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„Jeder ist Gottes Ebenbild“

Interview mit Dorothea Zwölfer, Mühlhausens künftiger Pfarrerin - 11.08.2015 14:20 Uhr

Pfarrerin Dorothea Zwölfer wird künftig die Pfarrstellen Mühlhausen und Weingartsgreuth betreuen. © Maria Irl


Frau Pfarrerin Zwölfer, Sie werden in der Evangelischen Pfarrei in Mühlhausen voraussichtlich Anfang Februar 2016 die Nachfolge von Pfarrer Torsten Bader antreten. Was hat Sie bewogen, nach Mühlhausen zu gehen?

Dorothea Zwölfer: In der Ausschreibung der Pfarrstelle von Mühlhausen/Weingartsgreuth stand einiges, was mich hellhörig machte. Die Begegnung mit den beiden Kirchenvorständen Anfang Juli bestärkte mich in meiner Entscheidung.

Die Struktur der Gemeinde ist interessant – es gibt viele „Lehrberufe.“ Gemeindearbeit hat viel mit Pädagogik und Vermittlung zu tun – wenn dann andere da sind, die in diesem Bereich eine besondere Begabung haben, ist das wunderbar. Die Nähe zu Erlangen und die Pendler werden erwähnt – ich selber habe bei Siemens Praktika gemacht und bin ein wenig mit der „Siemens-Familie“ vertraut.

In der Gemeinde gibt es ein buntes Gemeindeleben und viele ehrenamtlich engagierte Menschen. Das ist mir wichtig, denn Gemeinde lebt von Beteiligung und einem guten Miteinander. Im Amtsblatt wird der hohe Stellenwert der Kirchenmusik betont – etwas, was mir schon immer wichtig war. Schließlich war ich selber auf einem musischen Gymnasium und habe gerne mit Kirchenmusikern und anderen Musikern zusammengearbeitet. Musik kann Menschen etwas von Gottes Liebe und Nähe vermitteln und mit Musik kann man Jugendliche und junge Familien begeistern. Die Arbeit mit diesen beiden Zielgruppen ist ebenfalls eine Aufgabe, die mich reizt.

 

Haben Sie eine besondere Verbindung zu Franken?

Zwölfer: Ja. Als Kind ging ich drei Jahre in Lohr am Main in die Grundschule und beruflich war ich neun Jahre in Ansbach in der Friedenskirche zusammen mit einem wunderbaren Team tätig. Ich kenne viele kirchliche Mitarbeitende im Dekanat Ansbach und darüber hinaus und freue mich schon, wenn manche lieben Menschen wieder etwas mehr in der Nähe sind…

 

Seit Juli 2013 arbeiten Sie im Evangelischen Dekanat in Landshut. Nun kehren Sie wieder zurück an die Basis. Was reizt Sie an Ihrer neuen Aufgabe?

Zwölfer: So sehr übergemeindliche kirchliche Arbeit wichtig ist – ich habe primär Theologie studiert, um Menschen in einer Gemeinde die frohe Botschaft von Jesus Christus zu vermitteln. Zusammen mit den beiden Kirchenvorständen zu überlegen, was Gottes Wege und Ziele für die beiden Gemeinden in Weingartsgreuth und Mühlhausen sein könnten und Schritte zu tun, damit Menschen in der Gemeinde eine Heimat im Glauben finden können, reizt mich sehr.

 

Frau Pfarrerin Zwölfer, Sie wurden in einem männlichen Körper geboren und haben sich vor zwei Jahren offen zu Ihrer Transsexualität bekannt. Seit August vergangenen Jahres sind Sie auch vor dem Gesetz eine Frau. Hat Sie die Phase Ihrer Identitätsfindung in Konflikt mit Ihrem Glauben gebracht?

Zwölfer: Ein Teil meines Körpers wie Chromosomen und Hormone war zwar männlich, aber es gab schon lange ein inneres Wissen darum, wer ich eigentlich bin. Dieses innere Wissen, so fanden es die Neuropsychologen heraus, ist im Gehirn verankert — und da das Gehirn des Menschen ihn von anderen Tieren unterscheidet, ist der wesentliche Teil des Körpers schon immer weiblich gewesen – auch wenn ich lange dagegen angekämpft habe.

