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Schach-Domizil „Pulvermühle“ geschlossen

Schwerer Schlag für Gastronomie der Fränkischen Schweiz — Christian Bezold: „Gesundheitliche Gründe“ - 20.02.2012 22:19 Uhr

Idyllisch an der Wiesent gelegen, wurde die „Pulvermühle“ bei Waischenfeld zum beliebten Domizil der internationalen Schach-Größen und der Fliegenfischer. © privat


Schicksalsschläge haben die „Pulvermühle“ seit jeher begleitet. Das Anwesen, das seinen Namen deswegen erhalten hat, weil dort einst Schwarzpulver gemahlen worden ist, flog im Jahr 1806 regelrecht in die Luft, als sich die damaligen Betreiber weigerten, die in der Nähe lagernden Truppen Napoleons mit Pulver zu versorgen.

Nach der verheerenden Explosion lag das Anwesen bis 1875 brach, bis der Ökonom Lorenz Schatz auf dem Grundstück eine Flaschenbierwirtschaft eröffnet hat. Eine seiner fünf Töchter heiratete Johann Bezold aus Gösseldorf. Beide bauten die elterliche Gastwirtschaft weiter aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Familie Bezold eine der Ersten, die wieder in die Zukunft investierten.

1950 wurde ein mächtiger Saalbau errichtet, für viele Jahre der größte seiner Art in der Fränkischen Schweiz. Über dem Saal wurden zwei Stockwerke hochgezogen, die für 20 Doppelzimmer Platz boten. Unvergessliche Tanzabende, Kinovorführungen, Musikantentreffen und nicht zuletzt die letzte, von Studentenprotesten begleitete Tagung der „Gruppe 47“ im Jahre 1967 mit so bekannten Literaten wie Werner Richter, Günter Grass oder Marcel Reich-Ranicki waren Highlights. Zudem hatte der Saalbau eine Kuriosität zu bieten. Durch ihn verlief eine Landkreisgrenze.

Gesundheitlich schwer angeschlagen, übergab Johann Bezold, lange Jahre Zweiter Bürgermeister von Waischenfeld, die „Pulvermühle“ 1962 an seinen ältesten Sohn, Kaspar Bezold.

Der „Pulverkaspar“ wurde zur Legende. Mit seiner Frau Erika legte er unmittelbar an der Wiesent zuerst einen neuen Bier- und Kaffeegarten für bis zu 200 Personen an. Das Lokal erfreute sich bald so großer Beliebtheit, dass 1967 ein neues Gästehaus mit 20 modernen Fremdenzimmern sowie einem Nebenzimmer für Konferenzen und Feiern errichtet wurde.

Großbrand verwüstete Saal

Mitten im Aufschwung wurde die „Pulvermühle“ zu Beginn der 70er Jahre erneut schwer vom Schicksal getroffen. Im Mai 1972 vernichtete ein Großbrand den Komplex in einem Ausmaß, dass es wie ein Wunder anmutete, dass keiner der Gäste des mit 40 Personen voll belegten Hotels zu Schaden gekommen ist. Weil eine Renovierung aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr in Frage kam, blieb nur der Abriss des Saalbaus.

In dieser existenziell bedrohlichen Situation entschieden Kaspar und Erika Bezold, auch das unversehrt gebliebene alte Gasthaus mit abzureißen und anstelle beider Häuser ein neues Haupthaus zu setzen. Der Bau begann im Sommer 1972 und dauerte ein ganzes Jahr. Der Gaststättenbetrieb war in dieser Zeit geschlossen.

Nach der Wiedereröffnung ließ eine weitere „Katastrophe“ nicht lange auf sich warten. Das wegen der Ölkrise verhängte Sonntagsfahrverbot traf den Betrieb hart. Trotzdem entwickelte sich das Lokal zu einer der ersten Adressen der Fränkischen Schweiz. Der Bayerische Staatspreis im Jahr 1977 bewies es.

Die „Pulvermühle“ wurde zu einem Treffpunkt der Fliegenfischer und der internationalen Schachwelt. Durch die freundschaftlichen Beziehungen zu WM-Schiedsrichter Lothar Schmid aus Bamberg wohnten hier unter anderem der Weltmeister Tigran Petrosjan und der größte Schachspieler aller Zeiten, „Bobby“ Fischer. Drei Monate versteckte er sich hier, bevor er von Reportern aufgestöbert wurde. 1993 kam mit Weltmeister Prof. Dr. Michail Botwinnik der Begründer der russischen Schachschule. Mehrere Nationalmannschaften feierten hier ebenso ihre Siege wie die Bundesligisten aus Bamberg und München. Sie alle waren Trainingspartner von Michael Bezold, der selbst zum Großmeister wurde.

Als Kaspar Bezold im Jahr 2000 im Alter von nur 68 Jahren starb, war dies erneut ein schwerer Schicksalsschlag. Doch die Familie hielt zusammen: Christian Bezold, ein Meisterkoch, führte das Lokal zusammen mit seiner Mutter weiter.

Käufer gesucht

Nunmehr ist die „Pulvermühle“ geschlossen, „aus gesundheitlichen Gründen“, so Christian Bezold. Bürgermeister Edmund Pirkelmann ist aber zuversichtlich, dass das Haus einen Käufer findet. „Es wäre schade, wenn es nicht mehr eröffnen würde. Die Lage ist ideal. Außerdem führt der neue Radweg von Nankendorf nach Behringersmühle vorbei.“ Überlegt wird auch eine Nutzung als Senioren- oder Erholungsheim. 

hjs/rr

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