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Donnerstag, 13.12.2018

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Junge Flüchtlinge suchen Wahlverwandte

Vormundschaften helfen Minderjährigen - 17.10.2009

Dana Karim (links) hat bei Klaus Böhme vor Jahren eine Ersatzfamilie gefunden. Inzwischen hat der Iraker selbst eine Vormundschaft übernommen. © Stefan Hippel


Irgendein Onkel hatte Zischan in Pakistan ins Flugzeug gesetzt. Mutterseelenallein kam der 16-Jährige hier an, sprach kein Wort Deutsch, stand unter Schock. Bis Klaus Böhme die Zügel in die Hand nahm. Der 60-Jährige kam zu seinem ersten Ziehsohn «wie die Jungfrau zum Kind». Er habe nicht Nein sagen können, als man ihn bat, Vormund zu werden.

Längst spricht der Junge aus Pakistan fließend deutsch, macht eine Lehre als Handelskaufmann. Ein Riesenglück: Seine Ausbildungszeit finanziert eine großzügige Spenderin. Klaus Böhme hat ihn nicht aus den Augen verloren - und seither noch öfter Ja statt Nein gesagt.

Großer Vertrauensbeweis

«Mit der Zeit öffnen sich die Kids manchmal», sagt er. Da sitze man sonntags gemeinsam beim Essen, und plötzlich erzähle so einer aus seinem alten Leben daheim. Das sei zwar oft schmerzlich, aber auch ein großer Vertrauensbeweis. Dann vergisst Böhme, dessen Familie längst ebenfalls Ehrenämter übernommen hat, wie hart «die Rennerei zu den Ämtern» manchmal ist, wie frustrierend der Kampf um ein Recht auf Aufenthalt in Deutschland sein kann. Zumal in Nürnberg, einer Stadt, deren Ausländeramt alle Beteiligten als besonders rigide bezeichnen.

Unterstützung bekommen private Vormünder wie Klaus Böhme von den Experten des Vereins Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder. Sozialpädagoge Ludwig Brandt unterstützt zurzeit rund 40 dieser Patenschaften, die viel mehr sind als bürokratische Hilfestellung.

Menschliches Interesse ist gefragt

Wer ein Amt übernehmen will, muss weder die Fallstricke des Asylrechts kennen, noch einen Jugendlichen zu Hause aufnehmen und durchfüttern. Gefragt seien vielmehr Zeit, menschliches Interesse und die Bereitschaft, sich mit Ämtern auseinanderzusetzen, sagt Ludwig Brandt. Zurzeit stehen vor allem Jugendliche aus Irak, Vietnam und Äthiopien auf der Warteliste.

«Für jemanden verantwortlich sein, ein Stück des Wegs miteinander gehen», so beschreibt Günter Höhn (46) seine Motivation. Zwei Mündel hat der Freiberufler zurzeit, Elias ist einer von ihnen. Der 17-jährige Äthiopier, ein stiller, schmaler Junge, macht gerade den Quali - und bremst manchmal den Redefluss seines Vormunds, wenn der allzu sehr ins Fränkische fällt.

Ganz normale Jugendliche seien das, die auch ohne einen Cent in der Tasche gerne shoppen gehen und Probleme hätten, wie sie jeder mit 16, 17 mit sich herumschleppt. «Ich könnte niemals Briefmarken sammeln», sagt Günter Höhn, «ich wollte etwas Richtiges tun.»

Freiheit und Einsamkeit

Einer, der inzwischen zurückgeben kann, was er bekommen hat, ist Dana Karim (26), der vor zehn Jahren aus dem Irak kam. Womit er anfangs schwer fertig wurde: Die große Freiheit, die ein Jugendlicher ohne die Aufsicht der Eltern plötzlich spürt, aber auch die Einsamkeit und Trauer über den Verlust von Heimat und Familie. Karim: «Ich habe anfangs zu viel getrunken.»

Dann übernahm Klaus Böhmes Stieftochter die Vormundschaft und der traumatisierte Flüchtlingsjunge fand seine «Ersatzfamilie», wie er sagt. Inzwischen hat der gelernte Kfz-Mechaniker selbst einen jungen Iraker «adoptiert», engagiert sich im Verein als Dolmetscher. Zitat: «Ich habe Hilfe bekommen und wollte etwas weitergeben. Sozusagen ein Dankeschön zurück.»

Keine Sicherheit

Dana Karims Geschichte zeigt freilich auch, woran die jungen Flüchtlinge scheitern und wobei ihnen auch die engagiertesten Vormünder nicht helfen können. Auch nach zehn Jahren ist unsicher, ob er auf Dauer bleiben kann, er hat keine Papiere zum Heiraten und doch seine (deutsche) Frau und einen fünf Monate alten Sohn zu ernähren.

Informationsveranstaltung für Interessenten und künftige Vormünder am Mittwoch, 21. Oktober, 19 Uhr, bei der Fachberatung des Vereins, Fürther Straße 86. Telefon (09 11) 23 98 04 99. 

Claudine Stauber

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