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31. Januar 1968: Der Stein des Anstoßes

Die Neubau-Pläne vor dem Heilig-Geist-Spital im Kreuzfeuer der Kritik - 31.01.2018 07:00 Uhr

Beweistück im Hof: ein Stück der Fassade, deren matter Bronzeton – so erklären die Planer – zur Umgebung paßt. © Kammler


Eine ganze Reihe von Altstadtfreunden will sich nicht damit abfinden, daß an dieser Stelle kein typisches Nürnberger Haus mit Giebeldach und sandsteinverkleideter Fassade entstehen soll.

Die Architekten – Eduard Kappler und Wilhelm Schlegtendal – verteidigen hingegen ihre Pläne mit dem Hinweis, daß sie sich alle erdenkliche Mühe gegeben haben, keinen groben Klotz in die geschichtsumwitterte Umgebung zu setzen.

„Nachdem nun die Stadt und das Land Bayern in jahrelanger Arbeit und mit erheblichen, in die Millionen gehenden Kosten in außerordentlich dankenswerter Weise erreicht haben, daß das alte romantische Bild einer der ersten Großstädte des Mittelalters wiedererstanden ist, wird dem städtebaulichen Schwerpunkt dieser Stadt von offenbar milieufremden Architekten dieser Gewaltakt angetan. Die sattsam bekannte Holzhammernarkose dürfte dagegen ein humanes Einschläferungsmittel sein“, schreibt Dipl.-Ing. Fr. B. und fordert: „Es muß im Interesse der Nürnberger Bautradition gerade an diesem Punkt unbedingt verlangt werden, auf die Blechfassade und das Flachdach zugunsten der Sandsteinfassade und des dort üblichen Steildaches zu verzichten!“

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Mit sechs Gesinnungsfreunden zieht Hochbauingenieur O. Th. gegen das geplante Bauwerk der Dresdner Bank auf einer Fläche von 2.400 Quadratmeter zu Felde. „Sollen in Nürnberg bis zum Dürer-Jahr die noch vorhandenen Baulücken mit weiteren würdigen Schlußsteinen zugebaut werden?“ fragte er ironisch und äußert sogleich Bedenken wegen eines Projektes neben dem Fembohaus, das bereits auf einer Tafel angekündigt wird.

„Diese ‚Schlußsteine‛ im Herzen der Altstadt, besonders an der immer noch vorhandenen städtebaulichen Leitlinie vom Königstor über den Marktplatz zur Burg, sind damit verbraucht“, meint O. Th.

Nicht nur die Architekten des Bankneubaus stehen im Kreuzfeuer der Kritik, sondern auch der Stadtrat kommt nicht ungeschoren davon. „Interessant wäre zu wissen, warum eigentlich der Stadtrat, der sich doch andererseits so vorbildlich für die Erhaltung des Altstadtbildes einsetzt, bei diesem Schildbürgerstreich mitmacht“, forscht Dipl.-Ing. Fr. B. Er wettert mit Worten wie „Vergewaltigung des Nürnberger Baustils“ oder „schlechter Witz“.

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Trotz derart heftiger Angriffe fühlen sich die Architekten Kappler und Schlegendal keiner Schuld bewußt, zumal beide weit mehr als einmal bewiesen haben, daß sie mit Gefühl an den Wiederaufbau in der Altstadt gegangen sind und sich im Stil nicht vergriffen haben.

„Wir hätten nach dem Bebauungsplan der Stadt fünf Stockwerke in die Höhe gehen können, uns aber auf drei Geschosse über dem Straßenniveau beschränkt“, erklärt Dipl.-Ing. Eduard Kappler. Obendrein sei darauf verzichtet worden, bis an die Ecke Bischof-Meiser-Straße/Spitalgasse zu bauen, damit ein kleiner Platz entsteht und das historische Heilig-Geist-Spital voll zur Geltung kommt.

Kappler glaubt auch, daß sich die Kritiker des künftigen Bankgebäudes nur deswegen über die Metallverkleidung entsetzt zeigen, weil sie nicht wissen, wie die Fassaden aussehen werden. Er hat im Hof bei seinem Büro an der Neuen Gasse das Muster einer Bronzeplatte aufstellen lassen ,um damit jedermann beweisen zu können, daß das Metall bewußt matt und zurückhaltend ist, daß also Baureferent Heinz Schmeißner die Wahrheit gesprochen hat, als er die „noble Zurückhaltung“ im Material des Hauses lobte.

Der „Schlußstein im Herzen der Altstadt“ zeigt einmal mehr, daß sich über den Geschmack sehr wohl streiten läßt. 

W. S.

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