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Kerstin Bellair - einzige Braumeisterin bei Tucher-Bräu

"Erst Bier, dann Frühstück": Vor dem Geschmackstest isst Braumeisterin Bellair gar nichts - 25.02.2014

Kerstin Bellair wirft einen prüfenden Blick auf das Gewirr aus Rohren und Behältern. © Mark Johnston


Schon wenn man sich der Toreinfahrt der Brauerei nähert, dringt der aromatische Malzgeruch in die Nase. Auch im Verkostungsraum schwebt der angenehme Duft über allem. Doch heute steht kein Bier auf dem Tisch, sondern eine Batterie von Fruchtsaftproben, die Braumeisterin Kerstin Bellair mit fünf Kollegen und Geschäftsführer Gunther Butz testet. Ein neuer Obstsaftlieferant wird gesucht.

„Ungewohnt“, sagt Kerstin Bellair und schmunzelt. Doch auch hier braucht sie nicht lange für ihr Urteil. „Der erste, spontane Eindruck ist immer der richtige!“, sagt sie. Kerstin Bellair testet immer, ohne vorher gefrühstückt zu haben. Dann sind die Geschmacksnerven noch am frischesten. Den Frühstückskaffee und Obst nimmt sie erst danach ein — nach ihrem ersten Bier. Dessen Qualität zu prüfen, ist ihre (eigentliche) Aufgabe.

Auch in Sachen Technik muss eine Braumeisterin beschlagen sein.


Es folgt der Werksrundgang. Sie schaut kurz bei den Kollegen im Labor vorbei und fragt nach besonderen Vorkommnissen. Sie erklärt einen unscheinbaren grauen Kasten, das Herzstück des Labors. Er ist mit Sensoren ausgestattet, die in Glasröhren mit Bierproben getaucht sind. Hier wird das Bier chemisch genauestens auf verschiedene Parameter hin untersucht. Es braucht beides: die Analyse und den Geschmackstest.

Im Test „einwandfrei“

Dass dieses Hightech-Labor mit seiner hellen Fensterfront, den langen, weißen Labortischen, den vielen Schubladenschränken etwas mit Bier zu tun hat, erkennt man auf den zweiten Blick dann doch. Denn hier stehen auch die kupfernen Siedegeräte für kleine Experimentiermengen von 25 Litern. Zahlreiche Bierflaschen sind auf einer langen Laborbank aufgereiht — bereit zur Kontrolle.

Über die große Produktionshalle mit den Wasser- und Hefetanks führt Kerstin Bellairs Weg hinunter in die große Lagerhalle. Zwischen meterhohen Wänden voller Flaschenbiere und Fässer fahren Gabelstapler hin und her. Bellair erkundigt sich nach Reklamationen. Diesmal ist ein Fass dabei, das in ihrem Test allerdings als „einwandfrei!“ beurteilt wird.

Kerstin Bellair liebt ihren Job. Und könnte sich keinen anderen Arbeitsplatz vorstellen. Da ihr Vater als Industriekaufmann bei Tucher beschäftigt war, wuchs sie quasi in die Welt des Bieres hinein. Schon als kleines Mädchen war ihre Faszination geweckt. Nach dem Abitur machte sie eine Brauerlehre, arbeitete bei Tucher — und vertiefte ihr Fachwissen dann doch noch durch ein Studium in Weihenstephan. Nach einer Auszeit fand die dreifache Mutter über Brauereiführungen wieder den Einstieg als Braumeisterin — und ist heilfroh.

In einem typischen Männerberuf zu arbeiten, ist für sie kein Problem. „In einem Großraumbüro mit lauter Frauen, das könnte ich nicht. Dieser Beruf ist so interessant und abwechslungsreich“, schwärmt sie und betritt die Halle, in der die Flaschen befüllt und etikettiert werden. Es herrscht ein ganz schöner Geräuschpegel, der aber wahrscheinlich im Vergleich zu früher sehr niedrig ist. Denn alles ist in Glaskästen „verpackt“. „Die gesamte Brauereianlage gehört zu den modernsten in ganz Europa.“ Bellair berichtet von Braufachleuten aus Florida, die sie kürzlich durch die Brauerei führte. Für einen aus der Gruppe war die Brauerei „wie ein Candy-Shop“. Er hätte am liebsten alles angefasst.

Auch gegen den Geruch ist die Anlage isoliert. Zwar dringt Malzgeruch nach außen, aber weniger als bei herkömmlichen Anlagen.

Wie oft sie am Tag über die Stadtgrenze zwischen Nürnberg und Fürth wechselt, weiß Kerstin Bellair nicht. Denn die verläuft geradewegs mitten durch die Brauerei an der Tucherstraße. Im Sudhaus ist die Stadtgrenze markiert: Maischebottich und Weizenpfanne liegen auf der Nürnberger, Läuterbottich und Whirlpool auf Fürther Seite.

Zwischen Handwerk und Büro

Ihre Hauptaufgabe aber ist die Bier-Kontrolle — während es entsteht und natürlich der Geschmack des fertigen Produkts.


Auch in der Kontrollzentrale, an der Brauer vor zwölf großen Bildschirmen die Produktion überwachen, fragt Kerstin Bellair nach besonderen Ereignissen. Im Lagerkeller unter den Tanks erkennt sie, dass ein Messgerät nicht richtig arbeitet — auch für Technikfragen ist die Braumeisterin zuständig. Heißt: Später montiert sie den einen halben Meter großen Fühler mit allerlei Schraubenschlüsseln ab und ersetzt ihn. Auch die handwerkliche Seite des Jobs gefällt ihr gut.

Im Büro wartet aber eher Zahlenarbeit, jede Menge sogar. Sie muss Statistiken auswerten, wo Verbesserungen gemacht werden können, welche Rezepturänderungen vorgenommen werden könnten und welche Versuche sie für das Labor zur Optimierung des Bieres vorschlagen wird.

Vorher aber steht doch noch eine Bierprobe an: Die Rezeptur des Weizenbieres wurde ein wenig geändert. Im Labor schenkt sich Kerstin Bellair drei Weizengläser ein. Sie testet den Geruch und nimmt je einen kleinen Schluck. Der Rest des Bieres wird entsorgt. Meine Kinder sind entsetzt, wenn ich ihnen erzähle, dass „das schöne Bier“ einfach weggeschüttet wird. „Tja, so ist das — aber ich muss ja auch noch mit dem Auto nach Hause fahren!“
  

VON MARIA INOUE-KRÄTZLER

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