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Größenwahn aus Beton: Schau zeigt NS-Architektur

In Nürnberg begann Architekt Albert Speer erste architektonische Versuche, die er nach Berlin mitnahm - 05.04.2011 15:33 Uhr

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Mythos "Germania" und "Tempelstadt" Nürnberg im Dokuzentrum

Gigantisch, realitätsfremd und nie verwirklicht: Die Entwürfe Hitlers für seine neue Hauptstadt "Germania". Die Nürnberger Sonderausstellung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zeigt ab Donnerstag, 7. April in der Ausstellung "Mythos Germania und Tempelstadt Nürnberg" die größenwahnsinnige Architektur Hitlers.


Im Zentrum steht dabei ein Nachbau eines Modells der einst geplanten Berliner Nord-Südachse mit ihren bis zu 300 Meter hohen Repräsentationsbauten. Dietmar Arnold vom Verein Berliner Unterwelten, der wesentliche Teile zu der Nürnberger Ausstellung beigesteuert hat, ist noch heute froh, dass die Pläne von Hitlers Lieblingsarchitekten Albert Speer nie umgesetzt wurden: „Das hätte die Stadt total zerstört“.

In der Ausstellung gezeigte Pläne bestätigen seine Einschätzung: Das elf Kilometer lange monströse Stadtviertel mit zahllosen Regierungs- und Repräsentationsbauten hätte weite Teile der Wohnviertel zwischen Brandenburger Tor und dem S-Bahn-Südkreuz platt gemacht. Hunderttausende von Berlinern hätten umgesiedelt werden müssen.

„Von der Logistik war bereits alles vorbereitet“, berichtet Arnold. Der Traum von „Germania“ sollte dabei alle bis dahin bekannten architektonischen Dimensionen sprengen. Allein in dem von Speer geplanten Triumphbogen hätte der Pariser Triumphbogen 49 Mal hineingepasst. Unter der gewaltigen, 300 Meter hohen Kuppel der großen Halle hätte der heutige Berliner Fernsehturm Platz gefunden. Daneben wirkt das Brandenburger Tor wie eine Miniatur.

Nicht überliefert ist hingegen, wofür viele der antiken Tempeln nachempfundenen Repräsentationsbauten eigentlich gedacht waren. „Was mich fasziniert: Wie viele sinnlose Gebäude es da gab“, meint auch Ausstellungskurator Alexander Schmidt. Dass diese menschenverachtenden Pläne trotz enormer Kosten und gewaltiger Folgen für die Berliner Bevölkerung in der Nazi-Führung seinerzeit kaum auf Kritik stießen, kann sich Schmidt nur so erklären: „Die waren alle von dem Projekt berauscht, die haben völlig das Gefühl für die Realität verloren.“

Nürnberg als Speers Übungsfeld

Für Alexander Arnold vom Verein Unterwelten, der in einem Ausstellungspavillon neben dem Berliner Holocaust-Denkmal die Nazi-Pläne dokumentiert, wird damit auch Speers Absicht deutlich: „Speer hat mit dieser Architektur ganz klar die Propaganda der Nazis unterstützen wollen“, betont er. Der zweite Teil der in der früheren Nazi-Kongresshalle gezeigten Schau setzt sich mit den auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände geplanten NS-Bauten auseinander – und ergänzt mit neuen Aspekten die in den oberen Geschossen gezeigte Dauerausstellung. Nürnberg, so urteilt Ausstellungskurator Schmidt, war für Speer eine Art architektonisches Übungsfeld:

„Speer hat sich in Nürnberg ans Bauen herangetastet und die Erfahrungen später nach Berlin mitgenommen“. Dabei hatte sich die Nazi-Architektur keineswegs nur auf das Reichsparteitagsgelände beschränken sollen. Auch die Nürnberger Altstadt hatte nach dem Willen der Nationalsozialisten „entschandelt“ und ideologisch bedingt baulich verändert werden sollen, wie die Ausstellung zeigt. 

lby

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