Dienstag, 11.12.2018

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Wo man zum Schafkopfen auf die Straße ging

Der Tuchergarten im Nürnberger Norden im Wandel der Zeit - 03.05.2017 12:01 Uhr

Der alte „Tuchergarten“ zur Prinzregentenzeit, aufgenommen zwischen 1887 und 1903. © Josef Einberger


Wegen ihrer Hanglage zählt die Tuchergartenstraße in Maxfeld zu den reizvollsten Straßen Nürnbergs. Von der Wirtschaft im Haus Nr. 26 an der Kreuzung zur Pirckheimerstraße konnte man vor über 100 Jahren den schönen Ausblick bergan zur Altstadt bei einem kühlen Bier genießen.

Straße und Lokal tragen beziehungsweise trugen den Namen des alten Tuchergartens, der sich in reichsstädtischer Zeit in etwa zwischen Maxfeldstraße, Tuchergartenstraße, Maxtorgraben und Rollnerstraße erstreckte und sich im Besitz des altehrwürdigen Ratsgeschlechtes der Tucher befand. Tucher-Bier gab es in der Gaststätte "Tuchergarten" allerdings nicht. Vielmehr wurde das kühle Nass um die Ecke hergestellt, nämlich von der Brauerei Johann Georg Reif in der Bayreuther Straße, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg Teil des Tucher-Konzerns wurde.

Als sich Nürnberg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über seine Mauern hinaus ausbreitete, wurden die alten Gärten wertvolles Bauland. Auch auf dem Tuchergarten legte die Stadt Straßen und Kanalisation an und teilte das Land in Parzellen auf; binnen weniger Jahre hatten Bauunternehmer die meisten Grundstücke mit Wohnhäusern bebaut. Immerhin, die Gärten der Villen oben am Maxtorgraben und die Vorgärten der Mietshäuser weiter im Norden beließen einen Hauch von Grün inmitten des neuen Stadtteils.

Wirt Peter Wagner und seine Stammtischbrüder beim Schafkopfen auf dem Trottoir. © Josef Einberger


Ein bisschen Garten konnte auch Peter Wagners Eckkneipe vorweisen: Ein kunstvoll geschmiedeter Gitterzaun und üppig wuchernder Wilder Wein schufen zwischen Hauswand und Pirckheimerstraße einen schmalen, aber schattigen Hort der Gemütlichkeit unter fränkischem Himmel. Für den Fotografen Josef Einberger schleppten der Wirt und seine Stammtischbrüder auch schon mal die Biergarnitur auf den sonnigen Trottoir, um sich dort ganz fotogen Gerstensaftgenuss und Schafkopfen hinzugeben.

Ob solcher Geselligkeit glaubt man Gustl Bayrhammers Prolog aus dem "Königlich Bayerischen Amtsgericht" zu vernehmen: "Es war eine liebe Zeit, die gute, alte Zeit vor anno 14 . . ." Ganz so gut, wie spätere Generationen die Herrschaft des Prinzregenten Luitpold sahen, war sie natürlich nicht.

Mit seinen roten Ziegelmauern und dem reichen Sandstein-Fassadenschmuck mit Rustika-Mauerwerk, korinthischen Pilastern, Gesimsen und Fenstern mit Giebelverdachungen auf Konsolen war der "Tuchergarten" ein typisches Kind seiner Zeit und bildete einst mit dem Nachbarhaus Pirckheimerstraße 87 eine bauliche Einheit. Bauherr und Planfertiger zugleich war der Maurermeister Georg Distler aus der nahen Maxfeldstraße.

1887 konnten die ersten Mieter die für damaligen Verhältnisse komfortablen Etagenwohnungen in den Obergeschossen beziehen: Sie besaßen jeweils vier Zimmer, eine Küche mit Speisekammer, einen Abstellraum und ein Wasserklosett.

Der 1957 vollendete Nachfolgebau aus der Wirtschaftswunderzeit, aufgenommen 2017. © Sebastian Gulden


Als das Haus Tuchergartenstraße 26 im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurde, gab es Peter Wagners Gaststätte schon lange nicht mehr. Der Krieg und die Jahrzehnte danach ließen in diesem Teil des Maxfeldes fast keines der alten Häuser aus der Prinzregentenzeit unbeschädigt. Was die Bomben nicht zerstörten, ruinierten vielerorts übereifrige Sanierer mit Meißel und Fliesenkleber. Die "gute, alte Zeit vor anno 14", die schätzte man nur noch im Fernsehen.

Es dauerte mehr als zwölf Jahre, bis ein neues Haus auf dem Eckgrundstück entstand. Einen Vorgarten gab es nun nicht mehr, und die Eckkneipe wanderte auf die gegenüberliegende Seite der Tuchergartenstraße. Dafür setzte Architekt Konrad Wörrlein dem Gebäude ein zusätzliches Geschoss auf. Breite Panoramafenster, ein Risalit mit "Blumenfenstern" und Steinmosaikschmuck und ein weit vorstehendes, flaches Walmdach machen das Haus zu einem typischen Vertreter der Wirtschaftswunderzeit, die auch noch in den Details recht gut erhalten ist.

"Die gute, alte Zeit" waren auch die 1950er nicht, zumindest nicht immer und nicht für jeden. Nicht wenige würden die neue Tuchergartenstraße 26 als belanglose Funktionsarchitektur bewerten, und doch ist sie Zeugnis ihrer Zeit ebenso wie der spätklassizistische Vorgängerbau.

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Sebastian Gulden

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