Montag, 18.02.2019

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Zukunfts-Forscher zu Besuch bei Vorbildern

Informationsfahrt des Rother Kreistags ins Allgäu - 27.10.2012 09:25 Uhr

In Niedersonthofen werden seit einigen Monaten wieder Dinge des täglichen Bedarfs – hier Allgäuer Käse – verkauft. Die Bewohner stellten ihr Konzept eines Dorfladens vor. Weil der Laden zu klein ist, um alle Besucher aus dem Landkreis Roth zu fassen, wurde die Präsentation inklusive „Versucherle“ flugs nach draußen verlegt. Landrat Herbert Eckstein und seine Stellvertreterin Dr. Hannedore Nowotny griffen gerne zu. © Gsänger


Dort ging es nicht um die Vergangenheit, sondern um die ganz großen Themen der Zukunft: die Erzeugung von regenerativer Energie, um sich unabhängiger zu machen von Öl und Gas. Und um die Frage, wie in einer immer älter werdenden und in einer schrumpfenden Gesellschaft die Nahversorgung vor Ort sichergestellt werden kann. Stichwort: Dorfladen.

Anregungen holten sich etwa drei Dutzend Kreisräte und Bürgermeister im Landkreis Oberallgäu, einem der flächenmäßig größten Kreise in Bayern. Das Reiseziel vorgegeben hatte Landrat Herbert Eckstein. Er kennt seinen dortigen Kollegen Gebhard Kaiser und den Kemptener Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer aus zahlreichen gemeinsamen Sitzungen sehr gut. Und er ist auch privat mit der Region verwoben: In Oberstaufen tankt Eckstein mittels einer Schrotkur einmal jährlich Kraft für die Herausforderungen des Alltags.

Erste Station der Drei-Tages-Tour: der Windpark nahe Dürrwangen im Landkreis Ansbach. Zu hören waren die mächtigen Rotoren so gut wie nicht. Zu sehen allerdings wegen des nebligen Wetters auch fast nicht.


Mit einer Fülle von Eindrücken und Informationen traten die Mittelfranken nach drei Tagen die Heimreise an. „Wir nehmen reichlich Anregungen für unsere Arbeit vor Ort mit“, fasste Ecksteins Stellvertreter Walter Schnell am Ende der mit zahlreichen Terminen gespickten Fahrt zusammen. Ein Überblick.

Energie

Wenn der Begriff des Pioniers ein neues Gesicht hat, dann ist es das Gesicht von Arno Zengerle. Zengerle, von Jugend an Mitglied der CSU, ist Bürgermeister in der 2600-Einwohner-Gemeinde Wildpoldsried im Oberallgäu. Und Wildpoldsried ist gewissermaßen das Synonym für die gelebte Energiewende. Sieben Windräder drehen sich auf dem nahen Berg-rücken. 200 Photovoltaikanlagen auf Dächern liefern Strom von der Sonne. Die PV-Anlagen auf kommunalen Dächern betreiben die örtlichen Vereine. „Seither sind die Kassiere keine Kassiere mehr, sondern Schatzmeister“, sagt Zengerle. Von vier Biogasanlagen stammt nicht nur Strom, sondern auch die Heizwärme für große Teile des Dorfes. 140 Dach-Solarthermieanlagen mit einer Gesamtfläche von 1900 Quadratmetern erwärmen das Brauchwasser. Bei Zengerle geben sich Besuchergruppen aus aller Welt die Klinke in die Hand: aus Angola und aus dem japanischen Fukushima. Und manchmal, wie am Mittwoch, auch aus dem Landkreis Roth.

Ehe Zengerle umsteuerte, hat er sich des Rückhalts aus der Bevölkerung versichert. Das war der Schlüssel, der Türöffner. „Bevor wir die ersten Windräder gebaut haben, haben wir unsere Einwohner gefragt. 92 Prozent Zustimmung. Da konnten wir gar nicht mehr anders“, berichtet der CSU-Mann.

