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Samstag, 23.06.2018

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Experimente bei der Sonderschau im Technikland

Kreativer Physiklehrer bereichert Museum durch Mitmach-Stationen - 08.01.2018 16:30 Uhr

Fernseher, Computer, Handy: Bildschirme sind allgegenwärtig. Wie sie funktionieren und wie Farben entstehen, erfahren Besucher im "Technikland" – hier aus erster Hand bei einer Führung mit Jürgen Becker (im Rollstuhl). © Roland Fengler


Der Blick durch eine Lupe zeigt ihnen: Jeder Bildpunkt lässt sich einer Farbe zuordnen. "In der Mischung und Zusammensetzung ergibt das fast 17 Millionen Farben", erläutert Jürgen Becker. Kaum einer könnte die einzelnen Stationen der Sonderschau besser verständlich machen als der Mann, der da im Rollstuhl zum genauen Hinsehen und zum Mitmachen einlädt. Kein Wunder: Der nun 63-Jährige hat sich auf "physikalisches Spielzeug" spezialisiert und viele Experimente und Veranschaulichungen ausgedacht.

"Umgesetzt haben viele davon wiederum die findigen Haustechniker", freut er sich über das Zusammenwirken. Dabei verfügt er selbst in seinem Haus im Nürnberger Norden über eine komplette Schreinerwerkstatt. Doch die liegt brach, seit ihn im Sommer 2016 ein Schlaganfall lähmte. Dank intensiver Behandlungen gelang es ihm, in fünf Monaten Reha wenigstens wichtige Alltagsverrichtungen wieder zu erlernen, vom Anziehen bis zum Zähneputzen.

"Sozusagen der Vorläufer vom Beamer"

Doch er bleibt auf einen Rollstuhl angewiesen – und helfende Hände wie die von seiner Frau. Zwar kann er mit den Händen gestikulieren, aber feine Greifbewegungen gelingen ihm nicht mehr – und so kann er derzeit nur im Kopf weiterbasteln. Unterkriegen lassen will er sich nicht – und schon gar nicht dem Technikland den Rücken kehren. In den vergangenen Jahren ist es zu einem seiner Lieblingsprojekte geworden. An den Anfängen war er noch nicht beteiligt, aber seit 2015 tragen die Winterausstellungen deutlich seine Handschrift.

Der Blick durch eine Lupe zeigt: Jeder Bildpunkt auf einem alten Röhrenbildschirm lässt sich einer Farbe zuordnen. © Roland Fengler


Da ist zum Beispiel die Installation mit dem alten Diaprojektor. Auch für den haben die Acht- und Zehnjährigen bei der Führung an diesem Nachmittag erst nur unsicher-fragende Blicke übrig. "Das war sozusagen der Vorläufer der Beamer", hilft Becker nach. Sein kräftiger Schein ist auf ein Prisma gerichtet und dieses lenkt die Strahlen ab auf einen kleinen Schirm. Der lässt sich hin- und herschieben. "Willst Du das mal ausprobieren?", lädt Becker einen Jungen auffordernd ein. Und alsbald erscheinen auf der Projektionsfläche mal Blau und Lila, mal Gelb. Wird noch eine Wasserflasche dazwischengestellt, verändern sich die Effekte erneut.

"Ich wollte nie mein Leben lang immer nur dasselbe Programm durchziehen", erläutert der frühere Lehrer für Physik und Geografie. Deshalb hatte er stets nach neuen Anwendungen physikalischer Phänomene Ausschau gehalten – und in physikalischem Spielzeug anschaulich zu machen versucht. Einige Jahre lang konnte er als Lehrbeauftragter für Didaktik der Physik an der Uni Erlangen-Nürnberg noch intensiver Ausschau halten nach Tricks und Kniffen, die komplizierten Sachverhalte anschaulich und spürbar zu machen, welche Phänomene spannend sind und warum. Und so zum "Denken in Verknüpfungen" anregen.

Anregungen in Science-Centern

Wie aber gelingt es ihm, sich immer wieder etwas Neues auszudenken, und was beflügelt seine Kreativität? Das zu beschreiben, fällt ihm selbst schwer. "Einfach offen und neugierig bleiben und viel lesen", nennt er als wichtigste Voraussetzungen. "Manchmal fällt mir etwas beim Spazierengehen ein. So kam ich einmal beim Blick auf die Fleischbrücke ins Grübeln und dachte mir: Da könnte man mal was machen." Anregungen holten er und seine Frau Gerlinde sich auch in verschiedenen Science-Centern, etwa in Potsdam oder Wolfsburg.

"Uns war und ist immer die Verbindung zwischen Physik, Mathematik und Kunst und Geschichte wichtig", meint er. Und so hatte das Paar in Kooperation mit dem Nürnberger Kindermuseum vor Jahren auch schon eine Wanderausstellung unter dem Titel "Verrückte Bilder" entwickelt, die auf Tournee durch ganz Süddeutschland ging.

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200 Jahre Technikgeschichte im Museum Industriekultur

Das Museum Industriekultur bringt den Besuchern 200 Jahre Technikgeschichte nahe. Seit kurzem sogar bis zur Gegenwart mit ausgeklügelten Verfahren automatischer Produktion.


Das Lernlabor "Technikland – staunen @ lernen" ist im Museum Industriekultur, Äußere Sulzbacher Straße 62, noch bis 25. Februar eingerichtet. Träger sind der Förderkreis Ingenieurstudium, die Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Schulmuseum und weiteren Partnern. An Schultagen ist es nur für Klassen geöffnet – die Termine sind weitgehend vergeben. An Wochenenden und in den Ferien, also auch vom heutigen Freitag bis Sonntag, ist es von 14 bis 17 Uhr für das allgemeine Publikum zugänglich – betreut von Studierenden und ohne Aufpreis zum Museumseintritt.

Bereits um 13 Uhr bot Jürgen Becker mit seiner Frau Gerlinde am Sonntag, 7. Januar, noch einmal die Führung "Vom Punkt zum Bild auf Handy und Fernseher" an. Das Begleitprogramm umfasst auch an den kommenden Wochenenden weitere Workshops. Den Farben ist im Technikland eine von fünf Abteilungen gewidmet – neben Kraft, Energie, Computer/Robotik und Chemie. "Aber da führe ich besonders gerne, weil es am Ende zu der vielleicht anspruchsvollsten Station geht, dem LCD-TFT-Flachbildmonitor, und weil Bildschirme in unserem Leben allgegenwärtig sind", so Becker. Und er hat längst mögliche Themen für neue Präsentationen im Visier: Robotik und die 3 D-Technik. 

Wolfgang Heilig-Achnek / woh E-Mail

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