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22. Juni 1968: Die Stadt verschenkte eine Kirche

Nürnberg trug bisher gesamte Baulast für das Rietersche Stiftungsvermögen - 22.06.2018 07:00 Uhr

Inmitten von Wiesen und Feldern erhebt sich das Wahrzeichen von Kleinschwarzenlohe, das spätgotische Kirchlein mit seinem spitzen Turm © Kammler


Das Erbe der Patrizierfamilie Rieter gehört nun mit „Nutzen und Lasten“ der evangelisch-lutherischen Kirche. Die Stiftungsverwaltung gab sogar noch eine Ablösesumme darein, um den „wesensfremden Besitz“ für eine Stadt loszuschlagen. Mit anderen Kirchen in der näheren und weiteren Umgebung Nürnbergs, die durch edle Spender in profane Hände gekommen sind, soll ähnlich verfahren werden.

Auf den Dreh, die Baulast für die Gotteshäuser abzugeben, kam die Stiftungsverwaltung, als Anfang der 60er Jahre ein neuer Pfarrer in Schwimmbach bei Thalmässing das Pfarrhaus von Grund auf modernisieren, die Stadt als Treuhänderin dieses Besitzes aber dafür bezahlen lassen wollte. Nicht alle Stiftungen sind so reich bestückt, daß bei ihnen nicht auf den Pfennig gesehen werden muß, zumal sie wohltätigen Zwecken dienen sollen. Die Verwaltung milder Gaben im Rathaus machte daher der evangelischen Kirche das Angebot, die Kirchen samt Pfarrhäusern (soweit vorhanden) zu übernehmen.

Ein umfassender Blick in den Ostchor der Allerheiligenkirche zeigt das Schmuckstück des kleinen Gotteshauses: den Zwölf-Boten-Altar. © Kammler


Der erste Vertrag zwischen Stiftungsverwaltung und einer Kirchengemeinde kam nun im Falle Kleinschwarzenlohe zustande. Die Allerheiligen-Kapelle gehört jetzt als Filialkirche zu Kornburg, die Landeskirchenverwaltung trägt die Baulast, da sie auch die Ablösesumme eingesteckt hat.

Kaufmännisches Denken und die Überlegung, die Kirche Herr im eigenen Haus sein zu lassen, siegten über die Bedenken, ein kostbares Denkmal Nürnberger Gotik mit vielen Kunstschätzen aus der Hand zu geben. 1448 wurde das kleine Gotteshaus von den Bürgern Fritz Beer und Hans Weiß erbaut, 1471 erhielt das Patriziergeschlecht der Rieter, das Patronats- und Präsentationsrecht, nachdem der Ort Kornburg bereits 1450 in den Besitz der Familie übergegangen war.

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Das bis dahin kärglich ausgestattete Kirchlein wurde nun mit wertvollen Stiftungen bereichert. Der Zwölf-Boten-Altar aus der mainfränkischen Schule wurde 1490 aufgestellt, zu unbekanntem Zeitpunkt der berühmte Katharinenaltar, der aus der Werkstatt des Meisters des Marienaltars stammt. 1513 wuchs das Wahrzeichen von Kleinschwarzenlohe, der spitze feingliedrige Turm von Allerheiligen in die Höhe.

Schon 1437 hatte Hans Rieter testamentarisch verfügt, daß im Falle des Aussterbens seiner Familie, die Besitzungen in Form einer Familienstiftung dem Heilig-Geist-Spital zugute kommen sollten. Nach dem Tode des letzten Rieters 1753 mußte die Stadt als Treuhänderin der Heilig-Geist-Spital-Stiftung das Erbe beim Reichshofrat in Wien einklagen, weil der letzte Rieter ein anderslautendes Testament gemacht hatte.

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Seitdem verwaltete sie das Rietersche Stiftungsvermögen zu dem mit der Kleinschwarzenloher Kirche vier Gotteshäuser gehörten, und bezahlte jeweils die Renovierungskosten.

Das Entgegenkommen der Kirchenverwaltung und der Pfarrgemeinde Kornburg ließen nun den Vertragsabschluß gelingen. Bei den drei anderen Gotteshäusern wird das Schenken aber schwerer gemacht. In Schwimmbach zieht sich die Lösung schon über Jahre hin. Gegenwärtig ist der Pfarrer erkrankt, so daß es immer noch nicht zu einer Regelung gekommen ist. In Kalbensteinberg und in Wengen wollen die Gemeindeglieder „ihre“ Kirchen nicht haben. 

NN

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