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Nitrat: So belastet ist das Grundwasser in der Region

Studie zeigt auf, wie Belastung durch Landwirtschaft verringert werden kann - 04.08.2017 14:38 Uhr

Gefahr fürs Grundwasser: Durch die neue Düngeverordnung sollen die Güllemengen auf den Feldern begrenzt werden. © Ingo Wagner/dpa


Es stinkt zum Himmel im niederbayerischen Hohenthann. 65.000 Mastschweine werden hier herangezüchtet und verrichten dabei stetig ihr übel riechendes Geschäft. Nirgendwo sonst in Bayern sind so viele der Tiere auf so geringem Raum versammelt, nirgendwo sonst fällt so viel Schweinegülle an. Die Anwohner beklagen sich über massive Geruchsbelästigung.

Und nicht nur das: Sie sehen ihr Grund- und Trinkwasser bedroht. Die Nitratwerte im Untergrund sind so hoch, dass der örtliche Wasserversorger schon Brunnen stilllegen musste.

"Bei allen Betriebsarten gibt es Optimierungsbedarf bei der Stickstoffdüngung", sagt Peter Fritsch, Grundwasserschutz-Experte des Landesamtes für Umwelt (LfU). Gemeinsam mit der Landesanstalt für Landwirtschaft und der Technischen Universität München führt das LfU ein umfassendes Forschungsprojekt im Raum Hohenthann durch.

An 120 Messpunkten hat man dafür teilweise monatlich Grundwasserproben entnommen. Das erschreckende Ergebnis: Das Wasser aus rein landwirtschaftlich genutzten Einzugsgebieten überschritt zu 54 Prozent den EU-Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter.

Futtermittel machen Probleme

"Das Forschungsvorhaben belegt, dass das Nitrat im Grundwasser zum größten Teil aus der Landwirtschaft kommt", erläutert Fritsch. Ein Grund dafür: Die Schweinegülle in Hohenthann hat einen deutlich höheren Stickstoffgehalt als im bayerischen Durchschnitt.

"Das liegt an Molke und anderen Nebenprodukten in den Futtermitteln. Deren Eiweißgehalte und damit auch der Stickstoffgehalt schwanken sehr stark", verdeutlicht Fritsch. Das heißt: Die Bauern kennen den Nährstoffgehalt des Futters nicht, sie wissen damit auch nicht, wie viele Nährstoffe die Gülle enthält. Deshalb wurde häufig zu oft gedüngt oder sogar noch Mineraldünger hinzugegeben, obwohl das gar nicht nötig war, so vollgepumpt mit Stickstoff war der Boden schon.

Überangebot an Gülle

Um solche Fehler künftig zu vermeiden, empfehlen die Projektpartner den Bauern eine intensive Fütterungsberatung und genaue Nährstoffuntersuchungen von Futtermitteln und Gülle, auch wenn das nicht kostenlos zu haben ist.

Ein weiteres Problem: Zu geringe Lagerkapazitäten. Bisher musste man nur Raum für die Gülle von sechs Monaten vorhalten. Doch mit der neuen Düngeverordnung darf man die Felder weniger düngen, speziell die Düngung im Herbst darf nur noch sehr eingeschränkt durchgeführt werden. Die Folge: Es gibt viel zu viel Gülle.

"Die Gülle muss deshalb zunehmend an andere Betriebe abgegeben werden, das geschieht bisher noch zu wenig", sagt Fritsch. Zum Glück liegt der fruchtbare Gäuboden rund um Straubing nahe bei Hohenthann. Dort gibt es genug Ackerbaubetriebe, die die Gülle verwenden können.

Anderswo ist es deutlich schwieriger, Abnehmer zu finden. In Niedersachsen etwa fallen riesige Gülle-Überschüsse an, die bis nach Mecklenburg-Vorpommern transportiert werden. Durch die neue Düngeverordnung werden die Gülle-Überschüsse steigen — und es könnte schwierig werden, genug Abnehmer zu finden.

Stickstoff in der Luft muss mit eingeplant werden

Und es kommt noch dicker für die Landwirte: Bei dem Forschungsprojekt in Hohenthann wurde festgestellt, dass pro Jahr allein durch die Luft schon 25 Kilogramm Stickstoff pro Hektar in den Ackerboden gelangen. "Dass im Winter nur acht Kilo anfallen, zeigt, dass auch dieser Stickstoff in der Luft letztlich aus der Düngung stammt", sagt Fritsch.

Bisher dürfen die Bauern 170 Kilo Stickstoff pro Hektar im Jahr aus organischen Wirtschaftsdüngern (Gülle, Festmist, Gärreste) ausbringen. Brotweizen hat zum Beispiel einen Bedarf von 230 Kilo Stickstoff, weshalb der fehlende Teil mit Mineraldünger gedeckt wird. "Eigentlich müsste man aber künftig die 25 Kilo aus der Luft bei der Düngebedarfsplanung berücksichtigen", meint Fritsch.

