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Schickedanz-Biografie als "Heldengeschichte"

Kritik an einigen Arbeiten aus dem Institut des Erlanger Professors Gregor Schöllgen - 29.04.2011 22:00 Uhr

Wehrt sich gegen Kritik von Kollegen an der Arbeit seines ZAG: der Erlanger Historiker Gregor Schöllgen. © Stefan Hippel


Gregor Schöllgen unterteilt den deutschen Wissenschaftsbetrieb gern in verschiedene Ligen. Und dass er als Historiker zusammen mit ganz wenigen Kollegen in der Ersten Liga spielt, steht für den selbstbewussten Erlanger Professor außer Frage. Schöllgen pflegt gute Kontakte zur Berliner Politik; er ist zuständig für die historische Ausbildung angehender deutscher Diplomaten, er schrieb Bücher über die deutsche Außenpolitik und eine viel beachtete Biografie Willy Brandts.

Besonders stolz ist Schöllgen auf das vor sechs Jahren gegründete und unter dem Dach der Universität arbeitende „Zentrum für Angewandte Geschichte“. Das ZAG-Team beschäftigt sich vor allem mit der Aufarbeitung von Unternehmensgeschichten. „Der Historiker wird zum Dienstleister“, meint Schöllgen. Und: „Wir kapitalisieren Geschichte.“

Das ZAG verdient Geld, weil die Auftraggeber für die Dokumentation ihrer Geschichte zahlen. Schöllgen sieht in dieser sich selbst finanzierenden Art von Wissenschaft ein Modell, an dem sich auch seine Kollegen messen lassen müssten. „Wer sich mit dem, was der Forscher denkt und tut, nicht grundsätzlich auch auf dem freien Markt positionieren kann, muss sich die Frage nach der Legitimation seines Tuns und damit nach der Berechtigung seiner Alimentierung durch die öffentliche Hand gefallen lassen“, behauptete Schöllgen schon 2007 in einem Vortrag — und erntete damals heftigen Protest aus den Reihen seiner Erlanger Kollegen. Beeindruckt hat Schöllgen das wenig; die Kollegen spielen nicht in seiner Liga.

Härter dürfte den Erlanger Historiker getroffen haben, dass sich in jüngerer Zeit mehrere renommierte deutsche Medien sehr kritisch mit seiner ZAG-Methode befasst haben. Der jüngste solche Beitrag („Die Firma zahlt“) ist in der aktuellen Ausgabe der Zeit nachzulesen.

Schöller, Diehl, Brose und Schickedanz

Der Autor hat sich Schöllgens Bücher über die fränkischen Unternehmer Schöller, Diehl, Brose und Schickedanz vorgenommen. „Alle vier Bücher folgen demselben Erzählmuster der klassischen Heldengeschichte. Alle vier sind im selben geläufigen Duktus verfasst, einem etwas floskelhaften Stil, der die Präzision scheut.“ Die Süddeutsche Zeitung formulierte das in ihrer Besprechung der Schickedanz-Biografie vergangenes Jahr noch etwas bissiger: „Es ist der Stil, der Festveranstaltungen schmückt und Chroniken füllt, nicht durch Zwischenfragen stört oder gar durch neugieriges Stöbern auffällig würde.“ Von Schöllgens „Methode der widerstandslosen Hofmusik“ war die Rede.

Mehr und mehr melden auch Historiker-Kollegen Bedenken an, was die Unternehmensgeschichten aus der ZAG-Werkstatt angeht. Sie werfen Schöllgen vor, in den Auftragswerken auf wichtige wissenschaftliche Standards zu verzichten. Oft werden Quellen nicht genau benannt, auf Fußnoten wird grundsätzlich verzichtet. Johannes Bähr, Privatdozent an der Uni Frankfurt/Main, monierte, dass Schöllgen in seiner Schickedanz-Biografie seine Einschätzung, der Quelle-Gründer und Fürther NSDAP-Stadtrat sei trotz des Erwerbs „arisierter“ jüdischer Unternehmen keineswegs Nutznießer des Nationalsozialismus gewesen, ausgerechnet auf Akten der späteren Entnazifizierungs-Spruchkammer stützt. „In solchen Akten wurde gelogen, dass sich die Balken biegen“, so Bähr.

Eckart Dietzfelbinger, Historiker am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände (dessen Konzept Schöllgen miterarbeitet hat) wirft dem Schickedanz-Biografen „apologetische Geschichtsschreibung“ und „Hofberichterstattung“ vor. Schöllgen verstoße mit seiner verharmlosenden Darstellung gegen die „Erinnerungskultur“, die sich bei der gründlichen Aufarbeitung der NS-Geschichte etabliert habe. Und Tim Schanetzky, Historiker in Jena, stellt „den wissenschaftlichen Wert der Erlanger Massenprodukte“ in Frage. „Tatsächlich betätigt sich das ZAG selbst als Mitläuferfabrik, indem es Entnazifizierungsunterlagen nutzt, um den Mythos vom unpolitischen und wehrlosen Unternehmer systematisch zu pflegen“, kritisiert Schanetzky.

Keine Einflussnahme

Schöllgen weist solche Vorwürfe zurück. Er hält seinen Kritikern vor, selbst die Faktenlage nicht zu kennen. Die ZAG-Werke seien keine Gefälligkeitsarbeiten. „Wir lassen uns vertraglich zusichern: Entweder nimmt der Auftraggeber unsere Arbeit an, oder er lehnt sie als Ganzes ab. Eine Einflussnahme auf die historisch-politische Einordnung oder Interpretation hat der Auftraggeber nicht.“

Die Kritik aus dem Kollegenkreis erklärt sich Schöllgen auch mit Neid. „Es ist die alte Geschichte“, beginnt er eine ausführliche Erwiderung auf eine solche Kritik, „mit Erfolg macht man sich nicht nur Freunde.“ 

ALEXANDER JUNGKUNZ UND HANS-PETER KASTENHUBER

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