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Frauenberaterin zu Messerattacken: "Zorn aufs weibliche Geschlecht"

Sabine Böhm von der Frauenberatung über Angst und sexualisierte Gewalt - 18.12.2018 05:29 Uhr

Die Frauen in Johannis wurden willkürlich und ohne Vorwarnung angegriffen. Das Motiv des Täters liegt weiterhin im Dunklen. © NEWS5 / DESK


Frau Böhm, der Messerstecher von St. Johannis soll einige gescheiterte Beziehungen hinter sich haben, er beklagte in den sozialen Medien, er sei verlassen worden. Steckt hinter der Tat womöglich ein genereller Hass auf Frauen?

Sabine Böhm: Es liegt nahe zu vermuten, dass es sich um geschlechtsspezifische Gewalt handelt. Männer haben mit Trennungen oft ein großes Problem. In unserer Kultur leisten Frauen traditionell die emotionale Arbeit in Beziehungen. Männer machen ihre Partnerinnen verantwortlich für ihr eigenes Wohlergehen. Wenn sich eine Frau trennt und damit auch den Job, den Mann glücklich zu machen, kündigt, ist der oft verzweifelt. Und will der Frau ihre freie Entscheidung absprechen. Klientinnen berichten uns, dass sie von Ex-Partnern Sätze zu hören bekommen wie: Wenn du mich verlässt, wirst du keinen Tag mehr froh sein. Bedenken Sie, dass in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Freund umgebracht wird.


Messer-Attacken in Nürnberg: Eine Chronologie der Ereignisse.


Aber wie können Sie sich Attacken auf völlig beliebige Frauen erklären, zu denen der Täter kein persönliches Verhältnis hat?

Sabine Böhm (links) ist eine der Geschäftsführerinnen der Nürnberger Frauenberatung. © Lisa Kräher


Böhm: Nach unserer Erfahrung entwickeln einige Männer nicht nur einen Zorn auf die frühere Partnerin, sondern auf das ganze weibliche Geschlecht. Nach dem Motto: Alle sind wie eine, alle kommen ihrem Job, Männer glücklich zu machen, nicht mehr ordentlich nach. Also muss jede, die mir unter die Augen kommt, unter meiner Wut und Enttäuschung leiden. Es ist aber auch denkbar, dass sich ein Täter seiner Männlichkeit vergewissern will. Das Leben war scheiße, jetzt will er zeigen, dass er sich wehren kann. Und lässt es an Frauen aus. 

Die Taten in St. Johannis haben viele Frauen geängstigt. Was raten Sie denen?

Böhm: Die Attacken waren unglaublich brutal und erzeugen natürlich bei Frauen Angst, weil sie sich vor so überraschenden Angriffen ja gar nicht schützen können. An dem Gefühl des Ausgeliefertseins ändert auch die Tatsache nichts, dass statistisch die Gefahr, auf der Straße plötzlich angegriffen zu werden, sehr gering ist. Die meisten Fälle sexualisierter Gewalt passieren im persönlichen Umfeld.

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Frauen versuchen sich zu schützen, etwa indem sie abends nur zu mehreren unterwegs sind. Sie haben gleichsam immer die Angst vor einer Attacke im Hinterkopf.

Böhm: Das Risiko eines sexuellen Übergriffs ist immer da. Frauen wissen das. Ein blöder Spruch, ein Klaps auf den Po oder Schlimmeres - das sind Formen von Gewalt, die Männer nicht erleben müssen. Und die Frauen ständig begegnen. Natürlich versuchen Frauen, sich abzusichern. Wenn sie abends nicht durch dunkle Straßen laufen, sondern zum Beispiel mit dem Auto fahren, haben sie das Gefühl, sich schützen zu können. Aber das geht nicht immer. Gewalt, die durch strukturelle Frauenfeindlichkeit entsteht, ist allgegenwärtig. Und jede Frau hat sich daran gewöhnt, eigene Strategien zu entwickeln, um mit dieser Tatsache umzugehen.

Immer mehr Frauen kaufen sich Pfefferspray, eine gute Idee?

Böhm: Wir raten davon ab, weil man sich damit leicht selber verletzen kann, etwa wenn einem der Wind das Mittel in die eigenen Augen treibt. Wer sich in Selbstverteidigung übt, kann selbstbewusster auftreten. Das kann sinnvoll sein.

Sabine Böhm (51) arbeitete nach ihrem Studium der Soziologie und Pädagogik an den Universitäten Erlangen, München und Augsburg mit den Schwerpunkten Genderstudies und Entwicklung der Arbeitsgesellschaft. Die Traumafachberaterin leitet die Frauenberatung Nürnberg für gewaltbetroffene Frauen und Mädchen und ist Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft der Frauennotrufe in Bayern. 

INTERVIEW: Ute Möller

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