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Trauertag: Vor zehn Jahren tötete der NSU Ismail Yasar

Bronzeplatte wurde in der Scharrerstraße in Boden eingelassen - 09.06.2015 12:54 Uhr

Zahlreiche Menschen hefteten damals Briefe und Beileidsbekundungen an die Dönerbude von Ismail Yasar. © Matejka


Seine Mörder, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, starben nach einem Banküberfall am 4. November 2011 in Eisenach. Die mutmaßliche Mittäterin Beate Zschäpe steht seit zwei Jahren in München vor dem Oberlandesgericht.

Bis heute bleiben die tödlichen Kopfschüsse auf Ismail Yasar am 9. Juni 2005 unbegreiflich. Der 50-Jährige, der in seinem „Scharrer-Imbiss“ in St. Peter, schräg gegenüber der Scharrer-Schule, Döner, Eis und Süßigkeiten verkaufte, war beliebt. Als „freundlichen und fleißigen Mann“ beschrieben ihn Bekannte damals, als vertrauenswürdig. Seinen Imbiss hatte Yasar, der seit mehr als 25 Jahren in Deutschland lebte, während der zurückliegenden drei Jahre auf dem Parkplatz des Edeka-Geschäfts an der Ecke Scharrer-/Velburger Straße aufgebaut.

Nach allem, was man heute weiß, fuhren Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos an diesem 9. Juni 2005 auf Fahrrädern zum Tatort. Einer Zeugin fielen die beiden Radler (vermutlich gegen 9.35 Uhr) auf. Auf der Bank eines Spielplatzes, vielleicht 200 Meter von dem Edeka-Parkplatz entfernt, studierten die NSU-Mörder einen Stadtplan. Gegen zehn Uhr musste ein Autofahrer direkt vor dem Imbissstand anhalten, um eine Fußgängerin und zwei Radfahrer passieren zu lassen. Er war sich später sicher, dort Uwe Mundlos als den ersten dieser Radler gesehen zu haben.

Bis zu acht Kopfschüsse auf Yasar

Eine weitere Zeugin erinnerte sich an zwei Männer, die mit Fahrrädern vor dem Imbiss standen. Einer der beiden habe in den Dönerstand geschaut. Kurz darauf, um 9.57 Uhr, hörte diese Frau vier oder fünf dumpfe Schussgeräusche. Genau um diese Zeit passierte ein Augenzeuge den Imbiss. Er nahm zwei neu wirkende, schwarze bzw. anthrazit-farbene Trekkingräder wahr, die achtlos an dem Stand abgelegt worden waren.

War es Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt, der die Ceska Zbrojovka 83 mit aufgesetztem Schalldämpfer wieder und wieder abfeuerte? Das wird sich nicht mehr klären lassen. Festzustehen scheint, dass einer der beiden aus nächster Nähe mit der Waffe Kaliber 7,65 Browning auf Ismail Yasar schoss, der hinter seinem Tresen stand. Von bis zu acht Kopfschüssen war damals die Rede, eine regelrechte Hinrichtung – Yasar, der eine Tochter (damals 22) und einen Sohn (damals 15) hinterließ, hatte keine Chance.

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Die NSU-Mörder hatten die Tat offenbar sorgfältig vorbereitet. In der Asservatenkammer des Bundeskriminalamtes liegt ein farbig bedrucktes DIN-A4-Blatt, das im Brandschutt des Hauses in Zwickau gefunden wurde, das Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe bis zum 4. November 2011 bewohnt hatten. Sechs Adressen sind dort aufgelistet: von Asylbewerber-Unterkünften bzw. von Wohnungen, in denen ausländische Mitbürger damals lebten. Das Papier datiert vom 25. Mai 2005; handschriftlich wurden „Neben Post Imbiss“ und die Markierung „X7“ hinzugefügt – der Standort von Ismail Yaþars Imbiss.

Schon einen Tag nach der schrecklichen Tat war den Ermittlern klar, dass der Tod des 50-Jährigen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Mordserie stand, der seit dem Jahr 2000 bereits fünf weitere türkische Mitbürger zum Opfer gefallen waren. Die Überprüfung der Projektile von der Scharrerstraße im Bundeskriminalamt zeigte, dass zum sechsten Mal hintereinander dieselbe Tatwaffe verwendet worden war.