Als ich 2011 endgültig sicher wurde, dass ich eine Frau bin, war das zunächst ein Schock – weniger im Blick auf meinen Glauben, als vielmehr im Blick auf die Frage: Was passiert, wenn ich das meiner Frau sage und wie wird mein Arbeitgeber reagieren? Es kam alles viel besser, als erwartet. Für mich war Gottes Schutz und Segen spürbar und ich hatte den Eindruck, dass Gebete erhört wurden.

Die Angleichungsphase und die Erleichterung, als die Körperdiskrepanz im Laufe der Angleichungszeit weniger wurde, war für mich eine sehr befreiende Erfahrung — das passt sehr zu dem, wie mir Gott als Gott vermittelt wurde, der Menschen in Freiheit führt.

Letztlich bin ich zutiefst davon überzeugt, dass jeder Mensch auf dieser Erde Gottes Ebenbild ist und unsere Würde nicht an der Frage hängt, ob wir krank oder gesund oder Mann oder Frau sind. Viel wichtiger ist es, ob wir Jesus nachfolgen und ihm mit ganzem Herzen vertrauen. Paulus sieht das im Galaterbrief ähnlich. Er betont, dass „alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus“ sind. In der Gemeinde zählt nicht, ob „Jude“ oder „Grieche“, es zählt auch nicht, ob jemand „Sklave“ oder „Freier“ ist, und ebenso wenig spielen im Blick auf den Glauben die Unterschiede von „Mann“ und „Frau“ eine Rolle (vgl. Brief des Paulus an die Galater 3,28). Dazu kommt, dass es in der Bibel einige Passagen gibt, die Menschen außerhalb des damals üblichen Rasters „Mann“-„Frau“ durchaus positiv würdigen. Außerdem ist Transsexualität kein Lifestyle-Phänomen oder etwas, was man sich aussucht, sondern eine angeborene Normvariante des Gehirns, für die niemand etwas kann. Da es im Blick auf transsexuelle Menschen noch viel Informationsbedarf gibt, ist es mir wichtig geworden, darüber aufzuklären und Ängste abzubauen. Dem dient auch ein internationaler interdisziplinärer Kongress im Februar 2016 an der Goethe Universität Frankfurt a.M., bei dem führende Neurowissenschaftler aus der gesamten Welt und Theologen eng zusammenarbeiten und bei dem ich mitarbeite.

 

Ihr Coming-Out war für die Evangelische Kirche gewissermaßen ein Präzedenzfall. Wie hat sie darauf reagiert?

Zwölfer: Es war für mich eine sehr ermutigende Erfahrung, wie meine Vorgesetzten und die Kirchenleitung mit dieser besonderen Situation umgingen. Viele Gespräche zeigten mir, dass unsere evangelische Kirche im Sinne und Geist Jesu Christi mit Menschen umgeht und eine Kirche der Freiheit ist, die die Bibel im Sinne des Liebesgebotes Jesu auslegt. Diese Erfahrungen in den letzten Jahren haben mich sehr ermutigt.

 

Sie haben sich bis ins Jahr 2013 hinein eine Pfarrstelle mit Ihrer Frau geteilt, mit der Sie seit vielen Jahren verheiratet sind. Wird Ihre Frau mit Ihnen nach Mühlhausen kommen und dort ebenfalls Aufgaben übernehmen?

Zwölfer: Ja. Wir sind weiter verheiratet und unsere Ehe hat diese schwere Zeit gut überstanden und nun will meine Frau ehrenamtlich als Pfarrerin in der Gemeindearbeit tätig sein.

 

Wo sehen Sie in Mühlhausen die Schwerpunkte Ihrer seelsorgerischen Tätigkeit?

Zwölfer: Ich möchte mir gerne erst ein genaueres Bild von den Menschen vor Ort machen und sie besser kennenlernen, bevor ich auf diese Frage antworten kann.

 

Eines Ihrer großen Hobbys sind Luftaufnahmen, wie man auch in Ihrem Blog www.aufwind2012.wordpress.com sehen kann. Fliegen Sie selbst?

Zwölfer: Ich habe leider keine Pilotenlizenz, aber ein Freund lud mich öfter ein, mitzufliegen. Etliche Aufnahmen machte ich mit einem Modellflugzeug, auf dem eine Kamera montiert war.

  

Interview: SILVIA SCHULTE

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