3°C

Freitag, 28.11. - 14:21 Uhr

|

zum Thema

Als Charisteas die Hertha zur Weißglut trieb

Nürnbergs Ex-Stürmer spricht mit Online-Mitarbeiter Andreas Pöllinger über das 2:1 im März 2010 - 17.01.2012 22:00 Uhr

Der geht rein! In Berlins Abstiegssaison lässt Club-Stürmer Angelos Charisteas Keeper Jaroslav Drobny in der Nachspielzeit keine Abwehrchance. Nürnbergs 2:1-Auswärtserfolg stürzte die mittlerweile wieder erstklassigen Berliner ins Tal der Tränen.

Der geht rein! In Berlins Abstiegssaison lässt Club-Stürmer Angelos Charisteas Keeper Jaroslav Drobny in der Nachspielzeit keine Abwehrchance. Nürnbergs 2:1-Auswärtserfolg stürzte die mittlerweile wieder erstklassigen Berliner ins Tal der Tränen. © Sportfoto Zink


Berliner Olympiastadion, 13. März 2010, 17:21 Uhr. In einer mit offenem Visier geführten Nachspielzeit legt der FCN noch einmal vehement den Vorwärtsgang ein. Die spielentscheidende Szene hat Angelos Charisteas jetzt - fast zwei Jahre später - noch sekundengenau vor dem inneren Auge. Mike Frantz schickt Ilkay Gündogan per Steilpass auf die Reise. Gündogan steuert auf Hertha-Schlussmann Jaroslav Drobny zu, schiebt den Ball quer zum mitgelaufenen Griechen, und der drückt ihn abgeklärt über die Linie.

Unmittelbar nach der 1:2-Heimpleite stürmten Chaoten im Olympiastadion das Spielfeld.

Unmittelbar nach der 1:2-Heimpleite stürmten Chaoten im Olympiastadion das Spielfeld. © Sportfoto Zink


Der 31-jährige Charisteas, der nach knapp zehn Jahren Auslandsaufenthalt nun in der Heimat für Aufsteiger Panetolikos Agrinio stürmt, verwendet in der Rückschau die Wörter "wichtig" und "emotional  auffällig häufig. "Es war ein Dreier, der uns Luft gab, den Klassenerhalt zu schaffen", bewegt ihn die Erinnerung noch immer. Einen Angreifer, der bereits im EM-Finale 2004 bewiesen hatte, dass er ein Mann für wichtige Tore ist. Einen Teamplayer, der im Clubtrikot stets engagiert, meist aber glücklos blieb, und dem dies bis heute für beide Seiten leid tut.

Damals in Berlin war Charisteas‘ Joker-Tor ein purer Glücksmoment, der auf dem Feld nicht lange anhielt. Den Abstieg vor Augen stürmte ein Hertha-Mob nach dem Abpfiff den Platz und ließ seine Wut an Trainerbank und Werbetafeln aus. "Harry" & Co. flüchteten sich Hals über Kopf in die Stadion-Katakomben.

Das Duell Hertha gegen Club ist ohnehin ein ganz besonderes. Zum ersten Mal waren sich beide Vereine in der Bundesliga 1963 gegenüber gestanden  - am 1. Spieltag der just etablierten deutschen Elite-Klasse. Max Morlock markierte im Olympiastadion den ersten Bundesliga-Treffer des FCN. Bis zur Führung hatte viermal das Torholz der Nürnberger Erfolgspremiere im Weg gestanden! Kurz vor der Pause zielte die Club-Legende jedoch genauer und spitzelte den Ball an Hertha-Keeper Wolfgang Tillich vorbei in die Maschen.

Die Entscheidung zum Hinrundenauftakt im August 2010: Tomas Pekhart hat den Ball nach dem Pass des just zuvor eingewechselten Jens Hegeler kurzentschlossen ins kurze Eck bugsiert.

Die Entscheidung zum Hinrundenauftakt im August 2010: Tomas Pekhart hat den Ball nach dem Pass des just zuvor eingewechselten Jens Hegeler kurzentschlossen ins kurze Eck bugsiert. © dapd




Ein knappes halbes Jahrhundert später, auch am 1. Spieltag, bedeutete Nürnbergs einziger Treffer an gleicher Stätte einen verdienten Auftakterfolg in der Saison 2011/12. Die Hausherren, die sich als Aufsteiger in der Bundesliga zurückgemeldet hatten, zeigten sich Anfang August 2011 hypernervös und gehemmt. Die Club-Akteure präsentierten die reifere Spielanlage und die flüssigeren Offensivansätze. In der Schlussphase brachte Trainer Hecking Jens Hegeler, der setzte sich an der linken Außenbahn durch, passte klug nach innen, dort drückte Neuzugang Tomas Pekhart den Ball aus kurzer Distanz ins kurze Eck - und die zahlreich mitgereisten Clubfans im Gästeblock flippten aus.

