Donnerstag, 17.01.2019

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Neue Stolpersteine: Gedenken an homosexuelle NS-Opfer

Berliner Künstler hat vier neue "Stolpersteine" vor Nürnberger Häusern verlegt - 17.10.2017 14:45 Uhr

Der Künstler Gunter Demnig hat bereits 61.000 "Stolpersteine" weltweit zum Gedenken an die Opfer des Holocausts verlegt. Nürnberg hat nun vier neue Steine dazu bekommen. © Arne Dedert/dpa


Das Gesicht des 69-Jährigen unter dem breitkrempigen Hut ist nicht zu sehen. Tief beugt sich Gunter Demnig über die Lücke, die er in die Gehsteigplatten vor dem Haus Frauentorgraben 17 geschlagen hat. Er trägt Knieschützer und graue Arbeitskluft, seine Bewegungen sind bedächtig und routiniert. 61.000 "Stolpersteine" hat der Berliner Künstler bereits in Deutschland und 21 weiteren Ländern verlegt. 73 Inschriften auf Messingplatten gedenken Nürnberger Juden, jetzt kommen vier "Stolpersteine" dazu, die an das grausame Schicksal der Homosexuellen unter dem NS-Regime erinnern.

Rudolf Brinkmann, 1908 in Stettin geboren, zog als Student nach Berlin, wo er seine Homosexualität trotz der Repressionen der 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten ausleben konnte. 1934 wurde er bei einer Razzia der Gestapo verhaftet und kam acht Monate ins KZ Lichtenburg. Danach durfte Brinkmann weder studieren noch eine Ausbildung als Buchhändler machen. Erst 1938 fand er Arbeit in Nürnberg, mietete sich ein Zimmer am Frauentorgraben 17. Nachdem ihn ein 23-Jähriger, den er im Nürnberger Hauptbahnhof angesprochen hatte, denunzierte, kam Brinkmann ins Gefängnis und danach ins KZ Flossenbürg, wo er 1941 umkam.

Der 1906 in Nürnberg geborene Bäckereigehilfe Andreas Hitzler wurde 1936 in seiner Wohnung in der Seuffertstraße 5 festgenommen, nachdem ihn ein Sexualpartner in einem Gerichtsverfahren denunziert hatte. Ein "Stolperstein" trägt dort seit gestern seinen Namen. Schon sieben Jahre zuvor war der Mann polizeilich erfasst worden, 1932 wurde er zum ersten Mal verurteilt, weil er gegen den sogenannten Schwulenparagraphen 175 verstoßen hatte. Hitzler starb 1940 im KZ Mauthausen, wo "schwerbelastete, unverbesserliche und asoziale Schutzhäftlinge" durch Zwangsarbeit ausgebeutet und umgebracht wurden.

Nur heimliche Treffen möglich

Nachdem die Nazis 1935 den Paragraphen 175 verschärft hatten, schnellte die Zahl der Ermittlungsverfahren gegen Homosexuelle in die Höhe. Auch Karl Friedrich Kloss, Jahrgang 1895, wurde mehrfach verurteilt. Weil er zuletzt als Portier in einem Hotel am Hallplatz 21 arbeitete, liegt dort nun ein weiterer "Stolperstein". Als Kloss 1944 als "gefährlicher Gewohnheitsverbrecher" vor Gericht stand und seine "Ausmerzung" drohte, erhängte er sich mit einem Hemdstreifen in der U-Haft.

Nürnberger Homosexuelle konnten sich in den 1930er Jahren nur heimlich begegnen. In Nürnberg waren die Toiletten des Kaufhauses Weißer Turm und der Waffenhof, der heutige Handwerkerhof, beliebte Treffpunkte. Dort ging auch Rudolf Koch, geboren 1918 in Nürnberg, der Polizei ins Netz. Sie verhängte harte Auflagen, Koch verstieß schnell dagegen. Mitte Januar 1940 kam er ins KZ Sachsenhausen, später nach Flossenbürg, wo er sich für den einzigen Ausweg entschied: Mit 23 Jahren ließ er sich im KZ "freiwillig" kastrieren, wenig später wurde er entlassen.

Koch, der 1986 starb, lebte zuletzt in der Unteren Talgasse 6, wo Gunter Demnig gestern den vierten "Stolperstein" verlegte. Die Biographien der vier Verfolgten haben die Vereine Geschichte für Alle und Fliederlich eruiert, mit den Messingtafeln wollen sie ein sichtbares Zeichen gegen Homophobie setzen. 

Claudine Stauber

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