Dienstag, 13.11.2018

|

Nur 15 Sekunden fehlten

In Montreal fuhr der „Rad-Baron“ nur knapp an Olympia-Bronze vorbei - 11.08.2012 10:00 Uhr

Friedrich von Loeffelholz war nicht nur jahrelang die Nummer Eins, er trug sie auch oft im Rennen als Startnummer, wie hier auf dem Bild im weißen deutschen Meistertrikot 1978. Archiv: Marr


Zu den vielen begeisterten Zuschauern am heimischen Fernsehgerät zählt auch diesmal Friedrich von Loeffelholz, der 1973 als Jugendlicher bei der Katzwanger „RSG Franken“ mit dem Radsport begann. Beim einstigen „Rad-Baron“ werden dabei wieder viele Erinnerungen an die Spiele 1976 in Montreal wach, bei denen er als 21-Jähriger im Vierer-Straßenrennen über 100 Kilometer für die deutsche Nationalmannschaft startete und nur knapp die Bronzemedaille verfehlte.

„Für mich Jungspund war das ein Jahr nach meinem Abitur alles wie ein schöner Traum“, schwärmt Friedrich von Loeffelholz heute noch: Er konnte es zunächst kaum glauben, dass er für das olympische 100-Kilometer-Vierer-Rennen — seinerzeit die härteste olympische Radsportdisziplin — nominiert worden war: „Die internationalen Vorbereitungsrennen mit der Nationalmannschaft, das Trainingslager in Südfrankreich, die Reise nach Kanada, die grandiose Eröffnungsfeier, die ganze Atmosphäre dort in Montreal, das alles war für mich als Jüngsten der deutschen Straßenfahrer einfach überwältigend!“

Professor Dr. Friedrich von Loeffelholz heute. © Marr


Vor allem den 24. Juli 1976 wird Friedrich von Loeffelholz wohl nie vergessen. „Das war gleich zu Beginn der Spiele und ein herrlicher Sommertag. Es war keine Wolke am Himmel und extrem heiß, aber ganz mein Wetter. Ich fühlte mich an diesem Tag topfit und richtig wohl“, erinnert sich von Loeffelholz, der sich beim Start ebenso wie seine drei Teamkameraden Peter Weibel (Mannheim), Hans-Peter Jakst (Bremen) und Olaf Platian (Berlin) „eine Platzierung unter den ersten Zehn“ erhoffte. Doch dann kam es ganz anders. Nicht die zu den Favoriten zählenden Asse der ehemaligen DDR begeisterten die wenigen deutschen Schlachtenbummler entlang der schnurgeraden Canadien-Highway sondern das von Experten als Außenseiter eingestufte Quartett der Bundesrepublik, bei dem es mit jedem Kilometer besser lief.

In der Form seines Lebens

Insbesondere Friedrich von Loeffelholz, das Küken im Team, war an diesem Tag in der Form seines Lebens. Unter den besten Vierern aus 28 Nationen kämpfte sich das deutsche Team, in dem der Franke den stärksten Eindruck hinterließ, mit jedem Kilometer weiter nach vorne. Nach 100 Kilometern, die sie in zwei Stunden und zwölf Minuten zurücklegten, trennten die vier total erschöpften Fahrer nur 15 Sekunden von Bronze, das der dänische Straßenvierer hinter Russland und Polen gewann.

Nach der Zieldurchfahrt fielen die Vier vor Erschöpfung fast vom Rad. Friedrich von Loeffelholz saß minutenlang weinend im Straßengraben. „Das war nicht, wie viele glaubten, wegen der verfehlten Bronzemedaille, sondern die riesige Freude über den völlig unerwarteten vierten Platz. Die Emotionen übermannten mich damals total — ich war einfach fix und fertig“, erzählt Friedrich von Loeffelholz, der an diesem Tag noch ein besondere Auszeichnung erhielt. Reporter von BILD, die ihn heulend im Straßengraben sahen, hatten ihn neben der überragenden rumänischen Turnerin Nadja Comaneci zum „Olympioniken des Tages“ gekürt! Die Zeitung verlieh täglich eine in Messing gegossene kleine Bieber-Figur. „Amik der Bieber“ war 1976 das Maskottchen der Olympischen Spiele in Montreal.

Etwas enttäuscht reiste Friedrich von Loeffelholz trotzdem von Montreal nach Hause. Nicht wegen der knapp verpassten Medaille, sondern weil man ihn als den offensichtlich stärksten Fahrer des Vierers nicht für das drei Tage später folgende olympische Einer-Straßenrennen nominiert hatte. „Vorher hieß es, dass der Stärkste aus dem Vierer auch beim Straßenrennen starten darf“, ärgert er sich noch heute immer ein bisschen. „In der Bombenform, die ich damals hatte, wäre ich furchtbar gerne noch einmal gestartet.“

Trösten konnte sich Friedrich von Loeffelholz in den folgenden Jahren mit vielen anderen Erfolgen. Auch Medaillen fehlten nicht in seiner Sammlung: Allein bei Deutschen Meisterschaften holte er sich zwei Mal Gold und vier Mal Bronze. Hinzu kamen zahlreiche Etappen- und Tagessiege bei großen nationalen und internationalen Rennen. Mit einem eindrucksvollen Solosieg beim Frankfurter Klassiker „Rund um den Henninger Turm“ beendete Friedrich von Loeffelholz 1980 bereits mit 25 Jahren seine erfolgreiche Karriere als Radamateur.

Sein Studium, bei dem er ebenso ehrgeizig wie vorher im Rennsattel war, hatte nun absoluten Vorrang. Eine Entscheidung, die er nie bereute. An der Uni Würzburg-Schweinfurt lehrt der heute 57-jährige Professor Dr. Friedrich von Loeffelholz seit vielen Jahren als Dozent für angewandte Wissenschaften. In Schweinfurt leitet er ein Transferzentrum für Informations- und Kommunikationstechnik. „Sport ist eine sehr schöne Sache, doch Ausbildung und Beruf müssen immer Vorrang haben, warnt der Ex-Meister eindringlich alle Nachwuchs-Radsportler. Von den Rad-Wettbewerben in London war Friedrich von Loeffelholz restlos begeistert: „Schier unglaublich“ fand ich die Leistungen von Alexander Vinokurov beim Straßenrennen und von Bradley Wiggins beim olympischen Zeitfahren. Schade nur, dass es den klassischen Straßenvierer über 100 Kilometer bei den Olympischen Spielen nicht mehr gibt“.
  

MANFRED MARR

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Katzwang