Vertrauen in Polizei sei nicht besonders groß

Doch die neu eingerichtete, 40-köpfige Soko „Halbmond“ der Nürnberger Kripo tappte im Dunkeln. Die Ermittler mutmaßten – in Zusammenarbeit mit dem BKA sowie den Mordkommissionen in Hamburg und München – Verbindungen der Opfer zu türkischen Drogenhändlern aus den Niederlanden. Möglicherweise hätten die Geschäftsräume bzw. Verkaufsstände der Ermordeten (alle sechs waren Kleinunternehmer gewesen) als Drogen-Anlaufstellen gedient, lautete eine der Annahmen, für die es aber keinerlei belastbare Belege gab. Auch (theoretisch denkbare) Motive im familiären, im politischen sowie im religiösen Bereich wurden intensiv geprüft, ebenso wie Schutzgeld-Erpressung und Glücksspiel-Schulden. Alles Fehlanzeigen.

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Trotzdem verfolgte die Besondere Aufbau Organisation (BOA) „Bosporus“, die am 1. Juli 2005 in Nürnberg mit 33 Beamten eingerichtet wurde, genau diese Fäden weiter. Im Frühjahr 2006 ordnete der damalige BOA-Chef, Wolfgang Geier, die inzwischen neun Morde der Organisierten Kriminalität zu. Der damalige Kriminaldirektor Werner Mikulasch beklagte öffentlich „schwierige Ermittlungsansätze, weil bei illegalen Geschäften keine Buchführung erstellt wird“. Und: Das Vertrauen der türkischen Bürger in die deutsche Polizei sei nicht besonders groß, meint Mikulasch, mittlerweile Vizepräsident des Polizeipräsidiums Oberfranken.

In ihrem unbeirrbaren Glauben an rein kriminelle Hintergründe der bundesweiten Mordserie setzten die Beamten sehr fragwürdige Methoden ein. Mit Abhöraktionen und Observationen griffen verdeckte Ermittler „massiv in die Persönlichkeitsrechte der Angehörigen der Opfer“ ein, konstatierte der NSU-Untersuchungsausschuss des bayerischen Landtags im Juli 2013. Auch Aktionen wie den Aufbau von Dönerständen, um Schutzgelderpressungen zu provozieren, kritisierten die Abgeordneten aller Parteien im Ausschuss unisono.

Gedenkveranstaltung am kommenden Wochenende

In einem Sondervotum sprachen SPD und Grüne sogar von einem „klaren Versagen der Sicherheitsbehörden in Bayern“. Die Ermittler hätten Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund der Mordserie nicht ernst genommen. Beispielsweise die Zeugin Beate K., die im Umfeld des Mordes an Ismail Yaþar die beiden Fahrradfahrer auf dem Spielplatz gesehen hatte. Sie erkannte einen der Radler auf einem Video zum Nagelbombenanschlag von 2004 in der Kölner Keuperstraße wieder. Ihre Aussage „Der war es“ schwächte der protokollierende Polizist in „ziemlich sicher“ ab. Dabei hatte der renommierte Münchner Polizei-Profiler Alexander Horn längst einen entscheidenden Hinweis ins Spiel gebracht. Statt krimineller Machenschaften im Hintergrund der Mordserie vermutete er einen Ausländer hassenden Einzeltäter.

Dass die Wahrheit – nämlich der rechtsradikale Hintergrund der Gewalttaten – noch viel schlimmer war, stellte sich erst im November 2011 heraus. Nach einem Banküberfall flüchteten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in ihr Wohnmobil, das in Stregda bei Eisenach stand, wo sie – nach offizieller Darstellung – Selbstmord verübten. Praktisch zeitgleich soll Beate Zschäpe die Wohnung des Trios in Zwickau in die Luft gesprengt haben.

Ismail Yasar, der am 9. Juni 2005 durch die NSU-Mörder starb, nützt die späte Erkenntnis der Ermittler nichts mehr. Ebenso wenig wie dem Blumenhändler Enver Simsek, der als erstes der neun NSU-Opfer am 9. September 2000 in Langwasser starb, oder dem Schneider Abdurrahim Özüdogru, der als zweites Opfer am 13. Juni 2001 in Lichtenhof sein Leben verlor, oder den anderen sieben Ermordeten. Deren Tod ist aber eine eindringliche Mahnung, dass der Rechtsradikalismus in Deutschland vor offener, brutalster Gewalt längst nicht mehr zurückschreckt.

In der Scharrerstraße wurde am Dienstag im Rahmen einer Gedenkveranstaltung eine Bronzeplatte in den Boden eingelassen. Diese wurde von Kindern aus dem Stadtteil unter der Leitung von Manuela Dilly gestaltet.

Am Samstag, 13. Juni, gibt es eine weitere Gedenkveranstaltung für die Opfer des NSU. Sie beginnt um 12 Uhr in der Scharrerstraße. Neben der Rechtsextremismus-Expertin Birgit Mair wollen der Anwalt Yavuz Narin und Kutlu Yurtseven von der Initiative „Keupstraße ist überall“ reden. Anschließend soll noch ein Straßenfest am Aufseßplatz stattfinden.  

Tilmann Grewe

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