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Gedenkstätte für das erste Opfer der NSU-Mordserie

Enver Simseks Witwe kehrte an den Ort des Grauens in Nürnberg zurück - 09.09.2014 20:40 Uhr

Zum ersten Mal nach dem Verbrechen kehrte auch Simseks Witwe an den Ort zurück. © Michael Matejka


Adile Simsek hatte nie genug Kraft, den Ort, an dem das schreckliche Verbrechen passiert ist, zu besuchen. Erst als sie gehört hat, dass eine Bürgerinitiative eine Gedenkstele aufstellen will, hat sie all ihren Mut zusammengenommen. „Ihr bedeutet es sehr viel, dass die Stele von Bürgern gestiftet wurde, nicht von Politikern“, sagt Simseks Anwältin.

In der Tat, die Bürger aus Moorenbrunn, Altenfurt, Fischbach und Langwasser haben sich engagiert. Viele von ihnen haben sich gestern an dem Ort getroffen, an dem Enver Simsek in seinem Blumentransporter hingerichtet wurde. Ihm zu Ehren haben die Kirchengemeinden und Bürgervereine der Stadtteile eine Stele gestiftet. „Ein Zeichen dafür, dass Enver Simsek nicht in Vergessenheit geraten ist“, sagte Pfarrerin Anna Zander. „Und ein Zeichen dafür, dass rechtsradikales Gedankengut in unseren Stadtteilen keinen Platz hat.“ Die Stele solle zum Nachdenken anregen, auch darüber, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Bürgermeister Christian Vogel erinnerte bei der Gedenkveranstaltung an eine „ganz dunkle Stunde unserer Geschichte“. Für die Familie des Opfers habe damals ein Albtraum begonnen, der darin gipfelte, dass man sie sogar unter Generalverdacht stellte.

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Gedenkstätte für Enver Simsek in Altenfurt eingeweiht

Enver Simsek wurde im Jahr 2000 das erste Opfer der NSU-Mordserie. Im September 2014 wurde im Beisein seiner Witwe, Adile Simsek, eine von Bürgern gestiftete Gedenkstätte in Altenfurt eingeweiht.


Dies und die Arbeit der Ermittlungsbehörden kritisierte am Abend auch die Initiative „Das Schweigen durchbrechen“ bei einer Kundgebung vor der Polizeiwache am Jakobsplatz. Zu der Veranstaltung waren etwa 30 Personen gekommen. „Hier liegt unser Fokus darauf, auch die Ermittlungsarbeit der Behörden zu kritisieren“, sagte Timo Schreiner, der Sprecher der Initiative. „Weiterhin kritisieren wir, dass kaum an einer Aufarbeitung des Komplexes von offiziellen Seiten gearbeitet wird. Stattdessen wird darüber fast so etwas wie ein Tuch des Schweigens geworfen.“

Gedenken zur Tatzeit

Die Initiative hatte bereits gegen 12.45 am Tatort an den verstorbenen Enver Simsek gedacht. Zu genau dieser Uhrzeit war Simsek damals von acht Schüssen aus zwei Waffen getroffen worden. Bereits im Frühjahr hatte die Initiative eine Gedenktafel an einem Baum am Tatort angebracht. Enver Simsek ist darauf über seinem Foto zu lesen. Darunter die Aufschrift: am 9. 9. 2000 von Nazis ermordet. Kein Vergeben kein Vergessen. „Die Täter wählten Enver Simsek weil er nicht ihrer Vorstellung von dem entsprach, was deutsch ist“, so ein Mitglied der Initiative. „Im Gedenken an Enver Simsek wie an die übrigen Opfer des NSU stellen sich für uns zwei Fragen: wie konnte der NSU entstehen? Und warum konnte die NSU elf Jahre lang unentdeckt morden?“

Die Initiative erinnerte auch an Simseks Lebensweg. „Er arbeitete Tag und Nacht“, hieß es über den Mann, der in der Türkei geboren wurde, später nach Deutschland kam und neben seiner Arbeit in einer Fabrik noch putzen ging, bevor er sich den Traum eines eigenen Blumenladens erfüllen konnte.

Die Initiative prangert das rassistische Gedankengut an, das immer noch in vielen Köpfen verankert ist. Dass dem so ist, musste die Initiative erst vor wenigen Tagen erfahren. Die Tafel, die die Gruppe an der Siemensstraße zum Gedenken an Abdurrahim Özüdogru angebracht hatte, ist verkratzt worden. Das Wort „Nazi“ ist nun nicht mehr zu lesen. Özüdogru war am 13. Juni 2001 in einer Änderungsschneiderei mit zwei Kopfschüssen hingerichtet worden. 

Nürnberger Zeitung

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