Dienstag, 13.11.2018

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Zentbechhofener Storch stand Pate

Friedrich Harth, Förstersohn und erster bayerischer Segelflieger schrieb Luftfahrgeschichte - 08.08.2009

1908 baut der Zentbechhofener Förstersohn Friedrich Harth in Würzburg diese abschüssige Startrampe für Gleitflugversuche. Ein Jahr später läutet er in Bamberg die Geschichte der Luftfahrt ein. Quelle: «Am Himmel über Bamberg»


«In lautlosem majestätischem Fluge» sieht er als Sechsjähriger von seinem Vaterhaus in dem Dorf an der Grethelmark die Störche auf Futtersuche an die vielen Weiher ringsum streichen. Friedrich Harth lassen diese Kindheitseindrücke nicht mehr los: Aus dem Zentbechhofener Buben wird Bayerns erster Siegelflieger, ein Flugzeugkonstrukteur und Weltrekordler.

Friedrich Harth, in Fachkreisen schon immer als eine feste Größe in der Geschichte der Luftfahrt anerkannt, ist schon zur Höchstadter 1000-Jahr-Feier für seinen Heimatort entdeckt worden.

Fünf Zentbechhofener, darunter Arnold Bayer, haben 2003 eins seiner Flugmodelle nachgebaut und beim Umzug durch die Stadt präsentiert. Es hängt heute in der Schule von Zentbechhofen. Dort hat Bayer zu den Jubiläumsfeierlichkeiten auch eine kleine Ausstellung über Friedrich Harth organisiert, die seine Flugversuche unter anderem in einem Film und auf Schautafeln dokumentiert. Sie ist am Festwochenende zu sehen.

Eindrücke im Forsthaus

Schon im Jahr 1987 hatte der flugbegeisterte Höchstadter Klaus Strienz, damals als Leiter Arbeitsgemeinschaft Flugtechnik des Gymnasiums für eine Ausstellung in der Kreissparkasse Material über Harth zusammengetragen. Der Gymnasiallehrer und Segelflieger hatte dazu vor allem in Bamberg, dem späteren Arbeits- und Wohnort des Flugpioniers, Quellenforschung betrieben (die NN berichteten ausführlich). Deren Ergebnis stellte den Zusammenhang her zu Friedrich Harths Geburtsort: dem Forsthaus Zentbechhofen. Ohne die Eindrücke aus seiner Kindheit wäre ihm wohl nicht der Gedanke an den Segelflug gekommen, schreibt Harth in seinem Tagebuch. Die Störche auf dem Zentbechhofener Forsthaus und die Bussarde, deren Schwebeflug Harths Vater, Förster von Beruf, seinem

Sohn zeigte, haben also einiges bewirkt. Denn das ist in Fachkreisen unbestritten: Der Förstersohn aus dem Aischgrund baute die ersten Segelflugzeuge, die diesen Namen auch verdienen.

Das bestätigt auch ein neues Buch: Adolf Nüßlein hat unter dem Titel «Am Himmel über Bamberg» 100 Jahre deutsche Luftfahrtgeschichte dokumentiert und Friedrich Harth darin ein Kapitel gewidmet.

Der Autor beschreibt, wie sehr der Segelpionier noch von Otto Lilienthal beeindruckt war, während sich viele andere schon mit der Motorfliegerei beschäftigten. Ein von Harth 1913 kreierter Flugzeugtyp, die «S 3» mit Zentralkufe, Spannturm, Gitterschwanz und Flügeln mit relativ großem Seitenverhältnis habe den Standardgleiter vorweggenommen.

Die ersten Hüpfer

Harth selbst wagt seine ersten Hüpfer auf dem Kulm, einer Jura-Erhebung unweit von Bamberg, deren Plateau und steiler Westabhang einen guten Startplatz abgeben.

Zu diesem Zeitpunkt steht er als Oberbaurat schon in Diensten der Stadt und verbringt seine Freizeit mit Konstruieren und Testen seiner Flugmaschinen. Schon bald hat er dabei einen Helfer, den 15-jährigen Sohn eines Bamberger Weinhändlers. Dessen Name erreichte später einen weit höheren Bekanntheitsgrad: Willi Messerschmitt. Die Tatsache, dass jener berühmte Flugzeugkonstrukteur bei Friedrich Harth in die Lehre ging, wird in Fachkreisen als gleich wichtiges Verdienst des Pioniers für die Luftfahrtentwicklung gesehen. Ein Lehrer-Schüler-Verhältnis ist es auch, als Harth in den Ersten Weltkrieg ziehen muss. Nach den Plänen, die der Lehrer nach Bamberg schickte, baut der Schüler daheim die fliegenden Kisten. Für deren Leistungsfähigkeit wird der «Flugplatz» auf dem Kulm bald zu klein. Man zog in die Rhön um.

Dort, im späteren Mekka der deutschen Segelflieger, erreicht der Zentbechhofener Förstersohn auch den Höhepunkt seiner Fliegerlaufbahn. Am 13. September 1921 segelt er im selbstkonstruierten Flugzeug über 20 Minuten lang - heute ein selbst den Amateur nicht befriedigender Hopser, damals Weltrekord im Dauerfliegen. Vom Zenit folgt gleich der Absturz - und zwar tatsächlich. Der Weltrekordflug endet - so berichtet Harth in seinem Tagebuch - mit einem Sturz aus 70 Metern Höhe. Er überlebt schwer verletzt, erholt sich aber nie mehr von den Folgen des Unfalls. Schädel und Becken sind mehrfach gebrochen.

Der Flugpionier gründet später zusammen mit Messerschmitt eine Flugzeugbaufirma, die 1930 nach Querelen zwischen den beiden auseinanderbricht.

«Harth verfolgt weiterhin seine Idee vom motorlosen Segelflug, wohingegen Messerschmitt von der wirtschaftlichen Zukunft des Motorflugs überzeugt ist», schreibt Arnold Bayer in seinem Buch.

1936 stirbt Friedrich Harth im Alter von 56 Jahren. In Bamberg liegt er begraben.

Originale übergeben

Aus Harths Nachlass, der in die Sammlung von Handschriften der Bamberger Staatsbibliothek überging, haben Klaus Strienz und Arnold Bayer diese Daten zusammengetragen. Bayer hat auch weitere Quellen und die Originale nach getaner Arbeit dann teils an die Bibliothek übergeben.

Ein Modell seiner Flugmaschine steht auch im Höchstadter Heimatmuseum. Wer es anschaut, versteht wieso man wirklich ein tollkühner Mann sein musste, um sich in eine solche fliegende Kiste zu setzten. Konstruktionsbedingt reagierten diese Maschinen nämlich empfindlich und ruckartig auf Windstöße.

Start nur im Sturm

Außerdem startete man zu Harths Zeiten nur im Sturm - heutige Segelflieger brächte da niemand an den Steuerknüppel.

Die Filmaufnahmen aus diesen Pioniertagen, die Arnold Bayer dieses Wochenende in der Ausstellung in Zentbechhofen zeigt, beweisen es ebenfalls: vom lautlos-majestätischen Flug war wirklich nur zu träumen. Den hatten die Aischgründer Störche allemal voraus. 

Rainer Groh und Claudia Freilinger

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