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Neue Stromtrasse: Der Bund Naturschutz im Dilemma

Wenn 220-kV-Leitung aufgerüstet wird, droht der Verlust von Reichswald - 17.05.2018 17:46 Uhr

In Wendelstein führt die derzeitige 220-kV-Freileitung gewissermaßen direkt über die Vorgärten. Für den 16.000-Einwohner-Ort haben Bund Naturschutz und Gemeinde Wendelstein schon vor geraumer Zeit einen naturverträglichen Alternativvorschlag gemacht. © Gerner


Wenn die neue Trasse weitgehend auf bisherigem Weg durchs Land und damit zum Teil mitten durch Wohngebiete führt, dann laufen Bürgerinitiativen Sturm. Den gesundheitlichen Risiken einer deutlich erhöhten elektromagnetischen Strahlung – möglich ist wohl der Transport der zehnfachen Strommenge im Vergleich zu heute – will sich niemand aussetzen. Doch wenn der Übertragungsnetzbetreiber Tennet die Leitungen gewissermaßen um die Städte, Gemeinden und Dörfer herumbaut, dann droht im schlimmsten Fall der Verlust von 135 Hektar Reichswald. Auch das soll verhindert werden.

Am liebsten wäre es Tom Konopka, wenn die Aufrüstung ausfallen würde. "Wir können nicht genau beurteilen, ob die stärkere Leistung nötig ist", sagt der Regionalreferent des Bund Naturschutz (BN) bei einem Pressetermin in Wendelstein. "Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet stellt leider keine Zahlen zur Verfügung. Das ist für uns wie eine Blackbox."

Doch die Hoffnung, das Projekt zu verhindern, ist gleich null. Denn die 380-kV-Leitung mit dem Kürzel "P 53" ist inzwischen in den Netzentwicklungsplan der Bundesregierung aufgenommen. 2019 soll das Raumordnungsverfahren starten.

Beim Ortstermin – hier die 220-kV-Leitung zwischen Großschwarzenlohe und Wendelstein — machten die BN-Vertreter klar, dass bis zu 135 Hektar Reichswald auf dem Spiel stehen. © Gerner


Unklar ist bis jetzt der Verlauf der Trasse. Sie soll sich weitgehend an der bisherigen 220-kV-Freileitung orientieren, die von Raitersaich über Roßtal-Clarsbach, Regelsbach, Wolkersdorf, Katzwang, Kornburg, Kleinschwarzenlohe, Wendelstein, Schwarzenbruck, Winkelhaid, Ludersheim, Schwarzenbach und Ezelsdorf bis nach Postbauer-Heng führt und von dort aus weiter nach Süden.

Aber: Vor allem in Katzwang, in Wendelstein, in Winkelhaid und in Postbauer führt die Trasse mitten durch den Ort. Laut neuem Landesentwicklungsprogramm (LEP) darf das aber nicht sein. Neue Freileitungen sollen einen Mindestabstand von 200 (kleinere Weiler) bis 400 Meter (größere Orte) von Ortschaften haben, der Bund Naturschutz plädiert aus Gründen des Gesundheitsschutzes sogar für einen Abstand von 600 Metern.

Doch wenn Tennet sich strikt an diese Vorgaben hält, dann droht eine gewaltige Schneise durch den Reichswald südlich von Nürnberg. Die möglichen Verluste beziffert Stefan Pieger von der BN-Ortsgruppe Wendelstein dann auf bis zu 135 Hektar. Das ist mehr als derzeit durch sämtliche Straßenbauprojekte zusammen zur Disposition stehen.

Im Dialog mit Tennet will sich der BN bemühen, die Eingriffe so schonend wie möglich zu gestalten. So soll in besonders sensiblen Bereichen die Möglichkeit der Erdverkabelung geprüft werden. Aus Hessen stammt die Idee, für die Freileitung keinen Wald zu durchschneiden, sondern den Wald mithilfe besonders hoher Masten zu überspannen. Außerdem plädieren die Naturschützer für den Einsatz von flächensparenden Kompaktmasten statt der heute noch üblichen breiten Gittermasten. Einen entsprechenden Brief an Tennet hat Tom Knopka dieser Tage geschrieben. Hauptintention: "Wir wollen bei der Trassengestaltung mitreden, ehe alles bis ins letzte Detail festgezurrt ist", sagt Heide Frobel, die BN-Kreisvorsitzende im Nürnberger Land.

Markus Lieberknecht von Tennet stellt auf Nachfrage klar, dass vieles denkbar und manches möglich sei. Komplette Wälder habe man zum Beispiel schon einmal bei Rödenthal überspannt. Die vom BN ins Gespräch gebrachten Kompaktmasten würden zum Beispiel in den Niederlanden schon eingesetzt, "doch da sind die rechtlichen Voraussetzungen ein wenig anders". Und eine Erdverkabelung sei beim Transport von Wechselstrom zwar über kurze Strecken technisch möglich. Doch gebe es dafür derzeit noch keine rechtliche Grundlage. Klar macht er, dass die Freileitungen raus müssen aus den Orten. "Dazu zwingt uns schon die Bundesimmisionsschutzverordnung."

Lieberknecht kündigt an, ab Sommer/Herbst 2018 in die konkreten Gespräche mit der Politik und den Verbänden einzusteigen. Grobe Trassenkorridore könne man aber wohl frühestens Anfang 2019 nennen. Das Raumordnungsverfahren, das 2019 beginne, werde sich bis zu zwei Jahre hinziehen. Danach folge noch das ebenfalls aufwändige Planfeststellungsverfahren. Bis tatsächlich gebaut werde, würden erfahrungsgemäß vier bis fünf Jahre ins Land gehen. 

Robert Gerner

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