Donnerstag, 17.01.2019

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Bürger und Bürgermeister protestieren gegen Stromtrasse

Info-Veranstaltung in der Nürnberger Meistersingerhalle zur „Gleichstrompassage Süd-Ost“ - 31.01.2014 08:48 Uhr

„Sie tragen Unfrieden ins Land und erzeugen Zorn und Wut“, „Ihr erlebt hier ein neues Wackersdorf“, „Das wird euer Nürnberg 22“. Die Stoßrichtung geht dabei nicht in Richtung Netzbetreiber Amprion. Der Berger Bürgermeister Himmler brachte auf den Punkt: „Unser Gegner ist die Politik.“

Manifestation des Widerstands

Längst ist vollzogen, wozu der Pegnitzer Bürgermeister Uwe Raab, dessen Schwester eine Ikone des Wackersdorf-Widerstandes war, ermuntert hatte: „Gründet Bürgerinitiativen!“ Die gibt es bereits — und sie haben sich zusammengeschlossen. Zum Ende der Veranstaltung stellte sich die „Bürgerinitiative Hof bis Freystadt gegen die Monstertrasse“ vor, die die zentrale Forderung in sechs Worte zusammenfasste: „Das Kabel muss in den Boden!“

„Hochspannungsleitungen bringen nicht mehr Versorgungssicherheit“. Auch Hermann Lorenz, Sprecher des Energiebündels Roth-Schwabach, ist gegen die geplante Gleichstrompassage Süd-Ost in der derzeit diskutierten Form — und machte das am Mittwochabend in der Nürnberger Meistersingerhalle auch deutlich. © Götz


Der Druck wird nicht nur von den Bürgern kommen, sondern auch aus den Rathäusern. Enttäuscht zeigten sich nicht nur wie bereits berichtet die Bürgermeister Markus Mahl aus Hilpoltstein und Manfred Preischl aus Greding. Auch ihr Thalmässinger Amtskollege Georg Küttinger war verärgert angesichts der Informationen in der vorgeschalteten Sitzung mit den Behördenleitern: „Unseren Fragen wurde ausgewichen, ich hab’ immer nur gehört ,es gibt keine Grenzwerte‘.“

Das Verfahren findet der Rathauschef unmöglich: „Die stellen drei Trassen vor und spielen dann die Leute gegeneinander aus. Und wenn der Antrag bei der Netzagentur eingereicht ist, bekommen wir als Gemeinde nur zwei Monate Einspruchsfrist.“ Das reiche nie, um sich in die Materie einzuarbeiten und den Widerspruch zu formulieren.

Zorn richtet sich gegen CSU

Wie berichtet, durchschneidet die Vorzugsvariante von Amprion im östlichen Landkreis Roth die Gemeinden Hilpoltstein, Thalmässing und Greding. Würde eine der ebenfalls schon vorgestellten Alternativen zum Zug kommen, wäre der westliche Landkreis (Abenberg, Georgensgmünd, Spalt) betroffen.

Bilderstrecke zum Thema

Stromautobahn: Proteststurm gegen Amprion in Nürnberg

Den Netzbetreiber Amprion erwartete am Mittwochabend in Nürnberg ein Proteststurm wegen der geplanten Stromautobahn von Nord- nach Süddeutschland, die auch durch Franken führen soll. Bürgerinitiativen, Kommunalpolitiker und Privatleute reisten aus dem gesamten Umland mit Bussen an. Im Großen Saal der Meistersingerhalle entlud sich mit Pfiffen und Buh-Rufen gegenüber den Amprion-Vertretern der geballte Frust der Bevölkerung.


Wie dem auch sei: Die heimischen Politiker kritisieren nicht nur den Netzbetreiber Amprion. Zur Brust nehmen wollen sich die Behördenchefs auch die Bundestags- und Landtagsabgeordneten. Das Land Bayern hat, wie Bergs Bürgermeister Himmler sich bestätigen ließ, im Bundesrat gegen die Verkabelung unter der Erde gestimmt. „Die sollen uns erklären, was sie sich dabei gedacht haben“, wetterte Küttinger.

