Nürnberger Hure: "Das Geld ist nur Mittel zum Zweck"

2.6.2014, 06:00 Uhr
"Mel" (44) ist seit 16 Jahren Hure und hat Spaß daran. Sie macht ihren Job nicht in erster Linie des Geldes wegen.

© Stefan Hofer "Mel" (44) ist seit 16 Jahren Hure und hat Spaß daran. Sie macht ihren Job nicht in erster Linie des Geldes wegen.

nordbayern.de: Guten Tag Frau Hubmann. Dem Klischee nach hat eine Hure den ganzen Tag entweder Sex oder raucht. Was haben Sie heute gemacht?

Melanie "Mel" Hubmann: Hallo. Du darfst mich auch duzen und „Mel“ nennen. Heute habe ich an meinem Wohnmobil gebastelt und meine Dusche geputzt. Danach war ich zu Hause bei meinem Sohn und habe mit meinen Katzen geschmust. Die letzte Nacht hatte ich zweimal Sex mit einem Kunden aus Ulm.

nordbayern.de: Du machst das nur nebenbei?

"Mel": Wenn ich den Job hauptberuflich machen würde, was ich nur drei Jahre gemacht habe, dann müsste ich sehr viel Zeit investieren. Weil man nie weiß, wann die Leute kommen. Es ist wie Bereitschaftsdienst, du reißt unglaublich viele Stunden ab, aber weißt nie, was passiert. Ich habe jetzt eine kleine Firma und kann es mir einteilen. Wenn ich keine Lust habe, gehe ich gar nicht erst ans Telefon. Ich mache das nicht mehr des Geldes wegen. Das Geld ist Mittel zum Zweck in dem Fall.

nordbayern.de: Das musst Du bitte erklären.

"Mel": Mir ist aufgefallen, dass es Männern leichter fällt, eine Frau zu respektieren, wenn sie für Sex bezahlen, als wenn ich als Frau mit ihnen einen One Night Stand habe. Zum einen sind mir schon Männer davongelaufen, die vielleicht selber nur Sex wollten, aber die es nicht gepackt haben, dass eine Frau ihnen gesagt hat, dass sie auch nur Sex will. Sie hatten wohl Angst, die Verlierer zu sein. Und alle, die das angeblich ganz toll fanden, dass ich nur Sex will, haben sich am Ende als Stalker herausgestellt. Das Geld erlaubt mir außerdem, dass ich in meinem anderen Job nur Arbeiten mache, die ich will. Insofern bin ich schon ein wenig darauf angewiesen.

nordbayern.de: Eine Hure mit Abitur, die Spaß am Sex hat und die sich um Geld wenig schert. Bleiben wir einmal beim Klischee: Das hört sich nach einer absoluten Ausnahme an. Du warst jahrelang in verschiedenen Bordellen tätig und hast viele Damen kennengelernt. Warum gehen Prostituierte anschaffen?

"Mel": Ich kann das Klischee schon bestätigen: Es sind oft Frauen, die nichts gelernt haben, weil sie aus einem sozial schwachen Milieu kommen. Die Arroganz, die manchmal aus ihnen spricht, wenn sie über Kunden reden: Das ist ein hauptsächlicher Grund, warum sie es machen. Also nicht nur, weil sie das Geld verdienen wollen, sondern weil sie auch ein Machtgefühl genießen wollen, das sie anders nie erlangen würden. Wobei das häufiger zu Problemen führt, weil sie ihr Selbstbewusstsein gewinnen aus einer Sache, für die sie sich gesellschaftlich schämen. Deshalb geben ganz wenige zu, dass sie es wegen was anderem machen als Geld. Aber die, die ich kennengelernt habe, haben da alle auch ihr Ego befriedigt.

nordbayern.de: Der Internationale Hurentag am 2. Juni soll an die Diskriminierung von Prostituierten durch die Gesellschaft und die oft ausbeuterischen Lebens- und Arbeitsbedingungen erinnern. Kannst Du Dich an konkrete Situationen erinnern, in denen Du Dich in irgendeiner Weise als Hure diskriminiert oder ausgebeutet fühltest?

"Mel": Ja, im Ausland, in Großbritannien, genauer in Schottland. Dort war ich ein Jahr lang tätig (Anm. d. R.: 2004), da war es nicht erlaubt. Ich durfte Gäste nicht ohne Weiteres ablehnen. Es gab relativ wenig Puffs, es gibt da nur Saunaclubs. In Edinburgh gab es drei, zwei gehörten ein und derselben Person. Die Frauen, die für ihn arbeiteten, hat er ständig unter Druck gesetzt. Er hatte sie in der Hand. In Deutschland ist es genau andersherum. Hier lassen sich die Puffbetreiber von den Mädels mittlerweile alles gefallen. Die können da Regeln aufstellen, da macht jede, was sie will. Als Puffbetreiber ist man ja heute schon dankbar, wenn ein Mädel überhaupt regelmäßig kommt.

nordbayern.de: Was sagst Du zum Thema Zwangsprostitution?

