Mittwoch, 19.12.2018

|

Kolibris der Nacht

«Fledermaus-Papst» lebte Jahre lang in Neuhaus - 10.04.2009

Den «Kolibris der Nacht» widmete der international renommierte Professor Otto von Helversen sein Leben: Auf der Insel Kuba sitzt eine nur dort lebende Blütenfledermaus auf einer Hibiskusblüte. © dpa/Koch von Helversen


In den Regalen auf Schloss Neuhaus reiht sich ein Tagebuch an das nächste. Jedes einzelne enthält minutiöse Aufzeichnungen über beobachtete Fledermäuse, Spinnen, Vögel, Heuschrecken oder Bienen. Ihr Autor, Otto von Helversen, war ein Naturforscher im klassischen Sinne. Auf Exkursionen hatte er Notizbuch und Stift immer zur Hand. Seine wissenschaftliche Beobachtungen haben den Biologie-Professor international bekannt gemacht.

Vergangenen Monat ist der «Fledermaus-Papst», der 30 Jahre lang in Neuhaus lebte und bis Oktober fast täglich mit seinem speziell für Exkursionen umgebauten VW Bus voller Probengläschen, Fangnetzen und anderen Labormaterialien zum Arbeitsplatz in der Uni Erlangen fuhr, im Alter von 65 Jahren verstorben. Er hinterlässt viele wissenschaftliche e Aufzeichnungen, deren Auswertung noch einige Forscherleben beschäftigen kann. Vor allem aber hat er reichhaltige Erkenntnisse gesammelt, besonders in der Fledermaus- und Heuschreckenbiologie und der Bioakustik (Analyse von Gesangsmustern). Die Wissenschaft war sein Leben.

Stundenlohn von 50 Pfennig

Schon im Alter von zehn Jahren arbeitet Otto neben der Schule für einen Stundenlohn von 50 Pfennig in einer Wiesbadener Gärtnerei. um sich ein Fernglas zusammenzusparen mit dem er Tiere besser beobachten kann. Daheim baut sein Vater, der als deutscher Diplomat nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Flucht alles verloren hat, trotz der schweren Zeit ein Terrarium mit ihm, in dem der Junge heimische Tiere hält. Ottos Forscherdrang ist nicht mehr aufzuhalten. Wenn er einen Vogel zwitschern hört, dessen Gesang er noch nicht erkennt, sucht er so lange, bis er ihn entdeckt hat - selbst wenn seine Mutter zu Hause mit dem Essen wartet. Auch später wird er nie nur spazieren gehen können. Immer hat er ein Fernglas dabei und selten kommt er mehr als einige Schritte voran, bevor er wieder etwas Interessantes entdeckt.

In Mainz beginnt er Biologie und Mathematik zu studieren. Als er nach Freiburg wechselt, kann er seine Liebe zu Fledermäusen endlich ausleben. Gemeinsam mit Studenten klettert er auf die kleinen Türme des Freiburger Münsters und fischt Zwergfledermäuse aus den schmalen Spalten, um sie zu vermessen und zu beringen. Er promoviert, habilitiert und erhält unter anderem einen Ruf nach Erlangen. Mit einem seiner Assistenten Bernhard Ronacher zieht zunächst in eine kleine Pension an das Weihergebiet nach Poppenwind. «Die Studenten sind da», schlägt ihnen im Ort oft entgegen.

Die Sekretärin kauft Schuhe

Otto von Helversen ist zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt und weit davon entfernt, ein abgehobener Professor zu sein, der dozierend durch die Universität stolziert. Er gehört sein Leben lang eher zur Gattung, die geniale Schaltkreise für Messapparaturen entwickelt, aber vehement bestreitet eine Kaffeemaschine bedienen zu können. Nur der Hunger treibt ihn dazu, nach langen vor allem nächtlichen Forschungen, das Kochen zu lernen – einkaufen muss allerdings seine Familie oder notfalls auch die Studenten. Auch die Idee, dass Kleidungsstücke nach einigen Jahren vielleicht zerschlissen sein könnten, kommt ihm nur selten in den Kopf. Als seine erste Frau stirbt, gehen bald seine Schuhe kaputt. Irgendwann erbarmt sich seine liebe Sekretärin, in ihrer Freizeit exakt dasselbe Modell wie zuvor zu besorgen. Sie bestellt gleich mehrere Paare, damit der Professor bis an sein Lebensende nie wieder Schuhe kaufen muss. Immer ist

sein alter altehrwürdigen Parka dabei und stets trägt er sein charakteristisches gehäkeltes Stirnband.

Und er nutzt liebevolle Methoden, um seine Liebe zur Wissenschaft weiterzugeben. Eine Zweifarbfledermaus, die verletzt zu ihm gebracht wird, dressiert er so, dass er sie im Hörsaal fliegen lassen kann. Dafür muss er sie nur mit ein paar Mehlwürmern locken.

Exkursionen sind sein Lebenselixier Immer, wenn es die Uni zulässt, bricht er auf zu den Fledermäusen nach Griechenland, Brasilien, Venezuela, Mexiko, Kuba oder Costa Rica. Reisen ohne wissenschaftlichen Hintergrund gibt es für ihn nicht. Auf seiner Hochzeitsreise (!) entdeckt er die tropischen Blumenfledermäuse, die sich wie Kolibris der Nacht von Nektar statt von Insekten ernähren. Er entwickelt eine neue Methode, den Tieren Blut abzunehmen, die inzwischen weltweit angewendet wird: Er setzt ihnen Raubwanzen an die Flügel und lässt sie saugen, so dass sie ihm später Proben fürs Reagenzglas liefern.

Ein Student stirbt

Aber die wissenschaftlichen Reisen rund um die Welt sind nicht immer ungefährlich. Die Forschungsgruppen, die natürlich auch nachts unterwegs sind, fallen auf. Diebstähle sind die harmlosesten Gefahren. Es kommt sogar zu Entführungen und Scheinexekutionen. Bei einem dramatischen Überfall in Mexiko wird ein Student erschossen. Für von Helversen bricht eine Welt zusammen. Er sucht einen sicheren Ort für seine Forschung und findet ihn in Costa Rica, später auf Kuba.

Auf einer Reise dorthin lernt er vor zwanzig Jahren auch seine spätere zweite Frau Corinna kennen. Sie ist auch Biologin und teilt die Liebe ihres Mannes zu Natur und Forschung. Heute versucht die 45-Jährige nach dem unerwarteten Tod des Professors infolge einer Verletzung bei einer eigentlich harmlosen Schrittmacherimplementation die Aufzeichnungen zu ordnen, damit nichts verloren geht. Ein Handbuch über Heuschrecken in Europa wollte er unter anderem noch verfassen - das über Fledermäuse war gerade fertig geworden.

Und Corinna von Helversen achtet darauf, dass auch der Naturschutz in seinem Sinne weiterbetrieben wird. Sein Leben lang hat sich Otto von Helversen für den Erhalt schutzwürdiger Flächen eingesetzt. Zehn Jahre hat er um ein Weihergebiet in der Uckermark in Brandenburg gekämpft. Nach zähen Verhandlungen konnte er sich die Flächen sichern, um das Biotop und die Tierarten dort zu schützen. Sein Privatvermögen hat er in die «Helversen‘sche Stiftung für Arten- und Biotopschutz» gesteckt. «Es war sein Lebensprojekt», sagt seine Frau. Genau wie die Wissenschaft. 

Claudia Freilinger

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus: Neuhaus