Der Zorn richtet sich gegen die Mehrheitspartei CSU und insbesondere Ministerpräsidenten Horst Seehofer. „Wir sind froh, dass wir in Bayern die CSU haben, sonst hätten wir überhaupt keine kriminelle Vereinigung“, spottete ein Sprecher.

Falsches Argument

Doch die Kritik trifft den MP auch wegen seiner Vollbremsung in Sachen Windräder. An dieser Front kämpft das „Energiebündel Roth-Schwabach“, das sich „100% erneuerbar bis 2030“ auf die Fahnen geschrieben hat und sich weiterhin für ein dezentrales Netz stark macht. Für Sprecher Hermann Lorenz ist es ein falsches Argument, dass die aktuelle Energiepolitik und Hochspannungsleitungen mehr Versorgungssicherheit bringen: „Nicht berücksichtigt ist die Terrorgefahr, ein dezentrales Netz dagegen ist sicher.“

Hermine Lang benannte das Akzeptanz-Problem vom Standpunkt des Verbrauchers aus und hatte Mitleid mit den Amprion-Leuten: „Wir müssen immer mehr für Strom und Trassen zahlen, die die Leute nicht wollen. Eigentlich müssten die Politiker, die uns das eingebrockt haben, hier oben stehen.“

Thalmässings Bürgermeister Georg Küttinger ist mit seiner Ablehnung nicht allein, Hunderte signalisierten in der Meistersingerhalle Widerstand. © Götz


Auf ihre Frage, warum die Bürger zwischen Allersberg und Greding nach Autobahn und ICE-Trasse nun auch noch eine Hochspannungsleitung vor die Haustür gesetzt bekommen sollen, bekam sie zur Antwort, dass die Bündelung gewollt sei, um den Landschaftsverbrauch zu minimieren. Dass durch die Bündelung an manchen Stellen eine Überbelastung der Bevölkerung entstehen könne, sei bekannt und könne im weiteren Verfahren berücksichtigt werden.

Baustellen über Baustellen

Da werden sich mehrere Baustellen auftun. So reklamierte zum Beispiel auch der Altdorfer Bürgermeister Erich Odörfer eine Überbelastung. Die Stadt ist schon jetzt von Autobahnen und Stromleitungen umzingelt: „Wir werden alles tun, um diese Trasse zu verhindern.“ Die Nachbargemeinde Berg ist schon auf Protest eingeschworen, aus ihr kam das viertelstündige Trillerpfeifen- und Trötenkonzert zu Beginn der Veranstaltung — mit schönen Grüßen an Bundeskanzlerin Merkel: „Wir sind das Volk!“

Keine belastbaren Zahlen gab es zu den Mehrkosten, die für eine Verkabelung im Boden anfallen würden. Der Faktor 1,7 von der bisher veranschlagten Milliarde wurde zwar benannt, aber nicht bestätigt. Auf der anderen Seite kam eine Schätzung, dass die Entwertung der Grundstücke entlang der Trasse sich auf vier bis fünf Milliarden summieren würde. Das war ebenfalls nicht belegt, zeigt aber ein weiteres Hindernis für die Durchsetzung der Trasse auf.

Stand der Technik

Studien über medizinische Auswirkung einer Gleichstromleitung gibt es nicht, auch keine Vorschriften zu Mindestabständen, die Nachbarländer wie Österreich oder die Schweiz für sinnvoll halten. Die für die Gleichstrompassage Süd-Ost vorgesehene Technologie wird bisher erst in einem Projekt durch die Wüste von Namibia angewendet, gleichwohl gilt sie, wie man erfuhr, als Stand der Technik.

All das wird bei den anstehenden Auseinandersetzungen thematisiert werden.

Für Horst Seehofer tut sich aller Voraussicht nach eine weitere Front auf. Die längst verziehene Amoure aus der Vergangenheit kam in der Meistersingerhalle als Musterbeispiel für Vetternwirtschaft ins Spiel: Die Mutter seines unehelichen Kindes wurde jüngst Pressesprecherin der Berliner Netzagentur. Die Stelle wurde ohne Ausschreibung besetzt. 

PAUL GÖTZ

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