Inzwischen ist das Energiedorf, das fünfmal so viel Strom produziert wie es verbraucht, so bekannt, dass Welt-Konzerne wie Siemens bahnbrechende Versuchsreihen zum Thema Stromspeicherung in Wildpoldsried starten. All die Energiepreise, die die Gemeinde aus dem Landkreis Oberallgäu schon eingeheimst hat, passen kaum noch auf ein Bild der Powerpoint-Präsentation von Arno Zengerle. Zuletzt hat er den „Un Bosco per Kyoto 2012“ entgegengenommen. Den hatten in den Jahren zuvor Angela Merkel, Barrack Obama und Al Gore bekommen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Merkel, Obama, Gore, Wildpoldsried. „Die Anerkennung unserer Arbeit macht unsere Bürger stolz“, sagt Zengerle. „Jeder will irgendwie dabei sein.“

In der Tat ist es so, dass das Wildpoldsrieder Geschäft mit der Energie ohne jeden Großkonzern funktioniert. Die Bürger haben die Wende buchstäblich selbst in die Hand genommen. In den Windrädern steckt ausschließlich Geld aus dem Dorf. In den Solar- und den Biogasanlagen auch. Das hat unschätzbare Vorteile: „Steigende Energiepreise sind für uns kein Thema mehr“, sagt Arno Zengerle.

Dabei ist Wildpoldsrieds Geheimnis auch ein Stück weit geschickte Vermarktung. Die „Pumpentauschaktion“ zur Eliminierung des größten Stromfressers im Haushalt, der alten Heizungspumpe, die Arno Zengerle anpreist, hat auch das Energiebündel Roth-Schwabach aufgelegt. Und bei der Zertifizierung zum European Energy Award haben die Oberallgäuer ebenso viele Punkte erhalten wie das geringfügig größere Kammerstein.

In der Tat mussten die Mitglieder des Kreistags nicht unbedingt bis nach Wildpoldsried fahren, um sich ein Windrad einmal aus der Nähe anzusehen (und vor allem anzuhören). Auf der Fahrt ins Allgäu machte der Bus schon in Dürrwangen (Landkreis Ansbach) Station, wo sich seit diesem Frühjahr ebenfalls drei mächtige Bürgerwindräder drehen.

Der „Macher“ des dortigen Projekts ist Bürgermeister Franz Winter. 118 Gesellschafter und regionale Banken haben die Millionen-Investition gestemmt. Am Anfang sei schon Widerstand zu spüren gewesen“, sagt Winter. „Aber inzwischen ist die Akzeptanz da.“

Sie ist da, weil sich Befürchtungen einzelner nicht bewahrheitet haben. Der berüchtigte „Disco-Effekt“, „Eiswurf“ oder Lärm sind bei den Anlagen der neuesten Generation kein Thema mehr. Die mächtigen, 82 Meter großen Rotoren sind selbst dann kaum zu hören, wenn man direkt unter ihnen steht. Einzige Einschränkung ist die Optik. „Ich akzeptiere jeden, der sagt, das gefällt mir nicht“, so Winter. „Andererseits muss man sagen, dass der Mensch seit Jahrtausenden die Kulturlandschaft umgestaltet. Früher hat es auch keinen Fernsehmast auf dem Hesselberg gegeben.“

Wichtigstes Argument für die Bürgerwindräder: Der Energiekonzern N-Ergie überweist jedes Jahr 1,1 Millionen Euro für den Strom, den die drei Windkraftanlagen erzeugen. „Das Geld bleibt in der Region und stützt die Region“, so Bürgermeister Winter.

Natürlich sind Dürrwangen und Wildpoldsried nicht 1:1 auf den Landkreis Roth übertragbar. Manche Gemeinden mussten im Zuge der Überarbeitung des Regionalplans geradezu gezwungen werden Vorrang- und Vorbehaltsflächen für Windräder festzulegen. Andere treiben die künftig wohl wichtigste Form der Stromerzeugung mit mehr Engagement voran.

In der Energie-Bilanz hechelt der Landkreis Roth den meisten Nachbarn hinterher. In diesem Jahr kommt jede dritte in Bayern verbrauchte Kilowattstunde Strom aus erneuerbaren Quellen. Der Landkreis Roth stand 2010 bei 18 Prozent, hat inzwischen wohl die 20-Prozent-Marke überschritten. Aber: Nachholbedarf ist da. Größtes Problem: Die durchschnittlichen Windgeschwindigkeiten sind in der Region allen Berechnungen zufolge nicht allzu üppig. Es gibt nur ganz wenige 1-a-Standorte. Und ausgerechnet dort ist entweder eines der wenigen Hochtechnologiezentren des Landkreises im Weg (Wehrtechnische Dienststelle Greding), der Widerstand in der Bevölkerung besonders groß (Hofberg bei Obermässing) oder Tatendrang der Mehrheit der Kommunalpolitiker nicht allzu ausgeprägt (östlich von Hilpoltstein).

