Sonntag, 18.11.2018

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Schmerzhafte Reise in die Vergangenheit

Ehemalige Zwangsarbeiter des Gestapo-Lagers sind für vier Tage in Langenzenn zu Besuch - 21.09.2010 07:30 Uhr

„Sie sind ein junger Bürgermeister in einer schönen Stadt“: Der ehemalige Zwangsarbeiter Bogdan Debowski (rechts) — im Gespräch mit Langenzenns Stadtoberhaupt Jürgen Habel — freute sich über die Einladung. © Thomas Scherer


„Das ist ein sehr schöner Ort“, sagt Bogdan Debowski und blinzelt vor dem Alten Rathaus am Prinzregentenplatz in die Sonne. Besonders die historische Bausubstanz der Zennstadt hat es dem ehemaligen Stadtplaner, der nach dem Krieg mit dem Aufbau der zerstörten polnischen Hauptstadt Warschau beschäftigt war, angetan.

1945 waren seine Empfindungen jedoch andere. Von den Nationalsozialisten als Jugendlicher aus Polen verschleppt, erlebte und überlebte Debowski eine dreijährige Odyssee, die ihn über die Stationen „Russenwiese“ in Nürnberg-Langwasser, die Konzentrationslager Flossenbürg und Dachau schließlich die letzten sechs Monate bis Kriegsende nach Langenzenn führten. Hier existierte seit Herbst 1943 ein Zwangsarbeiterlager mit 200 bis 500 Häftlingen, vornehmlich aus Osteuropa, Belgien oder Frankreich.

Joachim Mensdorf, früherer Direktor des Langenzenner Wolfgang-Borchert-Gymnasiums und jetzt im Ruhestand, hat dem Leiden mit dem Anfang des Jahres erschienenen Buch über die Erinnerungen des ehemaligen Häftlings Wladyslaw Kostrzenski ein Gesicht gegeben. Aber nun stehen Bogdan Debowski und seine Gefährten leibhaftig am Ort des Geschehens.

Viele starben in den Baracken

Als 14-Jähriger musste Debowski beim Entladen von Zügen helfen. Gesehen hat er von der Stadt nichts, Transporte, wie zu den Vernehmungen durch die Gestapo in Nürnberg, erfolgten in verdunkelten Fahrzeugen. In Erinnerung geblieben ist ihm insbesondere die Situation in den Baracken. Die Gefangenen schliefen auf dem nassen Boden, der im Winter gefror. „Viele starben“, sagt Debowski. Er selbst erkrankte kurz vor Kriegsende an Typhus. An seine Befreiung durch die Amerikaner kann er sich deshalb auch kaum erinnern.

Joanna Maxellon, Filmemacherin mit polnischem Pass, sorgt für die Verständigung, übersetzt beim Empfang der Stadt Langenzenn im Alten Rathaus auch die Rede von Bürgermeister Jürgen Habel. „Ich freue mich, dass Sie diesen Schritt gegangen sind“, sagt das Stadtoberhaupt, „denn Sie waren unter keinen guten und schönen Umständen in Langenzenn.“

Das ist jetzt anders. Organisiert haben die Stadt und der örtliche Arbeitskreis, der sich mit der Historie des Lagers beschäftigt, den Besuch von Bogdan Debowski, Stanislawa Martyn, Jan und Edmund Utracki sowie Irena Swierczewska — die beiden Letzteren sind als Kinder von Zwangsarbeitern in Langenzenn geboren — mit Hilfe des Nürnberger Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung. Sozialwirtin Birgit Mair und Historiker Peter Zinke haben die Adressen der einstigen Zwangsarbeiter über die polnische und ukrainische Versöhnungsstiftung ermittelt, betreuen die Gruppe und dokumentieren ihren Aufenthalt.

Das Programm der vier Tage ist dicht gedrängt. Nach dem Besuch des Gottesdienstes in der Stadtkirche und dem Empfang durch die Stadt wurde auf der Laubendorfer Kirchweih zu Mittag gegessen. Anschließend folgte ein Abstecher ins Freilandmuseum nach Bad Windsheim.

Heute treffen die Zeitzeugen Schüler des Borchert-Gymnasiums, zudem führt der Heimatverein die Gäste durch Langenzenn. Am Dienstag findet ab 18 Uhr ein Ökumenischer Gottesdienst in der katholischen Kirche St. Marien statt. Die Eröffnung der Ausstellung zum Thema „Arbeitserziehungslager und örtliche Zwangsarbeit“, die für drei Monate im Alten Rathaus zu sehen ist, schließt um 19.30 Uhr den Besuch ab.

Dass er die Einladung dazu annehmen würde, stand für Bogdan Debowski übrigens sofort fest. Schließlich, sagt der 82-Jährige, „ist es schön, am Ende des Lebens zu wissen, wo man war“.

  

Harald Ehm

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