Sonntag, 24.03.2019

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LEBENSmittelRETTER: Zeichen gegen die Verschwendung

Rohrer Initiative will nicht, dass so viele Lebensmittel weggeworfen werden — Frühstück am Ostanger - 19.09.2018 06:00 Uhr

Drei LEBENSmittelRETTERINNEN in Aktion (von links): Jasmin Beyer, Traudl Gastner und Marion Brechtelsbauer beim Sortieren der gesammelten Lebensmittel. Die Ausgabestelle ist in Jasmin Beyers Haus in Rohr, Ringstraße 12. © Foto: Günther Wilhelm


Warum sie das macht? "Weil es Spaß macht und weil es Sinn macht", sagt Traudl Gastner, während sie den Broccoli aus der Plastikverpackung schneidet und ganz genau mustert. "Ich kenne noch die Zeit, als wir sparen mussten. Und heute ist es ein Wahnsinn, was alles an Lebensmitteln weggeworfen wird."

Das findet auch Jasmin Beyer. Vor vier Jahren hat sie deshalb eine Initiative gegründet, die mittlerweile 41 Mitglieder hat, vorwiegend Frauen. Jeden Tag fährt Jasmin Beyer Bäcker und Lebensmittelgeschäfte an, um Lebensmittel abzuholen, die ansonsten weggeworfen würden. Weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, weil Produkte aus dem Sortiment genommen werden oder weil sie nicht so schnell verkauft wurden und schon wieder Nachschub gekommen ist. Ungenießbar seien die Sachen deshalb aber nicht. "Wir bekommen manchmal Paletten genau so, wie sie in die Geschäfte geliefert wurden", berichtet Jasmin Beyer kopfschüttelnd. "Und wenn eine Paprika mal etwas schrumpelig ist, na und? In der Pfanne wird sie auch schrumpelig."

Lieber unerkannt bleiben

32 Betriebe im Umkreis von 50 Kilometern lassen ihre Waren lieber abholen als sie in die Mülltonne zu werfen. Die meisten machen aber eines zur Voraussetzung: Sie wollen nicht genannt werden.

Statt im Abfall landen die Lebensmittel bei Jasmin Beyer in einer "Abholstelle" — ein Raum in ihrem Haus in der Ringstraße 12 in Rohr. Zwischen 8 und 21 Uhr kann sich dort jeder bedienen. Täglich, ohne Anmeldung und kostenlos. "Man geht einfach rein und bedient sich", erklärt Jasmin Beyer. "Wir haben nur die Bitte, dass man neben den Lebensmitteln vielleicht einen der Biomülleimer oder einen Gelben Sack mitnimmt. Bei uns fällt einiges an. Das wäre eine Hilfe für uns."

Besonders beliebt ist der Montag. "Da kommen schon mal bis zu 50 Leute, sonst so zwischen 10 und 20, das ist ganz unterschiedlich", berichtet die 35-Jährige.

Keine Konkurrenz

Anders als bei den "Tafeln" ist es aber nicht das Hauptziel, sozial Schwachen zu helfen. "Wir sind aber keine Konkurrenz, sondern arbeiten mit der Nürnberger Tafel sogar zusammen und holen ab, was dort übrig ist. Es geht uns nicht so sehr um die Bedürftigkeit. Zu uns kommen auch Leute im Mercedes. Wir wollen Lebensmittel retten, die einfach kein Müll sind."

Das beweist Jasmin Beyer jeden Tag im Alltag. Sie kocht vor allem mit gesammelten Lebensmitteln. "Für meine Familie muss ich kaum mehr einkaufen." Sicherheitshalber wird vorsortiert. "Selbstverständlich kommt nichts in die Abholstelle, was wir nicht selbst essen würden", betont Jasmin Beyer. "Und bisher habe ich noch keine gesundheitlichen Probleme", ergänzt ihr Mann Stefan Beyer und lacht.

Ausnahme: kein Fleisch

Was alles abgeholt wird? "Alles", sagt Jasmin Beyer. "Lebensmittel von Obst über Gemüse bis hin zu Smarties. Nur Fleisch dürfen wir nicht weitergeben. Ansonsten auch Spielsachen oder Kleidung, Waschmittel oder Kosmetikartikel."

Ähnlich wie die bundesweite Organisation "Food-Sharing" will die Rohrer Initiative ein Zeichen gegen Verschwendung setzen. Das ist Jasmin Beyer viel Zeit ("Ich mache das fast Vollzeit") und Benzingeld wert.

Premiere

Wie gut und schmackhaft sich mit den gesammelten Lebensmitteln kochen und frühstücken lässt, kann man am kommenden Samstag ab 10 Uhr am Grillplatz am Ostanger erleben. "Das ist keine öffentliche Veranstaltung, sondern ein privates Treffen von Freunden", betont Jasmin Beyer.

Gäste sind aber willkommen. Verarbeitet wird, was am Samstagmorgen gesammelt wird. "Wir wollen zwei Dinge zeigen. Zum einen: Diese Lebensmittel sind kein Müll. Zum anderen: Es ist so viel, das wird locker reichen."

ZAus der Initiative "LEBENSmittelRETTER und mehr" soll ein eingetragener Verein werden. Die Gründungsformalitäten werden derzeit abgearbeitet, die Satzung steht bereits. "Wir wollen weiter wachsen", sagt Jasmin Beyer. Sie hofft auf weitere ehrenamtliche Helfer und weitere Geschäfte, die mitmachen möchten. Kontakt: Jasmin Beyer, Telefon (0170) 7407381.  

GÜNTHER WILHELM

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