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Aktion gegen das Vergessen

Initiative will den alten Deportationsbahnhof Märzfeld erhalten - 04.05.2014 20:41 Uhr

Die Stadtbild Initiative Nürnberg will eine würdigere Gestaltung des ehemaligen Deportationsbahnhofs Märzfeld in Langwasser. Wie diese aussehen kann, haben sich die Schülerinnen Regina Klovznyk (links) und Sophie Lola Vorläufer zusammen mit ihren Mitschülern aus der 10. Klasse des Sigena-Gymnasiums überlegt. [AUTOR_A_ENDE]Foto: Michael Müller[/AUTOR_A_ENDE] © NNZ


Was kaum jemand weiß: Mitten in Langwasser haben sich vor nicht einmal 80 Jahren dramatische Szenen abgespielt. Am Bahnhof Märzfeld wurden in den Jahren 1941 und 1942 etwa 2000 Menschen jüdischer Herkunft aus ganz Nordbayern in drei Deportationen in die Vernichtungslager im Osten gebracht.

An diesem Ort zwischen der heutigen Groß- Strehlitzer-Straße und der Thomas-Mann-Straße sahen sie das allerletzte Mal den Boden ihrer Heimat, zu dem sie nie wieder zurückkehrten. Heute besteht der achtgleisige Bahnhof, der 1938 vom Nazi-Architekten Albert Speer eingeweiht wurde, lediglich aus einer heruntergekommenen Brücke. Der Bahnhof ist auch heute noch von Güterzügen vielbefahren, sein Tunnel wird als Fußgänger- und Fahrraddurchgang genutzt. Umso verwunderlicher sein Verfall und die Verwahrlosung. Hier setzt die Kritik der Stadtbild Initiative an, die sich als Zusammenschluss von verschiedenen Vereinigungen und Personen für ein schöneres Nürnberg einsetzt.

„Der Zustand ist skandalös“, fand der Mitinitiator des Projekts Wolf Hergert bei einem Pressetermin vergangene Woche. „Wie die Verwandten der Deportierten wohl reagieren würden, wenn sie sehen, wie dieser Ort heute aussieht?“ Denn der Tunnel – alles andere ist für Passanten nicht mehr begehbar – ist verwahrlost und seit 2005 teilgesperrt wegen Einsturzgefahr. Überall sind Zäune und Absperrungen, die einen Aufenthalt wenig attraktiv machen. „Das ist nun wirklich kein Ort, um den Ermordeten zu gedenken“, sagte Hergert.

Schüler präsentieren Entwurf für den Gedenkort

Deshalb haben sich Schüler des Sigena-Gymnasium Nürnbergs nun eine Kulisse überlegt, die der Vergangenheit an diesem Ort gerechter werden soll. Zwei Schülerinnen der zehnten Klasse präsentierten den Entwurf, der unter anderem eine größere, bedrückende Zeichnung mit einer Menschenkolonne beinhaltete: „Das Bild haben wir dem letzten erhaltenen Foto, das von den Deportationen existiert, nachempfunden. Wir finden ein Gedenken an solche Hinterlassenschaften einfach wichtig. Schließlich ist es noch nicht so lange her und es betrifft uns noch alle irgendwie“, erklärte die Schülerin Regina Klovznyk. „Auch sind auf dem Sigena-Gymnasium früher sicherlich einige jüdische Schüler gewesen, die hier mit dabei waren.“

Elmar Hönekopp, Sprecher der Stadtbild Initiative, kritisierte auch, dass oft nur das Zeppelinfeld sowie das Dokumentationszentrum als Gedenkorte präsent seien. „Wir wollen nun nicht mehr nur die Täter im Vordergrund sehen, sondern vermehrt der Opfer gedenken.“ Um dieses Vorhaben auch beim Bahnhof in Langwasser umsetzen zu können, gibt es einige Ideen. Das oberste Gebot ist es dabei, dass der Baubestand überhaupt erst einmal erhalten bleibt.

Dazu bedarf es einer Sanierung oder Wiederherstellung des verwahrlosten Tunnels. Eine Idee ist nun die Anbringung einer Informationstafel, die Passanten auf die denkwürdige Stelle aufmerksam macht. Zwar existiert bereits seit 2006 eine Stele, doch diese ist ziemlich unscheinbar und kaum gepflegt. Vor wenigen Tagen erst wurde eine der vier Glastafeln mutwillig zerstört. Zusätzlich soll eine Namensliste angebracht werden, die sämtliche Personen und ihre Heimatorte aufzählt, die hier in den Tod fahren mussten.

„Klar, es fehlt noch ein Gesamtkonzept, aber wir wollen zumindest Ideen anbringen. Den jetzigen Zustand können wir nicht länger dulden“, stellte Hergert klar. Doch woher soll das Geld kommen? „Ich glaube, es kostet uns mehr, wenn wir nichts tun.“ Außerdem bestätigte Hönekopp, dass es bereits Kontakte zur Politik und zu anderen Initiativen gibt. „An der Brücke muss so oder so etwas gemacht werden. Und unsere Vorschläge dürften nun wirklich keinen hohen Kostenfaktor ausmachen. Wenn man hier etwas kreativ ist, ist alles möglich.“ 

Meike Ledermann

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