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Stadt Nürnberg lässt Gänse am Wöhrder See abschießen

Das Wohl der Menschen, so Bürgermeister Vogel, ist wichtiger als das der Tiere - 26.07.2018 06:00 Uhr

Den Gänsen am Wöhrder See soll der Garaus gemacht werden. © Eduard Weigert


Sie hinterlassen kiloweise Kotbatzen in der Norikusbucht, auch den Sandstrand auf der Südseite des Wöhrder Sees haben vor allem Kanadagänse mit unappetitlichen Tretminen gepflastert. Ihm liege durchaus das Wohl der Tiere am Herzen, betont Bürgermeister Christian Vogel, "aber wichtiger ist das Menschenwohl".

Deshalb fiel jetzt die Entscheidung, "die eine oder andere Gans" zum Abschuss freizugeben. "Das wird keine Massensache", aber Vogel vertraut darauf, dass es sich die schlauen Gänse merken, wenn der Reviervorsteher am Wöhrder See oder Stadtjäger Gert Hügel ein paar Mal ausrücken, um zwei bis drei Artgenossen zu erlegen. Wie viele es dann tatsächlich sind, entscheide der Jäger, ergänzt Vogel.

Die Gänseschwärme werden den Abflug machen, Norikusbucht und Sandstrand räumen und es sich woanders gemütlich machen, hofft Vogel. Nach der Devise "Zuckerbrot und Peitsche" will er den Gänsen den Umzug mit neuen, attraktiven Flächen am Unteren und Oberen Wöhrder See noch zusätzlich schmackhaft machen. Dort sollen die Vögel schön flach an Land steigen und sich an den jungen Trieben des stets gemähten Grases gütlich tun können. Vogel erwägt sogar, sie dort gezielt anzufüttern. 

Den Abschuss freigegeben hat die "Task Force" Gänsekot. In ihr sitzen Vertreter des Servicebetriebs Öffentlicher Raum sowie des Ordnungs-, Umwelt- und staatlichen Wasserwirtschaftsamtes. Bürgermeister Vogel weiß, wie brenzlig es ist, auf die von vielen Bürgern heiß geliebten Gänse schießen zu lassen.

Die Städte Dortmund und Koblenz ließen 2017 ebenfalls wegen des lästigen Kotproblems Tiere erlegen, beide kassierten Strafanzeigen der Tierschutzorganisation Peta. In Nürnberg startete die 29-jährige Jasmin Scholz, eine bekennende Tierliebhaberin, die an den Gänsen am See ihre Freude hat, eine Online-Petition gegen den Abschuss. Über 840 Unterzeichner gibt es aktuell, auch der Tierschutzverein Noris unterstützt die Petition.

"Viele Bürger erfreuen sich an den Gänsen, die Stadt muss die Wiesen häufiger vom Kot reinigen", ansonsten brauche es mehr Toleranz für die Wasservögel, sagt Vorstand Robert Derbeck. Auch der Landesbund für Vogelschutz hält einen Abschuss für sinnlos, damit allein ließen sich die Gänse nicht vergrämen, sagt Biologin Carmen Günnewig. Zäune als Sicht#schutz machten die Ufer für sie unattraktiv, außerdem könne man Eier in den Gelegen anstechen, damit die Vögel weniger Nachwuchs haben - all das führe eher zu gänsefreien Stränden als der Abschuss.

Ein Blick nach Frankfurt, wo im letzten Herbst sechs Gänse geschossen wurden, zeigt: Das Bejagen ist tatsächlich kein Allheilmittel. Denn in der Mainmetropole finden aktuell hitzige Debatten darüber statt, ob man heuer im Brentanobad nicht noch mal auf die Gänse anlegen sollte. Die überlebenden Exemplare haben den Schreck nämlich schnell verdaut und das Freibad keineswegs geräumt.

Allein am Unteren Wöhrder See leben nach Schätzungen der Stadt rund 100 Gänse. Christian Vogel ließ Kot im Labor des Landesamts für Gesundheit in Erlangen untersuchen, das Ergebnis: Es sind schon Bakterien drin, aber keine, die für Menschen sonderlich gefährlich sind. "Es gibt keine Notwendigkeit, die Gänse wegen einer gesundheitlichen Gefährdung für den Menschen abzuschießen", sagt Vogel.

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Für rund 500.000 Euro hat man den Bereich am Nordufer des Wöhrder Sees aufgewertet. 930 Tonnen Sand - also ungefähr so viel, wie in 30 Sattelschlepper passt - wurden angeliefert, der zweite Bauabschnitt ist mittlerweile fertig.


Mit Gewehren ohne Schalldämpfer

Um die Stadt und vor allem die Untere Jagdbehörde, die die Ausnahmegenehmigung für die Gänsejagd in der Stadt erteilt hat, aus der Schusslinie zu nehmen, verweist er auf den Stadtjäger und die Pächter, zu deren Revier der Wöhrder See gehört: "Sie können jetzt ihrem Jagdinstinkt nachgehen", sagt er. Und: "Die Gänsejagd ist nichts anderes als das Angeln von Fischen oder das Jagen von Wild im Wald."

Mit Tierschutzrecht habe das nichts zu tun, versucht er Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Am 1. August endet die Schonzeit der Gänse, die Jäger ziehen "zeitnah" frühmorgens mit Gewehren ohne Schalldämpfer los. Stadtjäger Gert Hügel ist froh, dass er erst mal in Urlaub geht und nicht dabei ist. Er glaubt nicht an den Erfolg der Aktion. "Es werden nicht die richtigen Entscheidungen getroffen."

Landen die Tiere auf dem Teller?

Solange das Verbot, die Gänse am Wöhrder See zu füttern, von der Stadt nicht durchgesetzt werde, ändere sich nichts. Den Vögeln gehe es dort prächtig, auch weil sie in Massen gefüttert werden - "da können auch Jäger keine Wunder bewirken". Hügel sieht nur zwei Möglichkeiten, die Zahl der Gänse zu reduzieren: Strenge Bestrafung für alle, die sie füttern. Und eine Dezimierung der Population um die Hälfte.

"Es nützt nichts, nur ein paar Gänse zu schießen. Der Schwarm, zu dem sie gehören, zieht kurzzeitig ab, aber der nächste Schwarm, der davon nichts mitbekommen hat, ist schnell da und lockt wieder weitere Gänse an." Laut Vogel sollen die getöteten Gänse "vermutlich zubereitet und gegessen" werden. Aber auch für die Verwertung seien allein die Jäger und nicht die Stadt zuständig.

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Ute Möller E-Mail

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