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Schwerkranker Röttenbacher hofft auf Cannabis-Therapie

Hausärztin ist bemüht, aber die Verordnung als Medikament ist kompliziert - 18.12.2017 07:57 Uhr

Cannabis – hier Pflanzen auf einer Plantage in Israel – darf in Deutschland seit März in Ausnahmefällen als Medikament verordnet werden. © Foto: Maria Däumler


Das Schicksal hat es nicht gut gemeint mit Georg Seubert und seiner Frau Irene Seubert-Heinen. Die 71-Jährige leidet seit 15 Jahren an Parkinson, kann sich nur noch mit Rollator fortbewegen und hat inzwischen schwere Anfälle. Eigentlich wollte Georg Seubert seine Frau im fortgeschrittenen Krankheitsstadium pflegen.

Doch nach einem schweren Schlaganfall vor eineinhalb Jahren, dem zwei kleinere Anfälle und ein Herzinfarkt vorangingen, liegt er selbst im Bett: Er ist linksseitig gelähmt, wurde bis vor kurzem künstlich ernährt, kann weder aufstehen noch sitzen. Außerdem kann er sein linkes Bein nicht ausstrecken.

Der 54-Jährige leidet Tag und Nacht unter schrecklichen Schmerzen und kann daher kaum schlafen. "Ich habe schon viele Schmerzmittel genommen, doch die helfen alle überhaupt nicht", sagt er. "Wegen seiner ausgeprägten Angststörung, die mein Mann schon seit 20 Jahren hat, kann er auch nicht zur Schmerztherapie ins Krankenhaus", erläutert Irene Seubert-Heinen die schwierige Situation.

Die letzte Hoffnung sei nun Cannabis. Das lange umstrittene Mittel, das seit März 2017 in Deutschland in Ausnahmefällen verordnet werden darf, wirkt offenkundig bei vielen Schwerkranken und Krebspatienten schmerzlindernd. Darauf setzt Seubert jetzt seine letzte Hoffnung. "Die Einnahme von Cannabis wäre ja nur ein Versuch. Wenn die Schmerzen bloß ein bisschen eingedämmt wären, dann wäre ich schon zufrieden."

Doch als er seine Hausärztin nach einem Rezept für Cannabis fragte, stieß er auf Ablehnung. "Die Ärztin ist liebenswürdig und hat uns schon sehr geholfen, und sie kennt auch unsere Situation", erzählen beide. Daher können sie nicht begreifen, warum sie kein Rezept für das Medikament bekommen. Auch bei anderen Ärzten in der Region haben die beiden angefragt wegen einer Cannabis-Therapie, "aber alle winken ab". Selbst Fachmediziner wie ein Psychiater oder eine Neurologin "ziehen nicht mit", sagen sie. Georg Seubert ist bei seiner Frau gesetzlich krankenversichert. Doch im Notfall würden sie auch, je nachdem wie hoch der Preis ist, das Mittel selbst bezahlen. Aber ohne Rezept ist Cannabis nicht erhältlich.

Kerstin Behnke von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) versucht, die komplexe Problematik zu erläutern. Seit März dürfe Cannabis für Ausnahmefälle verordnet werden, als Arzneimittel sei es aber nicht zugelassen. Patienten, die Cannabis einnehmen wollen, müssen zunächst eine Ausnahmegenehmigungs-Möglichkeit bei der Kasse beantragen. Dazu müsse der Hausarzt einen Fragebogen ausfüllen, was je nach Fall sehr aufwändig sein könne, sagt Behnke. "Seit Oktober aber kann sich der Arzt den Zeitaufwand vergüten lassen."

Aufgrund dieser Daten entscheidet dann der Medizinische Dienst (MD) der Krankenkasse, ob Cannabis verordnet werden darf. Erst wenn der MD sein Okay gibt, dürfe der Arzt ein Betäubungsmittelrezept ausstellen.

Weil es noch keine wissenschaftlichen Studien zur Einnahme von Cannabis gibt, erstellt derzeit das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Begleitstudie. Dazu müsse der mit Cannabis behandelnde Arzt den Fall dokumentieren und die Daten seines Patienten anonym an das BfArM weiterleiten.

Zum konkreten Fall von Georg Seubert erklärt Behnke, dass dessen Angststörung und Herzprobleme absolute Kontraindikationen für Cannabis seien. In seinem Falle würde der MD wohl nie eine Cannabis-Gabe genehmigen. Das bestätigt auch die Hausärztin von Seubert. "In seinem speziellen Fall ist eine Cannabis-Verordnung sehr schwierig bis unmöglich." Auch zur ambulanten Schmerztherapie, die in Erlangen möglich wäre, oder in die Klinik könne Seubert nicht.

Vereinfacht dargestellt

Am besten, so empfiehlt die KVB-Vertreterin, wäre es, wenn der Patient von einem Schmerzmediziner behandelt würde. Das hielte auch die Hausärztin für sinnvoll: "Ich habe bereits herumtelefoniert, ob nicht ein Facharzt einen Hausbesuch machen würde." Bisher habe sie nichts erreicht. Sie werde nun nochmals einen Neurologen deswegen kontaktieren. Grundsätzlich, so meint die Hausärztin, werde das Thema Cannabis in den Medien oft vereinfacht dargestellt. Damit würden manchmal Hoffnungen geweckt, die sich dann so nicht erfüllen.

Georg Seubert ist inzwischen wegen der permanenten Schmerzen so verzweifelt, dass er am liebsten gar nicht mehr leben möchte. "Würden wir in der Schweiz leben, dann wär’ ich schon weg. Ich würde sofort aktive Sterbehilfe annehmen", macht der Schwerkranke deutlich, wie weit er gehen würde. "Ich kann nicht mehr, ich weiß nicht mehr, was ich machen soll." Seine Frau will nicht klein beigeben und betont: "Wir sind Kämpfer. Wir lassen uns nicht unterkriegen." 

Maria Däumler NN-Springerredaktion E-Mail

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