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Gedenkstätte in unwürdigem Zustand

Der Bahnhof Märzfeld, von dem Tausende Juden deportiert wurden, soll zum Ort der Erinnerung werden - 21.10.2014 20:11 Uhr

Am Bahnhof Märzfeld kamen ab 1941 Juden aus Franken an, die vorübergehend in den umliegenden Lagern bleiben mussten, ehe sie in Konzentrationslager deportiert wurden. © Bildarchiv Gortner, Nürnberg


Der erste Eindruck ist beschämend: Das soll ein Gedenkort sein? Eingezwängt zwischen U-Bahn-Gleisen, die zur U-Bahn-Hauptwerkstatt der VAG führen, an einem Zaun ist eine Gedenktafel angebracht, auf der Rückseite fehlen derzeit die Informationen über die Deportation.

Der Blick in den Westtunnel des Bahnhofs verstärkt die Tristesse. Weil der breite Durchgang in Teilbereichen einsturzgefährdet ist, wurde ein rund vier Meter breiter Streifen in der Mitte auf der ganzen Tunnellänge umzäunt — das Innere gleicht seither einer Müllhalde. Auch der Wildwuchs um den Bahnhof Märzfeld fällt auf. Nur wer genau hinsieht, kann die für die NS-Architektur typische Verkleidung der Fassaden mit Naturstein erkennen.

Verschmutzt

Der nicht zugängliche zweite Tunnel, der unter den Gleisen verläuft, wurde von der Bahn zugemauert. © Husarek


Kurz: Ein Gedenkort ist das nicht. Auch die SPD-Stadtratsfraktion hat das erkannt. In einem im Mai verfassten Schreiben an den Oberbürgermeister heißt es, dass sich der „Deportationsbahnhof Märzfeld, von dem in den Jahren 1941 und 1942 mindestens 2000 Juden aus ganz Nordbayern in die Vernichtungslager deportiert wurden, in einem äußerst schlechten Zustand befindet. Der heute stillgelegte Bahnhof Nürnberg-Langwasser stellt sich für Fußgänger und Radfahrer nur noch als Bahnunterführung dar, welche verwahrlost, verschmutzt und seit 2005 wegen Einsturzgefahr teilgesperrt ist“.

Heute erinnern einige Gedenktafeln an das NS–Erbe. © Michael Müller


Deshalb, so die Forderung der SPD-Stadtratsfraktion, soll die Verwaltung, gemeinsam mit der Immobilienverwaltung der DB AG, ein Sanierungskonzept entwickeln, um das Bauwerk als Unterführung nutzbar zu erhalten. Außerdem sollen die Erinnerungsstelen saniert und Vorschläge erarbeitet werden, wie eine bessere Erschließung und Einbettung in den Lernort Reichsparteitagsgelände erreicht werden kann. Und es soll geprüft werden, ob ein Kooperationsprojekt zwischen Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und dem DB-Museum möglich sein könnte. Letzteres dürfte auch Martin Burkert favorisieren: Auf Initiative des SPD-Bundestagsabgeordnete hat die Deutsche Bahn den Arbeitskreis „Bahnhof Märzfeld“ ins Leben gerufen. Er soll prüfen, wie der stillgelegte und nie vollendete Haltepunkt zu einem Erinnerungsort umgestaltet werden kann.

Alexander Schmidt, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Dokuzentrums, sieht ebenfalls Handlungsbedarf: „So wie es hier aussieht, kann es nicht bleiben.“ Schmidt regt einen Kunstwettbewerb an, dessen Ergebnisse als Grundlage für eine Umgestaltung dienen könnten. Der Fachmann könnte sich vorstellen, dass in der — heute noch durch einen Zaun nicht zugänglichen — Fassade des Bahnhofsgebäudes ein Kunstwerk integriert wird, „das die Deportation thematisiert“.

Wenig angetan ist der Historiker von der weiterführenden Idee der Stadtbild Initiative Nürnberg. Der Verein hatte im Mai zu einem Ortstermin eingeladen. Neben dem Erhalt der Bausubstanz forderte die Initiative einen würdigen Umgang mit dem „Opferort Bahnhof Märzfeld“. Dazu könne eine Auflistung der Namen und Herkunftsorte der Deportierten sowie eine Panzerglasscheibe mit einem Bild der Deportationen im Gleisaufgang installiert werden.

Ausstellung als Ziel

Außerdem sollte die vorhandene Info-Tafel neu platziert und die Vermauerung der Gleiszugänge entfernt werden. Als Fernziel schwebt der Stadtbild Initiative zudem eine Dauerausstellung im derzeit unzugänglichen Westtunnel des Bahnhofs Märzfeld vor. Letzteres ist schwer vorstellbar: Derzeit gleicht der zweite Tunnel eher einer Müllhalde — verwittertes Holz und Baumaterialien lagern dort. 

MICHAEL HUSAREK

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