"Mel": Mir ist bisher keine Frau begegnet, die das wirklich unfreiwillig gemacht hat. Ok, als deutsche Frau komme ich in so einen Puff gar nicht rein, wo Zwangsprostitution herrscht. Das werden aber dann auch sicher keine angemeldeten Etablissements sein, sondern illegale.

nordbayern.de: Wer oder was führte Dich eigentlich damals ins Rotlicht-Milieu?

"Mel": Geld war der kleinste Aspekt. Mich hat es mit 25 schon gereizt, aber damals hatte ich noch viel zu viel Angst vor „den bösen Zuhältern“. Mit 28 bin ich dann einfach in einen Puff gegangen. Ich habe festgestellt: „Den bösen Zuhälter“ gibt es so einfach nicht. Das ist übrigens auch eine der ersten Aussagen, die ich im Milieu von anderen Huren gehört habe: Dass Zuhälter von Huren gemacht werden. Und die schlimmsten Zuhälter sollen angeblich Frauen sein. Habe ich aber nie erlebt.

norbayern.de: Was belastet Dich an Deinem Job?

"Mel": Dass mir Frauen mit so viel Misstrauen begegnen, macht mich traurig. Einer Frau fällt es wesentlich leichter, eine „Schlampe“ zu respektieren und zu bewundern, dass die so tough ist, mit Männern das zu machen, was viele Männer mit Frauen machen. Aber sie ist durch das gesellschaftliche Empfinden so stark beeinflusst, dass sie sich extrem dagegen wehrt, einer Hure nur ansatzweise über den Weg zu trauen. Und unter Huren ist keine Freundschaft möglich, weil Konkurrenz da ist. Ich hatte selten Freundinnen.

nordbayern.de: Die Feministin und Autorin Alice Schwarzer geißelt Prostitution. Was hältst Du von ihren Thesen?

"Mel": Ich finde Alice Schwarzers Einstellung sehr gefährlich. Sicherlich ist das teilweise sehr mitreißend für Frauen, die sich zu schwach in der Gesellschaft vertreten fühlen. Alice Schwarzer verwechselt genauso wie ihr Lieblingsgegner Bushido sexuelle Spielarten mit mangelndem Respekt dem anderen Geschlecht gegenüber. Die Spielarten sind bei genauerer Betrachtung oft genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich befürchtet.

nordbayern.de: Wie meinst Du das?

"Mel": Alice Schwarzer gibt vielen Frauen, die devote Fantasien haben, das Gefühl, schlechter zu sein als andere. Man wird ja fast gebrandmarkt, wenn man vor Emanzen sagt, dass man sich beim Sex gerne eine knallen lässt. Ein devotes sexuelles Bedürfnis kann dem Wunsch entspringen, einmal nicht erleben zu wollen, wie der Partner versucht, es einem die ganze Zeit recht zu machen. Stattdessen will man vielleicht dessen ganze Leidenschaft und Gier auf den eigenen Körper spüren. Macht sich die Frau klar, dass dies ein vollkommen egoistisches Bedürfnis ist, wäre sie vielleicht eher in der Lage, dazu auch mit Stolz zu stehen und sich nicht emanzipatorisch unterlegen zu fühlen. Das gilt übrigens auch umgekehrt, wenn der Mann der devote Part ist.

nordbayern.de: Du sagtest vorhin, das Geld sei für Dich nur Mittel zum Zweck. Was muss geschehen, damit der „Zweck“ in Zukunft auch ohne das Mittel Geld erfüllt werden kann und somit Prostitution nicht mehr nötig ist?


"Mel": Wenn wir alle einfach unserem Körpergefühl vertrauen dürften, wäre dieser Job gar nicht existent. Aber solange Frauen ihre Wertigkeit darin finden, Männer zu manipulieren, indem sie sich sexuell möglichst zurückhalten und Männer ihre Wertigkeit darin finden, es Frauen zu besorgen, ist für mich Prostitution die einzige Möglichkeit, auf direktem Wege zu meinen sexuellen Bedürfnissen zu kommen, ohne dass ich lange drum herumreden muss. Ein Freier behandelt mich respektvoller als ein Mann, für den ich beim ersten Date umsonst die Beine breit mache. Statt direkt Sex mit einem Mann zu haben, muss ihn die Frau erst am Haken haben. Ich finde es schade, dass man als Frau nicht ebenso das Recht hat, den Mann auszuprobieren, bevor man überhaupt weiß, ob man sich für ihn interessiert.