Mittwoch, 19.12.2018

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Blickpunkt Sport: Applaus für die Doper

Seltsame Inszenierung mit Triathlet Normann Stadler im Fernsehen - 15.07.2009

In Roth begeistert angefeuert, am Montagabend in der Fernsehsendung "Blickpunkt Sport" unterschwellig des Dopings verdächtigt: Der Triathlet Normann Stadler © André De Geare


Tagelang machten die bayerischen Fernsehkollegen Christian Materna und Thomas Klinger in Roth auf gute Laune, der Radiosender Bayern 3 heizte den Leuten gekonnt am Solarer Berg ein und schwafelte (weniger gekonnt) schon bei der ersten Durchfahrt Normann Stadlers von einer neuen Weltbestzeit bei den Männern.

Zwei Ex-Doper mit unrühmlichem Sachverstand

Genau jener Triathlet erlebte dann am Montagabend das Kontrastprogramm. Erst wurde er wegen der intensiven Anti-Doping-Bemühungen seines Teams als gläserner Sportler und Saubermann dargestellt, dann kündigte Nadvornik knallhart Klärungsbedarf an. Als Sachverständige traten zwei Ex-Doper auf, die seit Wochen und Monaten als geläuterte Betrüger ihren eher unrühmlichen Sachverstand den Medien andienen: Der aus Ansbach stammende Radprofi Jörg Jaksche und die eher Insidern bekannte österreichische Triathletin Lisa Hütthaler. Sie wurde kürzlich zu einer Bewährungsstrafe von drei Monaten verurteilt, weil sie eine Laborantin zu bestechen versuchte, um eine positive Epo-Probe aus der Welt zu schaffen.

Was die beiden mit Normann Stadler zu tun haben? Wissen wir nicht, hat sich durch die Sendung auch nicht erschlossen. Aber jedenfalls wurde besonders durch Hütthaler ziemlich unverhohlen der Eindruck erweckt, dass es ohne Doping im Triathlonsport nicht gehe – schon gar nicht bei Top-Leistungen, wie sie die Weltspitze am Sonntag in Roth abgeliefert hatte. Hütthaler beschrieb ein Umfeld, in dem chemischer Betrug Teil des Trainigsprogramms sei, was der sichtlich genervte Stadler mit der Bemerkung konterte: «Das ist vielleicht in Österreich so.«

Verbale Brunnenvergiftung gegenüber Normann Stadler

Jaksche, der früher, als er noch zu den hartnäckigen Lügnern zählte, beim Thema Doping nie zu erwähnen vergaß, dass er als Arztsohn so etwas nie machen würde, brachte Stadler mit dem Freiburger Doping-Arzt Lothar Heinrich in Verbindung, der die vielen Manipulationen beim Team Telekom mit zu verantworten hat. Eine Behauptung, für die er jeden Beweis schuldig blieb. Und Moderator Nadvornik? Der saß dabei, hakte nicht nach, als Hütthaler sagte, sie bereue nichts («es ist halt passiert«) und immer wieder darüber schwadronierte, wie rein jetzt nach dem Geständnis ihr Gewissen sei.

Dafür gab’s Applaus vom Publikum, das den hintergründig lächelnden Jaksche und die geläuterte Österreicherin anscheinend zunehmend sympathischer fand als den bislang unbescholtenen Stadler, der dafür in Erklärungsnot kam. Unterschwelliger Vorwurf: Wer mit 36 Jahren seine Bestzeit um neun Minuten verbessert, muss verdächtig sein. Selbst wenn dem so ist, warum hat man dann die Bemühungen von Stadlers Team nicht mit Hilfe von Experten hinterfragt und durchleuchtet? Oder gibt es Indizien, ja gar Beweise, die auf eine Manipulation hindeuten? Die süffisante Bemerkung Jaksches, bei ihm selbst könne ja nichts mehr nachkommen, mag banal klingen, ist aber nichts anderes als verbale Brunnenvergiftung gegenüber Stadler.

Bislang untadeliger Sportler stand als Verlierer da

Hypothetische Frage: Wäre Jaksche früher wirklich so sauber gewesen, wie er stets behauptete, wie hätte er sich dann wohl in so einer Situation als Studiogast gefühlt, nach einer sportlich riesigen Leistung am Tag zuvor? Wahrscheinliche Antwort: ziemlich mies.

Bleibt die Erkenntnis, dass am Montagabend bei all der Pseudo-Aufklärerei überhaupt nichts Neues zum Thema Doping geboten wurde. Stadler hat als Vierter in Roth ein großes Rennen geliefert. Ob er wirklich sauber ist, weiß letztlich nur er selbst, aber es gibt derzeit keinerlei konkrete Anzeichen, dass er es nicht ist. Die Ex-Doper nutzten mal geschickt, mal gefühlsbetont die großzügig dargebotene Plattform; der bislang untadelige Sportler stand als Verlierer da. Wirklich ein starkes Stück Sportjournalismus. 

Thomas Scharrer

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