Donnerstag, 15.11.2018

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Wendelstein: Bayernweit einzigartiger Batteriespeicher

Projekt der Bürgerkraftwerk GmbH eingeweiht — Neue Nutzung von 84 ausrangierten Audi-Batterien - 17.07.2018 09:00 Uhr

Von Audi-Testwagen aus Ingolstadt ins Wendelsteiner Pilotprojekt: 84 alte Batterien aus A3- und Q7-Hybridfahrzeugen beginnen hier ihr „zweites Leben“ als Batteriespeicher. Projektleiter Stefan Mull (rechts) erläutert die Anlage. © F.: Wilhelm


Wem gehört der Batteriespeicher?

"Diese Anlage gehört der Bürgerschaft", betont Langhans. Genauer: der vor fünf Jahren gegründeten "Bürgerkraftwerk GmbH". Sie ist ein Tochterunternehmen der Gemeindewerke Wendelstein und der Nürnberger N-Ergie Regenerativ GmbH. Die Bürgerkraftwerk GmbH hat knapp 100 Mitglieder, die rund 1,4 Millionen Euro eingezahlt haben. Die Investoren erhalten auf ihr Kapital für zehn Jahre eine feste Verzinsung von jährlich 2,5 Prozent. Die Bürgerkraftwerk GmbH hat bisher Anteile von Photovoltaik-Anlagen gekauft. Der Batteriespeicher ist ein völlig neues Projekt.

Wer sind die Partner?

Die Bürgerkraftwerk GmbH arbeitet dabei mit namhaften Partnern zusammen, die unter anderem für das technische Knowhow sorgen: die N-Ergie als der große regionale Energieversorger, die Erlanger Firma Covalion, ein Spezialist für Energiespeichersysteme, und die Audi AG. Hinter Covalion steht die Framatome GmbH. Damit sind an diesem Projekt Fachleute aus Energieunternehmen, Anlagenbau und Autobranche vertreten.

Welche Rolle spielt der Staat?

Keine. Das Projekt wurde ohne jede staatliche Förderung verwirklicht. "Das zeigt die Richtung", findet Mittelfrankens-Regierungsvizepräsident Dr. Eugen Ehmann. "Man soll nicht immer auf den Staat warten." Auch MdL Volker Bauer (CSU), als Elektromeister mit dem Thema schon lange befasst, betont die Notwendigkeit solcher Pilotprojekte: "Vielen Dank für den Mut."

Was ist das Ziel?

Dieser Batteriespeicher ist ein Beitrag zur Energiewende vor Ort. "Der Ausbau der wetterabhängigen Energie aus Sonne und Wind macht den Einsatz von Speichertechnologien notwendig", erklärt Stefan Mull, Projektleiter und Geschäftsführer der Bürgerkraftwerk GmbH. "Dabei haben Batterien das Potenzial, vor allem kurz- und mittelfristige Schwankungen in den Verteilnetzen auszugleichen."

"Der Speicher stärkt die regionale Wertschöpfung und ist ein sinnvoller Beitrag zur Stärkung dezentraler Ansätze der zukünftigen Energieversorgung", betont Rainer Kleeberger, der Prokurist der N-Ergie, der auch für das Innovationsmanagement zuständig ist.

Wie sieht das Geschäftsmodell aus?

Die Bürgerkraft GmbH hat als Eigentümer rund 600 000 Euro in die Anlage investiert und sie an die N-Ergie als deren Betreiber langfristig vermietet. "Damit tragen die Bürger kein Risiko", betont Herbert Wild, der Leiter der Gemeindewerke auf Tagblatt-Nachfrage. Die N-Ergie vermarktet den Strom aus dem Speicher als sogenannte Primärregelleistung auf der Strombörse. Diese Primärregelleistung sorgt für den Ausgleich bei Lücken zwischen Stromerzeugung und Verbrauch. Die Netzfrequenz muss bei konstant 50 Hertz liegen.

Wie funktioniert Speicher?

Er ist an das normale Stromnetz angeschlossen. Die maximale Einspeise- wie Ausspeiseleistung beträgt 500 Kilowatt. Die 84 Autobatterien hat Audi kostenlos zur Verfügung gestellt. Sie wurden in Wendelstein zu einem Batteriespeicher zusammengefügt. Er hat eine Speicherkapazität von etwa 1000 kWh. Rein rechnerisch reicht das, um 100 Haushalte einen Tag zu versorgen.

Welches Interesse hat Audi?

Der Batteriespeicher dient auch der Forschung. Die Batterien stammen aus A3- und Q7-Testwagen. Nach rund 200 000 Kilometern wurden sie ausgemustert. Aber: Sie verfügen noch über eine Restkapazität von im Durchschnitt 94 Prozent. "Sie halten also deutlich länger als ein Autoleben", erklärte Reiner Mangold, der Leiter für "nachhaltige Produktentwicklung" bei Audi. Da Batterien in der Herstellung enorm viel Energie verbrauchen und Kohlendioxid verursachen, ist ein "zweites Leben" der Batterien umweltpolitisch so sinnvoll. Deshalb das Projekt mit dem Energiespeicher. "Wir sind gespannt, ob die Batterien noch zehn oder zwanzig Jahre halten." Erst dann werden sie zerlegt und wertvolle Rohstoffe wie Kobalt, Lithium und Nickel recycelt. "80 Prozent der Kobalt-Produktion kommt aus dem Kongo.", so Mangold. Immer wieder gibt es Kritik an den dortigen Arbeitsbedingungen, Stichwort Kinderarbeit. Zudem gilt der Kongo als Krisengebiet. Die lange Batterienutzung und effektives Recycling verringern die Abhängigkeit von Importen bei der künftigen Elektro-Mobilität. 

GÜNTHER WILHELM

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