Wasserversorger kooperieren mit Landwirten

Eine weitere Erkenntnis der Forscher: "Auf Niedrigertragsböden wächst auch mit viel Dünger wenig", sagt Fritsch. Häufig wurde aber auf schlechten Böden bisher besonders viel gedüngt, um den Ertrag zu steigern.

Wie man die Nitratwerte niedrig hält, wissen auch die Wasserversorger. Die Großen unter ihnen schließen freiwillige Kooperationsvereinbarungen mit den Landwirten in ihren Schutzgebieten ab. Dafür bringen diese zum Beispiel im Winter keinen Wirtschaftsdünger aus, lassen ihren Boden im Frühjahr auf den Nährstoffgehalt überprüfen und verpflichten sich zum Anbau von Zwischenfrüchten.

Dafür bekommen die Bauern die niedrigeren Erträge und die zusätzliche Arbeit finanziell ersetzt - und noch ein paar Euro obendrauf, um einen Anreiz zum Mitmachen zu schaffen. "Wir zahlen dafür pro Jahr 120.000 bis 130.000 Euro an die Landwirte", sagt Christian Freytag, Leiter der Reckenberg-Gruppe, die das Gebiet zwischen Gunzenhausen und Heilsbronn mit Trinkwasser versorgt. Durch die Kooperation mit den Landwirten konnte der Wasserversorger den Nitrat-Gehalt im Trinkwasser auf 15 bis 22 Milligramm pro Liter senken. Weil vor einigen Jahren das Schutzgebiet auf die achtfache Größe ausgeweitet wurde, gilt die Wasserqualität als gesichert.

Probleme gibt es trotzdem: Das Einzugsgebiet der Brunnen ist größer als das Schutzgebiet. Bei Vorfeldmessungen wurden Nitrat-Werte von 80 bis 140 Milligramm pro Liter gemessen. "Das wird unterirdisch zwar weiter abgebaut, aber nicht vollständig", verdeutlicht Freytag. Langfristig könnte das Nitrat ins Trinkwasser wandern und die Werte wieder erhöhen.

Lage in Mittelfranken hat sich verschlechtert

Besonders belastet sind derzeit Gebiete, in denen wenig Regen fällt, der das Nitrat verdünnen kann, also etwa in Unterfranken und Westmittelfranken, aber auch Regionen mit besonders intensiver Viehwirtschaft oder vielen Biogasanlagen. Für diese Gebiete sollen die Bundesländer nach der neuen Düngeverordnung drei zusätzliche Vorkehrungen treffen. Die Festlegung der einzelnen Schritte erfolgt derzeit zwischen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium, erläutert Fritsch.

Eine Anfrage der mittelfränkischen Grünen-Landtagsabgeordneten Verena Osgyan, Markus Ganserer und Martin Stümpfig hatte jüngst ergeben, dass bei 51 Wasserversorgungsanlagen die Nitratwerte über 25 Milligramm pro Liter liegen, bei 65 sogar über 40. Damit hat sich die Situation in Mittelfranken zuletzt noch etwas verschlechtert.

Grenzwert wird in Unterfranken häufig überschritten

Laut aktuellem bayerischen Nitratbericht sind 3,5 Prozent des im Freistaat für Trinkwasser entnommenen Rohwassers mit Nitrat über dem Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter belastet. Dieses Wasser muss aufbereitet oder mit weniger belastetem Wasser gemischt werden.

Besonders dramatisch ist die Situation in Unterfranken: Hier überschreiten 20,4 Prozent des Rohwassers den Grenzwert, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 3,6 Prozent. In der Oberpfalz sind 7,6 Prozent, in Mittelfranken 5,0 und in Oberfranken 0,3 Prozent des Rohwassers zu stark mit Nitrat belastet.

Besserung nach Jahrzehnten

Bayernweit haben sich die Messwerte beim Trinkwasser in den vergangenen Jahren zwar leicht verbessert, das liegt laut LfU aber zum großen Teil daran, dass zwischen den Jahren 2000 und 2012 etwa 150 Trinkwasserbrunnen hauptsächlich wegen zu hoher Nitratbelastung stillgelegt und somit aus der Statistik genommen wurden.

Noch stärker belastet ist das nicht als Trinkwasser genutzte Grundwasser. An 8,6 Prozent der Messstellen überschreitet der Nitratgehalt den Grenzwert, besonders häufig in Westmittelfranken, im südöstlichen Unterfranken und in Niederbayern.

Durch die neue Düngeverordnung und die nun in Hohenthann erarbeiteten Vorkehrungen erwartet Peter Fritsch allerdings eine Verbesserung: "Im jungen, nicht so tief gelegenen Grundwasser sollten sich die Nitratwerte in den nächsten fünf Jahren verbessern. Im tiefer gelegenen Grundwasser, das für die Trinkwasserversorgung genutzt wird, sollte diese Verbesserung in einigen Jahrzehnten eintreten, so lange dauert der Prozess." 

Martin Müller

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