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Autonome befragen Gostenhof und fühlen sich bestätigt

Meinung von über 1000 Anwohnern eingeholt - Neun Wochen von Tür zu Tür gezogen - 07.08.2014 06:00 Uhr

Als Symbolfigur der grün-alternativen Bewegung hätte wohl auch Petra Kelly, nach der dieser Platz in Gostenhof benannt ist, viel zum Thema Gentrifizierung zu sagen gehabt. Eine Mehrheit der Bewohner des Viertels fühlt sich offenbar von der Veränderung bedroht.

Als Symbolfigur der grün-alternativen Bewegung hätte wohl auch Petra Kelly, nach der dieser Platz in Gostenhof benannt ist, viel zum Thema Gentrifizierung zu sagen gehabt. Eine Mehrheit der Bewohner des Viertels fühlt sich offenbar von der Veränderung bedroht. © Michael Matejka


Gostenhof hat sich verändert und tut das immer noch. Das zumindest ist unstrittig. Nur die Meinungen, was der Wandel für den Stadtteil bedeutet, gehen auseinander. Immobilienfirmen sprechen angesichts zahlreicher Neubauten und Sanierungen gerne von einer „urbanen Aufwertung“. Andere, die Aktivisten der „organisierten autonomie“ (OA) und der Initiative „Mietenwahnsinn stoppen“ etwa, sehen eine Verdrängung vor allem der ärmeren Einwohner durch Luxussanierungen und steigende Mieten. Diesen Prozess bezeichnet man auch als Gentrifizierung.

Um zu testen, wie stark ihre Thesen bei der Bevölkerung Anklang finden, haben die Autonomen über 1000 Gostenhofer befragt. Neun Wochen lang zogen sie von Tür zu Tür und waren auf Stadtteilfesten präsent, um ihre Fragebögen an die Bewohner zu bringen. „Unser Ziel war, die Diskussion im Stadtteil anzuschieben“, sagt Robert Erich von der OA. Man wollte weg von Einzelaktionen, die Umfrage sollte allen Bewohnern die Möglichkeit geben, mitzureden. Am Ende sollte eine „gemeinsame Handlungsgrundlage gegen Gentrifizierung“ stehen.

Gefragt, welche negative Veränderungen die Bewohner in ihrem Stadtteil wahrgenommen hätten, kreuzten 70 Prozent an, es sei inzwischen schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden; 48 Prozent gaben an, dass alteingesessene Läden und Kneipen verdrängt würden. Und: Mit 53 Prozent fühlt sich eine Mehrheit von dieser Entwicklung bedroht (42 Prozent sagten nein). 55 Prozent der Befragten fänden es gut, sich gegen die Entwicklung zu wehren, weitere 43 Prozent wollen das selbst tun. Die Autonomen leiten daraus Unterstützung für Proteste gegen die Gentrifizierung ab.

Wenig verwunderlich

Nach möglichen positiven Entwicklungen in Gostenhof haben die Aktivisten nicht gefragt. „Das haben wir bewusst nicht gemacht, weil es uns darum ging, das Problem der Gentrifizierung zu fassen“, sagt Robert Erich.

Er räumt ein, dass es sich nicht um eine empirische Analyse handelt. „Es ist eine politische Umfrage, die von einem gewissen Standpunkt ausgeht“, sagt Erich. Dieser spiegelt sich in den teils sehr suggestiven Fragestellungen wieder. Dass auf die These „Es wird viel billiger Pfusch betrieben, um die Miete erhöhen zu können“ nur vier Prozent mit „Das ist ok“ antworten und 86 Prozent das eine Frechheit finden, ist wohl wenig verwunderlich.

Erstaunt waren die Autonomen von Antworten, die sie am Rand der Umfrage bekamen. Manche berichteten zum Beispiel von Mieterhöhungen, die gar nicht zulässig sind. Mit einem Flugblatt wollen die Aktivisten die Anwohner deshalb über ihre Rechte als Mieter aufklären. Weitere Schritte sollen folgen, die Umfrage den „Auftakt zum Kampf um unser Viertel“ markieren, sagt Sabine Züge, Sprecherin der OA.

So soll der Druck auf die Politik erhöht werden, die nach Meinung der Autonomen zu wenig gegen die Entwicklung tut — oder sie bestreite. „Wir wollen, dass hier kein Luxus-Neubau ohne Widerstand vonstatten geht“, sagt Züge: „Und ja, das kann man durchaus als Kampfansage an die Vertreter von Politik und Wirtschaft verstehen.“ 

Alexander Pfaehler

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