Raffael und Rafati bringen den Club dem Abstieg näher

Im Mai 2008 war das Stimmungsbild noch ganz anders gewesen: Die 0:1-Niederlage bei der Hertha versetzte damals den FCN in Schockstarre. Im Spiel hatten sich die Berliner auf gemächlichen Sommerfußball beschränkt, die nervösen Nürnberger die Einladung jedoch nicht angenommen, ihre Feldüberlegenheit in Tore umzumünzen. Eine Viertelstunde vor Schluss erteilte Raffael Anschauungsunterricht in Sachen Abschlussstärke und steuerte wie Schiedsrichter Babak Rafati seinen Teil zu einem aus Nürnberger Sicht absoluten Miese-Laune-Nachmittag bei. Es kam wie es kommen musste: Sieben Tage später war der siebte Bundesliga-Abstieg des FCN amtlich.

Um den Klassenerhalt ging‘s für den FCN auch im August 1991: In Berlin revanchierte er sich durch ein 4:2 für die blamable 1:4-Heimpleite aus der Hinrunde - einem von lediglich drei Hertha-Siegen in der Erstliga-Spielzeit 1990/91. Im mit nur 7570 Zuschauern gefüllten Stadion gaben die 3000 Clubfans den Ton an. Umso lauter, als Jörg Dittwar sie früh ein erstes Mal jubeln ließ und durch einen verwandelten Foulelfmeter nachlegte. Marc Oechler wollte nicht nachstehen und zog durch ebenfalls zwei Treffer wieder mit dem Strafstoß-Spezialisten in der mannschaftsinternen Torschützenliste gleich. Als Hansi Dorfner die Kreativzentrale verließ, kamen die Berliner bis auf zwei Tore heran. Da es zu mehr nicht reichte, war für das Team von Arie Haan die Gefahr des direkten Abstiegs gebannt.

In der Zweitliga-Saison 1984/85 hatte auch der junge Andy Köpke, damals noch im Hertha-Trikot, den Sturmlauf der "Jungen Wilden" unter Trainer Heinz Höher nicht stoppen können. (Nach einer Sensations-Rückrunde mit 29:9 Punkten stieg der Club in dieser Saison auf). Der Hertha-Keeper, der ein Jahr später in die Noris wechseln sollte, stemmte sich nach Leibeskräften gegen die Angriffswellen, die im Mai 1985 auf sein Gehäuse zurollten. Doch drei Einschläge in seinem Kasten konnte auch der spätere Nationaltorwart nicht verhindern. Als Torschützen fungierten einmal Dieter Eckstein und zweimal der erst 18-jährige Hochgeschwindigkeitsfußballer Stefan Reuter.

"Hi-ha-ho, Hertha ist k.o."

Ebenfalls gute Laune hatten die Club-Anhänger, die ihren Lieblingsverein im Juni 1927 ins Berliner Grunewaldstadion begleitet hatten. Dort zauberte zu Beginn nur die Club-Offensive – mit raschem Erfolg: Hans Kalb jagte die Kugel per kernigem Freistoß ins linke untere Eck – 1:0! Im zweiten Durchgang legte Heiner Träg das 2:0 nach: Der Sturmtank marschierte schnörkellos aufs gegnerische Tor zu und knallte das Leder trocken ins Gehäuse. Nürnbergs fünfte Meisterschaft war perfekt. Vor dem Anpfiff hatte der Schlachtruf: "Ha-ho-he, Hertha BSC" alles übertönt. Nach Spielende dröhnte der Kontergesang über die Wipfel des Grunewaldes: "Hi-ha-ho, Hertha ist k.o.".

Bilderstrecke zum Thema

Chandler Clubfans Berlin Tomas Pekhart
Auswärtssieg! Auswärtssieg! Club gewinnt bei Hertha BSC

Toller Auftakt für den FCN: Bei Hertha BSC ist der Club im August 2011 über 90 Minuten das bessere Team - und schlägt zehn Minuten vor Schluss eiskalt zu: Jens Hegeler vernascht Maik Franz, Tomas Pekhart ist zur Stelle - und der Gästeblock flippt aus. Hier sind die schönsten Bilder!


  

ANDREAS PÖLLINGER

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.