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Ungeklärte Mordfälle in Bayern: SPD fordert Spezialeinheit

Auch ein Experte sagt: "Das kann man nicht im Nebenjob machen" - 02.10.2018 05:21 Uhr

Nach dem Doppelmord an einem Ehepaar: Ermittler suchten und sicherten Spuren im ausgebrannten Wohnmobil. © Archiv: Hagen Gerullis


Es war der 8. Juni 1997. Auf einem Waldparkplatz zwischen Nürnberg-Altenfurt und Feucht brannte es lichterloh. Gegen 0.50 Uhr gingen die ersten Notrufe bei der Einsatzzentrale ein. Es war ein Wohnmobil, das in Flammen stand. Nach den Löscharbeiten machten die Einsatzkräfte aber einen grausigen Fund: In dem ausgebrannten Caravan entdeckten sie zwei verkohlte Leichen. Wie sich herausstellte handelte es sich um das Ehepaar Truus und Harry Langendonk aus den Niederlanden.

Tage, Wochen und Monate ermittelte die Kripo und rekonstruierte den Fall: Die Langendonks wurden Opfer eines brutalen Raubmordes, nicht am Waldparkplatz, sondern bei Litzlwalchen im Landkreis Traunstein. Dort wurden sie mit einer Pistole des sowjetischen Typs Tokarev T33 erschossen und ihnen die Kehle durchgeschnitten. Die Ermittlungen brachten aber nicht den gewünschten Erfolg, bis heute gibt es keine Spur.

"Wir dürfen keine Anstrengungen unterlassen"

Wie viele ungeklärte Tötungsdelikte, also Morde und versuchte Morde, es in Bayern seit 1986 gibt, wollte die SPD-Landtagsfraktion wissen. Aus einer Antwort des Innenministeriums geht hervor, dass bis Ende 2017 die Polizei bayernweit 4459 Tötungsdelikte verzeichnete. Davon sind bis heute 189 nicht aufgeklärt. Mittelfranken steht mit 30 ungeklärten Fällen auf Platz zwei — gefolgt von Oberbayern (21), Oberfranken (15), Unterfranken (14), der Oberpfalz (7) und Niederbayern (5). Die meisten ungelösten Fälle gibt es in Schwaben (31).

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SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher fordert für Bayern die Gründung einer Spezialeinheit für ungelöste Mordfälle. Während sich andere Bundesländer wie Hamburg und Nordrhein-Westfalen bereits auf den Weg ge macht hätten, Cold-Case-Einheiten einzurichten, habe sich das Bayerische Innenministerium dazu noch nicht durchringen können. "Wir dürfen keine Anstrengungen unterlassen, die Strafverfolgung so effektiv wie möglich zu machen", sagt er.

Tatsächlich gibt es bei der bayerischen Polizei keine Teams, die sich ausschließlich um Altfälle kümmern. Es sind einzelne Kripo-Beamte, die auf Cold Case spezialisiert sind. Sie werden aber auch im Allgemeindienst eingesetzt, sind also jederzeit für aktuelle Fälle abrufbar. Einen solchen Fachmann hat es bis Anfang August auch bei der Mordkommission 3 des mittelfränkischen Polizeipräsidiums gegeben. Der Mann für Altfälle arbeitet im Präsidium aber jetzt in einer anderen Dienststelle, so eine Sprecherin der Pressestelle. Warum er gegangen ist, bleibt offen.

Fall Kampusch brachte Umdenken in Wien

Doch diese Mischform von Allgemeindienst und Arbeit an Altfällen ist umstritten. Denn je länger eine Tat zu rückliegt, desto schwieriger wird es, dem oder den Tätern auf die Spur zu kommen. Wer an Altfällen arbeitet, benötigt Zeit. Ein schneller Erfolg, wie ihn manche Vorgesetzte erwarten, ist da nicht drinnen. In der Regel läuft das so: Bei einem Kapitaldelikt gründet die Polizei eine Soko mit mehreren Beamtinnen und Beamten. Zeugen werden befragt, Spuren und Bilder ausgewertet, der Tathergang rekonstruiert, Personenbeschreibungen und Fotos veröffentlicht. Ist die Ermittlung ausgeschöpft und hat sich keine heiße Spur ergeben, wird Personal abgezogen und die Soko irgendwann aufgelöst — der Fall wird zum Altfall.

In Wien war es der Fall Kampusch, der die dortige Polizeiführung zum Umdenken brachte. 1998 wurde die Österreicherin im Alter von zehn Jahren entführt und acht Jahre lang in einem Verlies gefangen gehalten bis sie am 23. August 2006 fliehen konnte. Das dortige Bundeskriminalamt gründete in der Folge eine Cold-Case-Einheit, die absolut autark ermittelt. Leiter der vierköpfigen Gruppe ist Chefinspektor Kurt Linzer. Erfolge kann er vorweisen. Etwa den Fall Heidrun W. Die Kinderpflegerin war 2001 spurlos verschwunden. Sie wurde Jahre später für tot erklärt, die Leiche nie ge funden. Linzers Team kam dem Täter Jahre später auf die Spur. Oder der Fall Julia Kührer. Die 16-Jährige aus Niederösterreich verschwand 2006 spurlos, 2011 fand man ihr Skelett. Die Cold-Case-Ermittler klärten den Fall, 2013 wurde ihr Mörder zu lebenslanger Haft verurteilt. Das sind nur zwei Beispiele auf seiner Erfolgsliste.

"Cold Case kann man nicht im Nebenjob machen"

"Für Cold-Case-Fälle braucht man eine losgelöste Polizei-Einheit", sagt Kurt Linzer gegenüber den Nürnberger Nachrichten. Das aber setze eine hohe Akzeptanz innerhalb der Polizeibehörde voraus. "Cold Case kann man nicht im Nebenjob machen."

Für den Wiener Chefinspektor liegt der Erfolg allerdings nicht nur im Lösen eines Falls. Der Cold-Case-Fokus auf die Täter ist das eine. Das andere sind die Angehörigen der Opfer. "Die dürfen wir nicht alleine lassen. Für sie ist es wichtig, wenn sie merken, es gibt da noch jemanden, der sich darum kümmert." 

Alexander Brock

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