19°

Donnerstag, 19.07.2018

|

„Stolpersteine“ erinnern an NS-Opfer

Nur drei Schwabacher Juden überlebten das KZ — Namen als Inschrift in Pflaster - 22.08.2013 08:30 Uhr

Der Initiativkreis des Projekts „Schwabacher Stolpersteine“. © okb/oh


Für die Idee, diese Steine auch in Schwabach zu setzten, gewann Melanie Greiner sogleich Daniela Hechtel, Nicola Meining, Stadtheimatpflegerin Ursula Kaiser-Biburger und Tilman Kuhl, den Landtagskandidaten der Grünen. Mit dazu gehören auch gleich die beiden Jugendlichen Mia-Noelle Greiner und Leah Hechtel. Sie brachten sich mit dem Vortrag des bewegenden „Poem“ der jungen jüdischen Autorin Selma Meerbaum-Eisinger ein, die mit 18 Jahren in einem Arbeitslager an Flecktyphus starb.

Das Muster der „Stolpersteine“. Die echten werden an die Namen der NS-Opfer erinnern. © oh


Die Verszeile daraus „Ich will leben“ sorgte ebenso für die angemessene Einstimmung wie die Musik, die der Pianist Andreas Maueröder und die junge Flötistin Dana Kopp zur musikalischen Umrahmung ausgewählt hatten.

Appell an Schulen

Tilman Kuhl erklärte den Besuchern, unter denen sich Vertreter des Sonderpädagogischen Förderzentrum, der Johannes-Kern Schule, der Realschule, der Wirtschaftsschule, des Adam-Kraft-Gymnasiums und des Wolfram-von-Eschenbach-Gymnasiums befanden, dieses Kunstprojekt genauer, das sich insbesondere an die Jugend wenden möchte. Die junge Generation solle aufgerufen sein, sich historisch mit den Opfern je nach Quellenlage zu befassen und diese so unvergessen machen.

Links zum Thema

Aus diesem Grund war die Initiative auch sehr über die große Resonanz der Schulen erfreut, die sich hier mit Interesse eingefunden hatten. Mittlerweile sind in über 500 Orten Deutschlands, etwa in Berlin, und auch in europäischen Ländern bereits über 35000 Steine verlegt worden. Dabei handle es sich um ein Kunstprojekt, das als Ganzes gesehen werden müsse, erläuterte Tilman Kuhl. Dabei werde eine Messingplatte, die 10 mal 10 Zentimeter groß ist, auf einem Betonwürfel angebracht.

Gemäß den Worten aus dem Talmud „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ werde eine Inschrift mit dem Namen einer Person, ein Datum und der Verbleib dieser Person eingraviert. Dieser Stein soll vor dem Gebäude, in dem diese Person zuletzt gelebt habe, in den Gehweg eingelassen werden.

In Schwabach will man sich zunächst den jüdischen Bewohnern zuwenden, die zu Opfern der Nationalsozialisten geworden seien. Die Finanzierung jedes Steines von 120 Euro sollte nach Möglichkeit von sogenannten Paten oder den Schulklassen beziehungsweise der Schule durch Spenden erfolgen.

Bürgermeister Dr. Roland Oeser begrüßte dieses Projekt. Wenngleich dies erst im Kulturausschuss besprochen wurde, so zeichnete sich bereits da eine parteiübergreifende Zustimmung ab. Im Herbst werde die Initiative ihr pädagogisches Konzept detaillierter vorstellen, so dass sich der gesamte Stadtrat diesem Projekt ohne Probleme anschließen könne.

Rund 40 Namen

Insgesamt gehe die Initiative von etwa 40 Namen jüdischer Mitbürger aus, denen die Initiative einen Stein widmen möchte. Diese Zahl sei aber noch nicht endgültig, da derzeit vom Jüdischen Museum Franken in Fürth aus intensiv in dieser Richtung geforscht werde, berichtete Ursula Kaiser-Biburger. Als Heimatpflegerin und Mitarbeiterin des Jüdischen Museums gab sie einen kleinen Einblick in das jüdische Leben in Schwabach von 1900 bis 1938.

Während der NS-Zeit seien von den etwa 100 hier lebenden Juden etwa ein gutes Drittel ausgewandert. Ein Drittel wurde deportiert, wovon nachweislich über die Hälfte dort ermordet worden sind. Ein weiteres knappes Drittel gilt als verschollen. Nur sechs Juden seien eines natürlichen Todes gestorben. Ein Selbstmord sei ebenfalls zu beklagen.

Nur drei aus Schwabach stammende Juden hätten die Zeit im Konzentrationslager überlebt. Zu ihnen gehörte Manuel Graf, der seinen Tabakladen einst im heutigen „Wissmeier-Haus“ gehabt habe. Er sei der einzige Jude gewesen, der nach 1945 nach Schwabach zurückgekehrt sei und als letzter Jude in Georgensgmünd seine letzte Ruhestätte gefunden habe.

Hilfe durch Museum

Wie so ein Stolperstein-Projekt umgesetzt werden könne, erläuterte Daniela Eisenstein, Leiterin des Jüdischen Museums Franken, am Beispiel des erfolgreich umgesetzten Schulprojekts in Schnaittach, einer Dependance des Jüdischen Museums. Dort hatten sich in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Schüler einer achten Hauptschulklasse diesem Thema gewidmet. Um den Schwabacher Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrkräften Hilfestellung bieten zu können, werde die Initiative zu Beginn des neuen Schuljahres eine inhaltliche Handreichung erstellen, die Informationen zu Quellen und weiterer Literatur beinhalten wird.

Da dies sehr gut in den Lehrplan Geschichte, Deutsch, Sozialkunde und Religion passe, könne das Thema auch fächerübergreifend behandelt werden und in individuellem Zeitmaße erarbeitet werden. „Dies ist auf jeden Fall ein Projekt, das nicht allein im kommenden Schuljahr bewerkstelligt werden muss, sondern sich durchaus über Jahre hinweg entwickelt“, erläuterte Ursula Kaiser-Biburger.

Am Ende — so wünscht es sich die Initiativgruppe — soll die feierliche Verlegung der Steine stehen, die damit die NS-Opfer unvergessen machen.

www.stolpersteine-schwabach.com oder E-Mail info@stolpersteine.schwabach.com
  

oh/ukb

7

7 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Schwabach