Arno Zengerle würde solche Einschränkungen nicht gelten lassen: „Wenn jeder darauf wartet, dass es der Nachbar macht, werden wir die Wende nicht schaffen.“

Nahversorgung

Weg von der Energie, hin zu einem ganz anderen täglichen Bedarf: Wie und wo sollen Menschen, die nicht (mehr) mobil sind, ihr Brot, ihr Fleisch, ihr Obst und ihre Milchprodukte einkaufen, wenn der letzte Laden im Ort zugemacht hat? Eine der Antworten könnte lauten: In einem von den Bürgern des Ortes getragenen und organisierten Dorfladen. Zwei solche Dorfläden werden in den nächsten Monaten im Landkreis Roth an den Start gehen: in Röttenbach und in Leerstetten.

Anschauungsunterricht, wie solche Läden funktionieren können, gab es für die Rother Kreisräte auf ihrer Info-Tour gleich doppelt: in Krugzell und Niedersonthofen. In beiden Fällen ein Gemeinschaftsprojekt der Bürger vor Ort. Die haben, ähnlich wie in einer Genossenschaft, Anteile gezeichnet und dem Dorfladen damit das nötige Startkapital verschafft. Ehrenamtliche führen die Geschäfte, Frauen aus dem Ort finden eine Arbeit.

Die Preise sind in der Regel höher als im Discounter im nächsten oder übernächsten Ort. Diesen Nachteil müssen die Dorfläden wettmachen durch Engagement und Kundenpflege. Der Dorfladen in Krugzell, an dem 250 Bürger – jeder achte Einwohner – beteiligt sind, hat das geschafft. 130 Kunden pro Tag bringen im Jahr einen Umsatz von 550000 Euro. Das reicht, um zwei Hauptamtliche und sechs 400-Euro-Kräfte zu beschäftigen. Und: Die Ergebnisse sind seit acht Jahren stabil. Wie die Lage allerdings aussieht, wenn eines Tages Geschäftsführer Reinhold Hipfel kürzertreten wird, weiß niemand. 35 Stunden investiert Hipfel jede Woche – ehrenamtlich. Wenn er bezahlt werden müsste, wäre der Dorfladen Krugzell ganz schnell am Ende.

Noch nicht allzu viel Erfahrung gibt es im nahen Niedersonthofen. Dort machte der Dorfladen in dem früheren Armenhaus auf, in dem 100 Jahre ein Kolonialwarenladen residiert hatte. Hier sind sogar drei Viertel des Dorfes Mitglied. Der winzige, aber äußerst geschmackvoll eingerichtete Dorfladen ist nicht nur ein kleines Einkaufsland für die Dinge des täglichen Bedarfs, sondern auch Kommunikationszentrum.

Ob auch die geplanten Dorfläden in Röttenbach und Leerstetten eine gute Zukunft haben? Reinhold Hipfel, der Geschäftsführer des Dorfladens in Krugzell, ist sich sicher: „Es funktioniert nur, wenn der Lokalpatriotismus über die Geiz-ist-geil-Mentalität triumphiert.“

Gruppendynamik

Energie und Nahversorgung waren die wichtigsten Themen der „Lehr- und Informationsfahrt“. Doch solch eine Drei-Tages-Tour ist mehr als nur Anschauungsunterricht für Kommunalpolitiker.

Touristische Programmpunkte sind bei einer solchen Fahrt zwar kein zwingendes Muss. Aber manchmal hilft es weiter, wenn man gemeinsam an der Oberstdorfer Skisprungschanze dem Training des Deutschen B-Kaders zusieht. Wenn man durch die prunkvollen Räume der Kemptener Residenz geführt wird. Wenn man einen Blick in eine Sennerei werfen kann. Oder wenn man sich nach einem ausgefüllten Tag an der Hotelbar zum nicht ganz alkoholfreien Absacker trifft. „Wenn wir menschlich miteinander können und wenn wir uns über Fraktionsgrenzen hinweg besser kennenlernen, werden wir es eher schaffen, durch unsere Politik den Landkreis voran zu bringen“, sagte der Abenberger Bürgermeister Werner Bäuerlein.

Will heißen: Die großen Aufgaben der Zukunft werden nur gelöst werden können, wenn im Kreistag und in den Gemeinden CSU, SPD, Freie Wähler, Grüne und FDP an einem Strang ziehen. „Insofern ist es schade, dass nicht einmal die Hälfte des Kreistages dabei sind“, fand Bäuerlein.

Doch für die Absenzler gibt es Hoffnung. Die nächste „Lehr- und Informationsfahrt“ des Kreistages und der Bürgermeister soll es nicht erst in vier, sondern schon in etwa zwei Jahren geben. Hat jedenfalls Landrat Herbert Eckstein in Aussicht gestellt. Vielleicht findet sich bis dorthin auch ein etwas weniger altbackener Titel. 

ROBERT GERNER

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