der Abnahme dabei, die Ergebnisse dürften bald im Internet stehen. Als bisher einziges Herzogenauracher Heim ist dort das Seniorenwohnzentrum «Tuchmachergasse» zu finden – mit der Gesamtnote befriedigend.

www.pflegenoten.de 

Holger Peter

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