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An Frauen denken Verkehrsplaner kaum

„Gender Walk“ mit Grünen-Politikerinnen zeigt Problemstellen in Nürnbergs ÖPNV-Netzwerk auf - 20.03.2013 08:21 Uhr

Das Schotterfeld unter dem neuen S-Bahnsteig Rothenburger Straße wirkt schon bei Tageslicht nicht besonders einladend. Nach Einbruch der Dunkelheit allerdings dürfte nicht nur Frauen mulmig zumute werden, die hier aus- oder umsteigen.


„Halt!“, ruft Lisa Badum und gibt ihren beiden Parteifreundinnen hinter ihr per Handzeichen zu verstehen, dass sie stehen bleiben müssen. Der Grund, warum die drei Frauen unter der neu erbauten Bahnbrücke an der Rothenburger Straße einen ungewollten Zwischenstopp einlegen: eine entgegenkommende Passantin. Diese reicht bereits, um den schmalen Fußweg unpassierbar zu machen für jeglichen Gegenverkehr. „Mit einem Kinderwagen für Zwillinge“, merkt Steffi Leisenheimer an, „kommt man hier auch niemals durch.“

Doch nicht nur wer mit einem Kinderwagen von der S- oder U-Bahn nach Gostenhof will, hat es schwer. Schon der Umstieg von der U2 zur S-Bahn gestaltet sich äußerst schwierig. Denn die Stelle, an der der Aufzug die Fahrgäste von der unterirdischen Haltestelle an die Oberfläche befördert, ist mindestens 100 Meter von jener entfernt, mit dem es dann eine Etage höher zur S-Bahn-Haltestelle geht. Dazwischen liegen der vielbefahrene Frankenschnellweg „und drei Fußgängerampeln, die man erst überqueren muss“, betont Verena Osgyan.

Ein offenkundiger Nachteil für Mütter mit Kinderwagen, aber auch Rollstuhlfahrer und ältere Menschen mit Rollator. Doch selbst für Frauen ohne Kinderwagen oder mit Einschränkungen beim Gehen ist die Umsteigesituation alles andere als rosig. Wenn frau etwa mit der Rolltreppe hinauffährt, landet sie im hintersten Eck des schlecht einsehbaren, düsteren Geländes unter der Bahnbrücke. Um hier nach Einbruch der Dunkelheit ohne Gänsehaut und flaues Gefühl im Magen umzusteigen, finden die drei Grünen-Politikerinnen, braucht es gute Nerven.

Eine Mutter mit breiterem Kinderwagen käme hier wohl kaum durch. © Eduard Weigert


Doch sind solche üblen Zustände nicht nur örtlichen Gegebenheiten geschuldet? Oder sind sie nur ein Beleg dafür, dass die — bis heute fast ausschließlich männliche — Zunft der Verkehrsplaner bei ihrer Arbeit die Bedürfnisse von Frauen gern mal außer Acht lässt, wie Lisa Badum findet? Die Kreisrätin aus Forchheim, die sich schon seit langem mit dem Thema beschäftigt, beklagt, dass der Nahverkehr weitgehend „von Männern für Männer“ geplant werde.

Ob sie mit ihrer grundlegenden Kritik recht hat, lässt sich bei dem dreistündigen Gender Walk, zu dem sie gemeinsam mit Steffi Leisenheimer, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Grünen-Bundestagsabgeordneten und Verkehrsexperten Toni Hofreiter, sowie der Kreisvorsitzenden des Kreisverbands Nürnberg, Verena Osgyan, eingeladen hat, nicht abschließend beweisen. Was die kleine Expedition durch Nürnbergs Nahverkehrsnetz jedoch auf jeden Fall belegt, ist, dass es sich bei der Rothenburger Straße längst nicht um die einzige Schwachstelle handelt.

Einer der vielen weiteren Punkte, mit denen viele Frauen ihre liebe Not haben, befindet sich am anderen Ende der Stadt, an der U-Bahnhaltestelle Bauernfeindstraße. Von hier geht es, diesmal angeführt von Steffi Leisenheimer, zum Park&Ride-Parkplatz. Schon der schmale, lange und steile Gehweg, der sich vom Ausgang der U-Bahn dorthin schlängelt, dürfte einer Mutter mit Kinderwagen gehörig Puste abfordern.



Doch das Hauptmanko des Parkplatzes ist seine Lage. Der wenig behagliche Durchgang unter der schmutzigen und verwahrlost wirkenden Brücke schreckt viele Frauen ab, sagt Steffi Leisenheimer. „Ich bin eigentlich kein Schisser“, sagt sie, „aber hier wird selbst mir mulmig.“ Dass der Platz von der angrenzenden, stark frequentierten Münchener Straße nicht einsehbar ist, weil er mehrere Meter tiefer als die Fahrbahn liegt, fördert das Sicherheitsgefühl auch nicht besonders. Hier nach Einbruch der Dunkelheit parken, sind sich die Frauen einig, würde keine von ihnen.

Nicht nur am Stadtrand gibt es viel zu kritisieren, wie die Damen auf ihrem weiteren Rundgang aufzeigen. Am Knotenpunkt Plärrer etwa stört, dass beide Aufzüge aus der U-Bahn auf die große Verkehrsinsel in der Mitte des Platzes führen. Wer von dort beispielsweise Richtung Marktkauf will, muss zuerst über die Straßenbahngleise und zweimal hintereinander an den Fußgängerampeln warten. „Dass es auf so einem riesigen Platz nur an einer Stelle einen Aufzug gibt, ist nicht toll“, kritisiert Lisa Badum. „Aber man könnte wenigstens die Grünphasen so einstellen, dass Fußgänger nicht zweimal hintereinander ewig warten müssen.“

Dass man aber eben nicht immer alles tut, was man tun könnte, um frau das Leben zu erleichtern, ist für viele nichts Neues. Die negativen Folgen für den ÖPNV dagegen sind nicht jedem bewusst. Während unzureichende Barrierefreiheit und schlechte Umstiegsmöglichkeiten Frauen „nur“ ausbremsen, führt das mangelhafte Sicherheitsempfinden an vielen Stellen des Nahverkehrsnetzes dazu, dass sie Bus und Bahn nachts verstärkt den Rücken kehren. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2010 beträgt der Anteil der Männer, die nach 20 Uhr den ÖPNV in der Stadt nutzen, rund 50 Prozent.

Bei den befragten Frauen dagegen ist es nur noch jede Dritte. „Die anderen“, sagt Lisa Badum, „steigen nachts lieber ins Auto oder müssen eben zu Hause bleiben.“ 

VON VOLKAN ALTUNORDU

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